Montag, 16. April 2012

ZWEIMAL ZYPERN - WARUM DENN NICHT?



Impressionen von der Internationalen Tourismus Börse
(ITB) 2012 in Berlin

von HEIDEMARIE BLANKENSTEIN



Wer in Berlin Anfang März bei der ITB das Reiseziel Zypern suchte, fand es gleich zweimal: In der Europa-Halle gleich neben Griechenland und in der Asien-Halle gleich neben der Türkei. Das ist charakteristisch für die Insel. Alles ist doppelt: Ortsnamen, Religionen, Sprachen, Währung, Regierung, Flug- und Golfplätze.

Sehr weitläufig präsentiert sich der Stand der griechischen Zyprer, die jenen Insel-Teil vertreten, der von sich behauptet die Republik Zypern einschließlich des Türkischen Nordteils zu sein und das seit 1960 der restlichen Welt einhämmert.

Die Einreise über den modernisierten Internationale Airport von Larnaca (übrigens kürzlich auf zyperntürkischem Land errichtet) wird lauthals angepriesen. EU-finanzierte Autobahnen führen von Larnaca nach Limassol, zum Beispiel zum Luxushotel Le Meridien Spa und Resort, wo den Touristen perfekter Service, in den Felsen gehauene Pools und von Palmen umrahmte Wasserfälle erwarten. Eine Broschüre informiert den Reisewilligen über das “kulturelle Erbe” Zyperns, und der staunt nicht schlecht, dass diese Vielvölker-Insel nur von Griechen geprägt sein soll:

"1200 v. Chr. trafen vom Meer her griechisch sprechende Siedler auf der Insel ein. Bald war der Einfluss der griechischen Kultur zum festen Bestandteil des täglichen Lebens der Zyprioten“.

Wie langweilig, ist es doch gerade die Vielfalt der Insel, die den Gast anlockt.

Das haben die zypern-griechischen Messe-Macher (inklusive ihrer Regierung) wohl noch nicht kapiert, denn die Landkarten an den Messe-Ständen zeigen Städte und Straßen nur im griechischen Süd-Teil, während der türkische Nord-Teil ganz weiß ist und als “türkisch besetzt” bezeichnet wird, wo offenbar niemand lebt, wo es keine Wege, keine Straßen gibt, keinen Handel, keine Hotels, wo es leer, öde und tot ist.

Trotzdem werden Ausflüge - nur mit griechischem Reiseführer - in den türkischen Norden angeboten. Ein türkischer Reiseführer wird dann als “Silent Guide” dabei sein, der jedoch nicht widersprechen darf, wenn der Grieche mit weitausholender Geste im Norden behauptet: “Das ist alles unseres - unser Paradies”. Ob griechischer Fremden-Führer oder hier am Messe-Stand - überall scheint sich dieser Teil gern als Insel-Verwalter aufzuspielen.

Und vor Ort? Einmal im griechischen Teil gelandet, spüren die Touristen bald beim schweren Commandaria-Wein, bei Oliven, bei Halloumi-Käse, auf den Gipfeln und Dörfern des Troodos-Gebirges und in der alten Stadt Paphos, beim Felsen der Aphrodite, dass das sonnige Zypern ein Teil von dem ist, was vom Paradies auf Erden übrig blieb. Leider bemühen sich die griechischen Verwalter, es den auf den Abflugtafeln aller Flugplätze aufgelisteten Kapazitätsweltmeistern rund ums Mittelmeer gleichzutun und die Strände mit unansehnlichen Hotelkästen voll zu betonieren.

Deshalb behauptet sich das Paradies vor allem im Nordteil der Insel, also auch bei den Türken, in den Hafenstädten Girne oder im alten Gazi Magusa (Famagusta), in Güzelyurt, in Lapta, in Bellapais, bei den Kreuzritterburgen Sankt Hilarion, Buffavento oder hoch oben auf der Burg Kantara.

Und dieses Paradies behauptet sich trotz des vielen Blutes, das auf der gesamten Insel seit jeher und wieder seit 1963 geflossen ist.

Ein unabhängiger Staat Gesamt-Zypern - sowie die Griechen ihn heute vertreten wollen - bestand de jure nur von 1960 bis 1963. Danach wurden die seit 1571 auf der Insel lebenden Türken von der griechisch-zyprischen Regierung bedrängt, gettoisiert, wirtschaftlich ruiniert und zum Teil vertrieben. Nach dem Staatsstreich des Engländer- und Türkenschlächters Sampson und der vollständigen Machtübernahme der griechischen Faschisten 1974 haben türkische Truppen - gemäß der Drei-Mächte-Garantie für die Sicherheit und Unabhängigkeit der Insel von 1960 - zum Schutz ihrer bedrohten Inseltürken - interveniert. Seit 1974 herrscht Waffenstillstand.

Da mit den Inselgriechen, die sich selbst als Staatsvolk und die Türken als Minderheit, bzw. als Gäste bezeichnen, kein Kompromiss auf der Basis einer Gleichberechtigung möglich war, gründeten die türkischen Zyprer 1983 auf dem nördlichen Inselgebiet einen eigenen Staat, die Türkische Republik Nord Zypern, dieTRNZ. Dieser durfte bis 1999 - auf Drängen des EU-Mitglieds Griechenlands - keinen eigenen Messe-Stand betreiben.

In der TRNZ wird der historisch und kulturell interessierte Fremde ein Zypern finden, das seine Reise wert ist. Er wird eine ländliche, duftende, an Sandstränden gelegene mit sanften Bergen und kühlen Hainen, mit Ruinen, eine ungeschminkte, von Sonne, Mond und Sternen geprägte Insel finden,. Außerdem werden ihn Küchenzauberer verwöhnen.

Am türkisch-zyprischen Messe-Stand geben diese Zauberer Kostproben:

Frische Zitronenlimonade, Mezze, Fladenbrot und Oliven. Ein Töpfer von Design 74 zeigt an einer rotierenden Töpfer-Scheibe seine Kunst. Er hat sie in der Porzellanstadt Selb gelernt und spricht ganz gut Deutsch.

Der türkisch-zyprische Staat wird von der EU und der Welt boykottiert. Zu Unrecht. Nur die Türkei unterstützt diesen Teil der Insel. Flüge von Europa zum Flughafen Ercan (Lefkosia) führen über Istanbul oder Ankara mit allen türkischen Linien (Atlas, Pegasus und Turkish-Airlines (bzw.Türk Hawa Yollarie).

Egal, für welchen Einreiseteil sich der Tourist entscheidet; er darf seit einigen Jahren die Grenze zwischen dem nördlichen und südlichen Teil passieren, und das ist auf jeden Fall spannend. Er wird sich zu recht fragen: “Warum soll es denn nur ein griechisches Zypern geben? Der türkische Teil ist mindestens ebenso erlebenswert und hat bestimmt auch eine gleiche Daseinsberechtigung”.

15. April 2012

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