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Samstag, 14. Februar 2015

Wenn Mauern fallen - nicht immer ein Segen?


Am 9. November 2014 jährt sich der Fall der Deutschen Mauer zum fünfundzwanzigsten Mal. Ein Jahr später folgte dann die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands. Dass Wiedervereinigungen nicht immer eine Lösung sind, stellt Heidemarie Blankenstein im Falle Zyperns zur Diskussion. Unsere Gastautorin, die jahrelang durch die Welt gereist ist und noch immer viel unterwegs ist, weiß: Manchmal sind Mauern als Grenzen auch ein guter Schutz.

Der Ruf des Muezzins weckt mich kurz vor Sonnenaufgang, genau um 5.45 Uhr, mit:  Allah ist der Größte. Ihn kümmert es nicht, dass die Deutschen heute den Tag der Deutschen Einheit feiern.

Hier im türkischen Norden der Mittelmeer-Insel Zypern bereitet man sich heute vielmehr auf Kurban-Bayram vor, auf das Zuckerfest, vergleichbar mit unserem  Weihnachtsfest. Vier freie Tage stehen bevor, viele Besuche bei den Familien, viele Leckereien, viele Picknicks im Grünen. Auch sonst wird im türkischen Teil der Insel keine Feier ausgelassen: Da sind die verschiedenen Dorffeste, das Olivenfest in Zeytinlik, das Lapta-Festival, das Weinfest in Akdeniz, das Tourismus-Fest von Girne, das ökologische Fest in Büyükkonuk.

Rund ums Jahr gibt es Anlässe. So ist es nicht verwunderlich, dass Nationaltage gleich zweimal zelebriert werden. Einmal am 15. November, dem Staatsgründungstag von 1983, und dann noch am 20. Juli. An jenem Tag im Jahre 1974 kam das türkische Militär als Retter ihrer zyprischen Volksgruppe  übers Meer, denn 5 Tage zuvor hatten griechische Nationalisten gegen Staatspräsident und Kirchenoberhaupt Makarios geputscht. Der warf seine Soutane ab und konnte durch die Küche auf die britischen Militärbasen flüchten.

Die Insel war bis 1960 britisch regiert. Griechische Nationalisten jagten sie von der Insel – nur einige Militärstützpunkte sind den Briten verblieben. Auf der Insel einigte man sich ab 1960 auf eine intelligente Verfassung, eine, die allen Volksgruppen gerecht werden sollte. Aber schon drei Jahre später löste die griechische Gruppe, die meinte, als Mehrheit das Sagen zu haben, das Verfassungsgericht einfach auf. Die von Stund an bedrohten Türken zogen sich in Enklaven zurück, so dass die Insel seit 1963 geteilt ist und de jure als Staat nicht mehr besteht. Trotzdem wurde Griechisch-Zypern als „Republik Zypern“ 2004 EU-Mitglied, ohne dass geklärt war, auf welches Staatsgebiet sich diese „Republik“ erstreckt.

Eine Grenze als Schutz. Die Insel ist geteilt, und zwar seit 1974 durch eine richtige Grenze. Mit dieser können die Zypern-Türken – trotz scharfer Sanktionen – ganz gut leben, denn für sie ist diese Grenze ein Schutz gegen griechische Extremisten, während Zypern-Griechen in ihr eine Bedrohung sehen. Sie wünschen sich, nach deutschem Modell, eine Vereinigung. Allerdings möchten sie dies nicht nach der Devise „Wir sind ein Volk“. Keinesfalls würde die türkische Volksgruppe anerkannt oder gar respektiert werden, so wie es in Deutschland der Vereinigung mit den Deutschen der DDR vorausging.
Am liebsten möchten Griechen die Insel türkenfrei wissen. So sind jahrzehntelange Friedensgespräche immer wieder gescheitert. Jüngst haben die Griechen wieder einmal den Verhandlungstisch verlassen, denn zu Kompromissen zeigen sie sich nicht bereit.
So sitze ich hier am 3. Oktober oben auf meinem Balkon mit Blick auf das nur 60 km entfernte Taurus-Gebirge in der Türkei und erfreue mich an unserem friedlichen Mittelmeerdomizil. Dabei bin ich umringt von den aktuellen Brennpunkten wie Syrien, Irak, Israel und Palästina.
„So paradox das auch für deutsche Ohren klingen mag, ich genieße den Inselfrieden, den die Teilung durch eine Grenze 1974 geschaffen hat. (Zitat)
Eine neue Westbank? So sehr sich viele die Überwindung dieser Teilung Zyperns wünschen mögen, die Zeit arbeitet für ihre Zementierung. Dabei sollte niemand vergessen, dass eine Veränderung des Status Quo neues Unrecht,  wahrscheinlich auch neues Leid und neue Gräuel hervorbringen wird. Aus einem demokratisch verfassten Nordzypern könnte dann eine „Westbank“ werden….
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Erscheinungsdatum: Montag, 3.11.2014

 


 

Montag, 29. März 2010

Zypern, wer wird Präsident?

Zwar eine demokratische Wahl in Türkisch-Zypern - aber gern international unter den Teppich gekehrt
Der Mond erscheint als Sichel, nicht nur am Himmel über Nordzypern, sondern auch in der Flagge dieses kleinen Staates.
Weißgrundig, weht sie wie das Foto-Negativ jener knallroten vom 50 km entfernten türkischen Festland. Als politische Demonstration bedeckt sie in einem hunderte Meter großen Rechteck die Gipfel der Fünffinger-Bergkette, gut sichtbar für ihre Nachbarn, die Griechen Südzyperns. “Ich bin jedes Mal schockiert, wenn ich diese Monstrum sehen muss”, ärgerte sich der griechisch-zyprische Präsident Dimitris Christofias vor ausländischen Gästen.
Das nannte Hasan Ercakica, Regierungssprecher der Türkischen Republik Nordzypern (TRNZ) eine Beleidigung für sein ehrbares Staatssymbol. Ein Staat, den es genau genommen nicht gibt, weil er seit seiner Gründung 1983 auf Betreiben Griechenlands international (Ausnahme Türkei) nicht anerkannt wurde. Und doch ist das türkische Nordzypern seit 27 Jahren mit seinen 300.000 Einwohnern und seiner demokratisch gewählten Regierung eine politische Realität. “Unter völkerrechtlichen Gesichtspunkten besteht an der Existenz unseres Staates kein Zweifel. Auch wirtschaftlich hätten wir ohne die jahrzehntelangen Embargos prosperieren können” wurde Ex-Präsident Rauf Denktas nicht müde, die Situation seines Landes zu erklären. Ihm wurde vorgeworfen, bei allen Gesprächen über die politische Zukunft Nordzyperns ein unnachgiebiger Verhandlungspartner gewesen zu sein. Er selbst meinte dazu, dass er die international verbrieften Rechte seines Volkes immer hatte schützen müssen, eine Verantwortung, die ihm demokratisch übertragen wurde.
Auch seinem Nachfolger Mehmet Ali Talat, er gehört der sozialistischen CTP an, wurde diese Verantwortung bei der Wahl 2005 zum Präsidenten übertragen. Seit September 2008 sitzt er mit dem zyperngriechischen Präsidenten Christofias am Verhandlungstisch. Doch derartige interkommunale Gespräche finden schon seit über 40 Jahren statt - erfolglos.
Am 18. April ist nun wieder Präsidenten-Wahl. Sie wird direkte Auswirkungen auf die Frage haben, wie die Verhandlungen zwischen Nord- und Südzypern fortgeführt werden. Ein zyperntürkischer Präsident ist nicht nur moralisches Vorbild und Repräsentationsfigur wie in Deutschland, sondern er hat viele exekutive Vollmachten.


Insgesamt haben sich sieben Kandidaten für das höchste Amt im Staat registrieren lassen. Alle haben bekräftigt, dass es zu weiteren Verhandlungen kommen wird. Ob Talat wieder gewinnen wird, ist fraglich, denn er kämpft gegen den Ruf an, er habe die inseltürkische Eigenständigkeit durch seine großzügige Kompromisshaltung gefährdet. “Sollte Talat am 18. April vom Volk abgewählt werden, wird das von Gazetten und Politikern überall als Rückfall in die Zeit des “Hardliners” Rauf Denktas gegeißelt werden.” schreibt Uli Piller, der ehrenamtliche Repräsentant der TRNZ in München. Aber vor allem sollten sich die Brüsseler Beamten fragen lassen, ob sie nicht in ihrem blinden Philhellenismus mit der Aufnahme der nur griechisch-zyprischen “Republic of Cyprus” in die EU zur Verhärtung der Positionen und zur Isolierung der Zyperntürken beigetragen haben?
Denn trotz der aktuellen Friedensgespräche wird durch Rechthaberei und Bosheiten das Insel-Leben erschwert. Da geht es um Eigentumsrechte, um Rechte auf den Namen eines Käses, um Rechte an Ölvorkommen im Meer, um Fährverbindungen von Nordzypern nach Syrien und Israel, um Überflugrechte, um die Fahne …und vieles mehr. So hat z. B. Griechenland im Januar 2009 gegen den Nato-Partner Türkei für Milliarden in neue Waffensysteme investiert, während der kommunistische zyperngriechische Teil-Präsident Dimitris Christofias zu seinen ehemaligen, jetzt gewendeten Glaubensbrüdern am
21. November 2008 zum 200-Millionen-Euro-Waffeneinkauf nach Moskau reiste.

Nach fast 350 Jahren Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich wurde Zypern 1888 besetzt, 1914 formal von den Briten annektiert und elf Jahre später zur Kronkolonie ernannt, ein Status, der bis zur Unabhängigkeit 1960 galt. Als Staatsgründer gilt Erzbischof Makarios. Aber die Verfassung der Republik, auf die er vereidigt wurde, hat er nicht respektieren wollen, obwohl schon im Staatsgründungsakt von 1960 ein türkisch-zyprisches Mitbestimmungsrecht festgelegt wurde. Seitdem ist Zypern zu einem Krisenherd geworden, weil sich die Griechen als gesamtzyprisches Staatsvolk sehen und die Türken zur Minderheit mit Gastrecht degradiert haben.

Mit dem damaligen Verfassungsbruch und dem militärischen Angriff auf die türkische Zivilbevölkerung 1963/1964 hatten die Griechen schon nach drei Jahren die Republik zerstört. Dennoch gelang es ihnen bis heute sich als Opfer der Türken zu inszenieren und sowohl die internationale Presse als auch Brüssel vom Fortbestand der “Republik Zypern” zu überzeugen. Das war nicht besonders schwierig, denn alle diplomatischen Kontakte wurden seit 1963 von Zyperngriechen wahrgenommen.
Es war 1974, als Griechenland einen Putschversuch auf Zypern wagte, um den Anschluss der Insel, die megali idea, den nationalistischen Traum von Großgriechenland zu verwirklichen. Auf Kreta war es schon gelungen, die Türken zu verjagen, warum sollte es nicht auch auf Zypern gelingen? Jedoch endete dieser Griff nach Zypern mit dem Herbeieilen der Truppen vom türkischen Festland zum Schutz ihrer Volksgruppe, eine Intervention, zu der die Türkei - zusammen mit England und Griechenland - nach dem Genfer Zypern-Schutz-Abkommen berechtigt, ja sogar verpflichtet war.

“Bis Ende 2009 müssen wir eine Zypern-Lösung gefunden haben” meinte Präsident Talat vor einem Jahr. Doch die Zypern-griechische Seite hatte schon im April 2004 mehrheitlich gegen den UN-Annan-Friedens-Plan gestimmt. Sie beharrt immer noch auf ihrem vermeintlichen Anspruch auf die gesamte Insel. Die EU stärkt ihr dabei den Rücken, denn sie hatte bei dem Aufnahmeantrag schlicht übersehen, dass die “Republik Zypern” seit 1963 nicht mehr besteht. Jedenfalls hat sie ohne Not ein Gebilde aufgenommen, ohne zu wissen, auf welches Territorium sich dessen Hoheitsgewalt erstreckt.

Eine pikante Situation mit 300.000 zyperntürkischen Geiseln. Die gehören theoretisch bereits zum EU-Raum, nur können sie in der Praxis ihre Rechte nicht wahrnehmen, ihre demokratisch gewählten Vertreter, die ihnen zustehenden Sitze in Brüssel nicht einnehmen, ihre Stimmen in Rat, Kommission und Parlament nicht erheben. Dafür darf Griechisch-Zypern seine “eigene Minderheit” weiterhin boykottieren, versuchen diese durch strenges Embargo auszutrocknen und ihre Repräsentanten politisch und diplomatisch zu diskriminieren.

Aber die Sichel am Himmel wird weiter über der kleinen “Türkischen Republik Nordzypern”, geschützt durch türkische Truppen, weiter leuchten.

Heidemarie Blankenstein,
Berlin / Zypern, 29. März 2010

Samstag, 10. Januar 2009

Archäologen mitten in Zyperns Zwietracht


Die Ledrastreet ist nur wenige hundert Meter lang, doch wenn sich Uwe Müller auf seinem Weg zur Mittagszeit bei einem Eis und türkischem Kaffee entspannt, braucht er gut eine Stunde für die kurze Strecke. Gewöhnlich schwellen Autolärm und Marktgeschrei zwischen Büyükhan und Eleftherias Square zu dieser Tageszeit ab. So kann er deutlich das Glöckchen der nahen griechisch-orthodoxen Phaneromeni-Kirche hören, aber auch das Rufen des Muezzins von der großen Selimiye-Moschee. Das ist Zypern. Alles ist hier vielschichtig. Dem Einerseits und Andererseits, das die Insel seit 1963 zerschneidet, kann  Müller nicht entkommen. Er arbeitet seit acht Jahren als Archäologe an der Eastern Mediterranean University (EMU) von Magusa (Famagusta) im türkischen Teil der Insel. Manchmal besucht er Freunde im griechischen Süden.  Dabei muss er eine Grenze passieren. Dann ist es mit seiner Entspannung vorbei. Frustration und Enttäuschung steigen in ihm hoch. 

Nun sollte man meinen, dass Wissenschaft  heute eine internationale Angelegenheit ist, die normalerweise keine Grenzen kennt. In Europas südöstlichstem Zipfel ist das freilich anders. Dort lebt die Forschung mit einer Grenze, an der sich die Geister scheiden. Den einen, den Griechen,  gilt sie als unerträglich. Die anderen, die Türken, beziehen aus ihr Sicherheit und Orientierung.

Als die Mittelmeerinsel vor vier Jahren Mitglied der Europäischen Union geworden war, glaubten die tapferen Brüsseler EU-Erweiterer,  die Grenze zwischen dem  griechischen  und dem türkischen Teil werde sich automatisch in Luft auflösen. 

Die Brisanz der unmittelbaren Konfrontation, die zwischen dem christlich-orthodox-griechischen und dem islamisch-orientalisch- türkischen Kulturkreis herrscht, hatten sie unterschätzt.

Dass aber gerade Archäologen durch einen außergewöhnlichen Fund in Nord-Zypern Opfer dieser Grenze würden, sogar tiefe Gräben durch die Forscherszene ziehen und Politiker in Aufregung versetzen könnten, war schon gar nicht zu erwarten.

Zwei US-amerikanische Professoren von der Eastern Mediterranean University (EMU) in Magusa (Famagusta) wandern durchs nord-zyprische Karpas-Hinterland, dort, wo meistens mehr Esel als Menschen umherstrolchen. Sie stoßen auf eigenartige Metallstücke und  informieren  den Fachmann,  den deutschen Archäologen der EMU, Dr. Uwe Müller.

Was sich ihm darbot, konnte nur durch eine unmittelbar Not-Aktion geschützt und gerettet werden. 26 gut erhaltene Gefäße, Weihrauchbrenner und Werkzeuge - alle offensichtlich aus der späten Bronze-Zeit, seit über 3000 Jahren versteckt unter einem Hügel mit vielen Namen:  Königshügel, auch Kaleburnu-Kraltepe oder Galinoporni-Vasili.


Unter Müllers Leitung, der türkisch-zyprischen Museums- und Antiquitäten-Verwaltung, dem Archäologie-Kollegen Bülent Kizilduman sowie  Akademikern aus Tübingen und Freiburg begannen Ausgrabungen im August 2005, finanziert von Deutschlands Fritz-Thyssen-Stiftung.

Da in der heutigen Zeit nur noch ganz selten so gut erhaltene Artefakte aus der Späten-Bronze-Zeit (1300 v. Chr) gefunden werden, war Sorgfalt und Behutsamkeit angesagt:  Zuerst wurden Räume mit vorhellenistischen Fresken freigelegt, in denen sich eine beachtlicher Reichtum an Luxusartikeln befand: Krüge, Kosmetik-Näpfe, Waagschalen mit ziselierter Gewichtseinteilung, Mörser, Stößel und Stöpsel. “Ihre Anfertigung aus Kupfer-Zinnlegierung erfüllt hohe technische Ansprüche. Vergleichbare Objekte sind bisher nur aus so prominenten Fundorten wie Ugarit, Megiddo oder aus Akko bekannt”, berichtet Müller. Er erzählt weiter und versetzt seine Zuhörer Jahrtausende zurück. Er lässt hoch beladene Schiffe aus der Levante kommend auf der wichtigen Route nach Anatolien und in die Ägäis im geschützten zyprischen Hafen einlaufen. Er beschreibt emsige, um Fracht feilschende Kaufleute,  um  Kupferbarren, um duftende Öle oder um berauschendes Opium. Wir meinen schließlich, eine prächtige Stadt in einer früh globalisierten, grenzenlosen Welt zu erkennen, deren Reichtum vor allem  auf  Kupfer-Ausfuhr (daher der Name Zyperns) beruht. Doch ihre Mauern sind eingestürzt, ihr Hafen versandet, ihr Name ging verloren. Ein treffliches Beispiel für Zypern gesamtes Geschick.

Schon immer haben  neue Eroberer nach der drittgrößten und kupferreichen Mittelmeerinsel gegriffen. Sie etablierten sich - und wurden vertrieben. Die vielfältigen Einflüsse lassen  sich  kaum alle aufzählen.

Wer vom Osten her aus den Gebieten der Hochkulturen an Euphrat und Tigris oder vom Nil nach Europa drängte, nahm den Weg über Zypern: das legendäre und kriegerische Reich der Hyksos, die Ägypter, Phönizier, Assyrer,  Perser und  Ptolemäer, später die Araber und von 1571 die osmanischen Türken. Ihnen gehörte Zypern  bis 1878, dem Beginn der britischen Kolonialzeit.
In umgekehrter Stoßrichtung war es nicht anders: die Achäer sowie Alexander der Große, die Römer und Byzantiner, der englische König Richard Löwenherz, die Templer und  die Kreuzfahrer, das französische Adelsgeschlecht der Lusignans, Genua und Venedig. Seit Jahrtausenden kreuzen sich hier die Machtinteressen. Auch in Zyperns jüngster Geschichte.

Schon kurz nachdem sich die Briten 1960 auf ihre drei militärischen Insel-Stützpunkte zurückgezogen und die Insel in die Unabhängigkeit entlassen hatten, radikalisierte sich das Misstrauen zwischen Griechen und Türken zum Bürgerkrieg. Erzbischof und Präsident Makarios kündigte die neue Verfassung der Republik Zypern  auf und drängte die türkischen Zyprer aus der Regierung.  Die Athener nationalistischen Obristen versorgten paramilitärische Verbände der Inselgriechen mit Waffen. Am 15. Juli 1974 putschten diese gegen die eigene griechisch-zyprische Regierung, um die Vereinigung Zyperns mit Griechenland durchzusetzen. Die Türkei sah die Zyperntürken in Gefahr und intervenierte am 20. Juli 1974. Seitdem herrscht zwar Ruhe an der Grenze zwischen  den beiden Volksgruppen, doch ohne Friedensabkommen.  Der letzte Versuch war der Friedensplan des UN-Generalsekretärs Annan, dem die türkischen Zyprer 2004 mehrheitlich zustimmten. Allerdings waren die griechischen Zyprer dagegen, aus gutem Grund. Sie hatten mit Erfolg auf  das historische Vergessen gesetzt. Dadurch war der Zypern-Horizont der Brüsseler Beamten dermaßen eingeschränkt, dass diese vor der EU-Aufnahme der Republik Zypern zu klären versäumten hatten, auf welches Territorium sich das Hoheitsgebiet des Antragstellers eigentlich erstreckte. Man hatte sich einfach der simplen griechischen Sicht angeschlossen:  
“Der türkische Nordteil gehört zur “Republik Zypern”, denn er ist seit 1974  vom türkischen Militär besetzt. Alles, was dort passiert, ist illegal”.

Das entspricht zwar der panhellenistischen Staatsdoktrin, aber nicht den historischen Tatsachen: Dass diese Republik schon seit 1963 de jure nicht mehr besteht, also auch illegal ist, das wurde in Europa einfach übersehen, was die griechischen Zyprer in eine komfortable Position hievte. Sie dürfen ungerührt und unkritisch weiter auf strenge Einhaltung des Boykotts gegen die türkisch-zyprische Bevölkerung und die von ihr gewählten und eingerichteten Institutionen drängen. Die gründete 1983 ihren eigenen Staat, die TRNZ, Türkische Republik Nord-Zypern. Aus türkischer Sicht bestehen zwei Inselstaaten. Eine Einigung auf einen einzigen gemeinsamen Staat liegt in weiter Ferne.

Darauf können wir nicht warten”, sagt Dr. Uwe Müller, “denn ein kulturelles Welterbe ist in größter Gefahr. Plünderer gruben an mehreren Stellen und zerstörten bereits die archäologische Substanz. Der Fundort ist gefährdet, so dass es meine Verantwortung und Pflicht ist,  diese einzigartige  archäologische Stätte vor Plünderern, vor der Landwirtschaft, vor Erosion hier und jetzt zu schützen”.

Doch vom griechischen Teil aus wurden die Forscher sogleich beschuldigt, durch diese Grabung in “türkisch besetztem Gebiet” internationales Recht zu missachten. Sogar der Botschafter der “Republik Zypern” in Berlin benachrichtigte den Rektor der Universität Tübingen, dass seine Professoren an einer “illegalen Ausgrabung” beteiligt seien. Der prominente zyperngriechische Archäologe  Vassos Karageorgis nannte das deutsche Engagement “schockierend…” und “..dies wird ernste Auswirkungen haben”.

Nach dieser erpresserischen Drohung beeilte sich die Fritz-Thyssen-Stiftung, ihre finanzielle Unterstützung zurückzuziehen. 

Müller lässt sich nicht erpressen. Zwei ebenso unbeugsame Professoren aus Tübingen helfen ihm, Ernst Pernicka und Martin Bartelheim - außerdem  die Regierung der TRNZ. Sie berufen sich auf die Haager Konvention vom 26. März 1999, die von 39 Staaten signiert, in Artikel 9 b ausdrücklich Rettungsgrabungen in besetzten  Gebieten erlaubt. Trotzdem werden Einladungen an Müller und seine Kollegen zu internationalen Kongressen  -  auf  Betreiben der eingebildeten Regierung von Griechisch-Zypern  - regelmäßig  zurückgezogen, von Veranstaltern, die politischen Druck auf wissenschaftliche Arbeit fürchten. 

“Die Grabenkämpfe der Politiker dauern nun schon ein halbes Jahrhundert.
Wir Archäologen sind ihre Opfer. Trotzdem versuchen wir so gut es  - unter unserer prekären  Finanzlage - möglich ist, weiter daran zu arbeiten, das Geheimnis der anscheinend  damals globalen, grenzenlosen Welt zu ergründen und bald in einem Museums-Gebäude der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen.”

Und Martin Kobler, Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes, formuliert eine Lösung für den Zwist auf Zypern: “ Wo Politik nicht weiterkommt, muss Kultur ansetzen”.

Heidemarie Blankenstein,
Zypern, Berlin, im Januar 2009

Sonntag, 1. Juli 2007

Minen im Zaubertal


Hartmut Blankenstein ist Deutscher Sonderbotschafter für die Polizeireform. Auf Reisen spüren er und seine Frau der Normalität des kriegsbedrohten Alltags nach

Regnet es in Kabul, überspülen Plastiktüten, Aas und Dreck die Gassen. Abwasser- und Abfallentsorgungen
verlaufen offen am Wegesrand. Dann haben es die alten Männer in ihren Sandalen schwer, wenn sie sich mit hoch beladenen Obstkarren in Richtung Markt abmühen. Immer wieder versinken sie in den schlammigen Fahrrillen. Rillen, die auch unser Geländewagen zieht, mit dem wir ins 30 Kilometer entfernte Bergdorf Paghman wollen. Am Steuer der afghanische Fahrer, Mohammed Nasir. Als landeskundiger Begleiter der Pandschabi Mr. Saband vom afghanischen Außenministerium. Wir fahren unbewaffnet und hoffen auf den guten deutschen Ruf in dieser Gegend, auch auf unsere Unauffälligkeit. Jedenfalls unterscheiden wir uns sehr
von der Isaf (International Security Assistance Force in Afghanistan), jenen Spähtrupps, die Autorität und Aktivitäten der legitimen afghanischen Regierung absichern sollen. Sie hocken hoch oben auf tarnfarbenen Schützenpanzerwagen hinter Maschinengewehren und versuchen wild gestikulierend, den chaotischen Kabuler
Verkehr auf Abstand zu halten. Das gelingt meistens nicht. Es kam vor, dass sich bei diesen Patrouillen ein nervöser Schuss gelöst hat. Jetzt muss die Bevölkerung – vier von fünf können nicht lesen – rote Warnschilder an den Militärfahrzeugen beachten: „30 Meter Abstand halten!“ Und das in einer pulsierenden Millionenstadt,
die am Verkehrschaos zu ersticken droht, weil ihre Hauptadern durch die monströsen Beton- und Sandsackbarrikaden rücksichtslos durchtrennt sind: zum Schutz des Isaf-Hauptquartiers, der weitläufigen Anwesen von USAid, der CIA sowie der Botschaft der USA und des Präsidentenpalastes. Endlich erreichen wir die Ausfallstraße nach Westen. Ernst und aufmerksam stehen Kinder am Straßenrand und wollen Tomaten verkaufen. Ihre abgemagerten Körper bedecken Pyjamas, ähnlich der alten Taliban-wangskleidung, oder verschlissene Hosen, nur von einer Schnur gehalten. Wir blicken in Kindergesichter mit tiefen Falten um den Mund und Tränensäcken unter den Augen, und dann kaufen wir Tomatenmengen, die bis zum Jahresende reichen. Sie bedanken sich überschwänglich.

Aufs Gebirge zu. „Wir durchqueren jetzt zwei Stammesgebiete“, erklärt unser afghanischer außenamtsbeamter. „Deren Kommandanten, Abu Sayaf und Mullah Esat, sind zwar Nachbarn, aber keine Freunde. Auch im Jahr des Herrn 2007 und im Jahr des Propheten 1386 bekriegen sie sich, jetzt vorwiegend
mit politischen Mitteln. Es geht immer um Macht, nicht um Frieden.“ Komplexe, die für uns nicht durchschaubar sind. Erkennbar sind plötzlich zwei quer stehende Pkws. Versperren die etwa unseren Weg? Wir nähern uns vorsichtig. Die Behinderung löst sich zwar auf, aber die Autos nehmen uns in die Zange: Ein
Wagen fährt vor, der andere verfolgt uns. In jedem erkennen wir vier finstere Gestalten in Militärklamotten, Kalaschnikows zwischen den Knien. Leise äußert sich Furcht: „Das war’s dann wohl . . .“ Entführung hier und jetzt? Und dann noch selbst verschuldet? Nach der Entführung dreier Deutscher und dem Tod dreier deutscher Polizisten dürfen sich Botschaftsmitarbeiter, auch Militärs, nur unter Einhaltung strengster Sicherheitsregeln aus ihren Festungen herauswagen.

Wir haben das ignoriert. „Die Menschen sehen in dieser Gegend alle so aus“, sagt der Freund aufmunternd. Misstrauisch beobachten wir unsere Eskorte. Die parkt in Paghman vor einem Tor. Wollten diese
acht Afghanen wirklich nur bei der Verwandtschaft Tee trinken – bewaffnet? Sollte uns bei der allgemeinen aufgeregten Fokussierung auf Afghanistan jegliches Augenmaß verloren gegangen sein? Sieben Jahre hatten die Russen versucht, Paghman, das Paradies Afghanistans, einzunehmen. Während der Fahrer den geländegängigen Wagen weiter hinauf in die Berge quält, schwärmt unser Begleiter: „Diese Gegend war voller blühender Gärten und fruchtbarer Felder. Die exquisite Sommerfrische der Hauptstädter.“ Meine Furcht löst sich in Staunen auf: Wir hören einen rauschenden Bach, das Geklapper von Teegeschirr, schnuppern Bergluft vermischt mit gegrilltem Kebab und sehen ringsherum Männer, die anstelle von Waffen dicke Lavendelsträuße
tragen. Unter schattigen Bäumen liegen Teppiche und Polster, die zum Verweilen einladen.

Doch weiter zum Kargha-Stausee. Wieder erreichen wir ein ehemals stark umkämpftes Gebiet, geschundenes Land – in einen Golfplatz verwandelt. Seine Greens bestehen aus ölgetränktem Sand, während der gesamte Platz ein Gemisch aus Gestrüpp und Geröll ist, aber, wie uns versichert wird, von Minen geräumt. Also wagen wir einige Abschläge und schauen uns im Golf-Club um. Wir spüren einen Hauch von Normalität, der unserem Afghanistan-Bild aus einem Gebirge von Gefahr und Trostlosigkeit nicht ganz entspricht.

Es dämmert; immer noch fahren über den riesigen See Motor- und Tretboote gemächlich dahin. Manche Männer baden oder angeln. Keine Sandsackbarrikade wie in Kabul versperrt den Blick. Als wir zu frischem Kebab und duftendem Fladenbrot eingeladen werden, stellt der Kellner eine schwarze Plastiktüte auf den Tisch. Wir packen drei Dosen aus: Wieder so eine Fata Morgana in einem islamischen, alkoholfreien Land: echtes Heineken-Bier! Hier am leise plätschernden Kargha-See, mitten im Gebiet des strengen Kommandanten Mullah Esat, scheinen uns alle Probleme ganz weit weg. Ein neuer Tag, ein neues Ziel. „Kommt ihr mit in mein Pandschir-Tal?“, fragt Mr. Saband. Seinen Kopf schützt eine runde Pandschabi-Filzmütze. Über Leinenhemd und Pluderhosen trägt er ein westliches Jackett, in dem ein Mobiltelefon steckt, das unaufhörlich klingelt, als wir Kabul in Richtung Kundus verlassen. Über der Straße ein Banner: „Unsere
Polizei ist der Lichtblick der Stadt!“ Noch lange bevor wir die bunte und malerische Provinzhauptstadt Charikar erreichen, kommen wir durch grauenvoll zerstörte Dörfer. Den Menschen blieb nur die Flucht: sechs Millionen nach Pakistan, zwei Millionen in den Iran. Wem die Flucht nicht gelungen war, der wurde Opfer der machthungrigen Stammesführer, die sich von den gegenüberliegenden Gipfeln bombardierten und die dicht besiedelte Kabuler Hochebene in Schutt und Asche legten, nachdem die Russen besiegt waren. Afghanen gegen Afghanen. Einer von ihnen war der „Löwe des Pandschir-Tals“, General Massoud. Sein Beiname resultiert aus der erbitterten Verteidigung seines schönen Pandschir- Tals gegen russische Eindringlinge und
später gegen die paschtunischen Taliban. Welch Zauber über diesem fruchtbaren Tal! Verständlich, dass es einst zum „Hippie-Trail“ gehörte. Hierher kamen Jugendliche aus dem Westen wegen der grandiosen Natur, des wilden Lebensstils und des besten Haschisch der Welt. Sie wurden zu Kolonialisten, auch zu Geldbringern, aber zu würdelosen. Erst die Invasion der Sowjetunion 1979 beendete diese Art des touristischen Treibens. Doch Afghanistans wichtigste Einnahmequelle versiegte.

Einsam donnert heute der unbändige Pandschir-Fluss durch die hoch aufragenden Felswände. Märtyrergräber, mit grünen Fahnen geschmückt, am Wege. Überall, sogar mitten im klaren Flusswasser, liegen ausgebrannte Panzer. Manch ausgebombtes Militärfahrzeug dient als Kiosk. Ein Bauer geht hinter seinem Pflug her. Mitten auf seinem Acker ein verrosteter Panzer. Der Bauer pflügt vorsichtig um das Wrack herum. Am Straßenrand laufen Kinder mit Brennholz und Frauen mit Wassereimern. Sie meiden die Gräben, in denen noch Minen liegen könnten. Im und am Fluss gehen die modernen afghanischen Familienväter ihrer
Lieblingsbeschäftigung nach: Sie waschen sorglos ihr Auto.

Mr. Saband ist in diesem Tal zu Hause. Bevor er uns in sein Haus einlädt, führt er uns feierlich auf eine Anhöhe zum Grabmal von General Massoud, dem Helden der Tadschiken. Er führt es vor wie ein
Heiligtum: „Fremde Eroberer haben gegen uns keine Chance. Wir haben sie alle besiegt.“ 55 verschiedene stolze Ethnien beherrschen Afghanistan. Wo ist der Faden, der aus diesem Machtlabyrinth herausführt? Wer kann der jetzigen Regierung das Gewaltmonopol sichern? Fremd Truppen etwa?

Das Haus seiner Familie liegt hoch am Hang und verbreitet Ferienstimmung. Nach der steinigen Kletterpartie sind wir froh, auf den bunten Kissen des Salons ausruhen zu dürfen. Frische Bergluft weht durch die weißen
Spitzengardinen. „Alles war bis auf die Grundmauern zerstört“, berichtet der Hausherr. Die Großfamilie ist versammelt: Brüder, Neffen – sogar die Hausfrau, unverschleiert. „Bis vor einem Jahr war unsere gesamte Familie mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Das hat uns von unserem Kummer abgelenkt, denn unsere beiden Söhne sind für General Massoud gestorben.“ Beim Namen Massoud liegt ein gewisser Stolz in ihrer Stimme. Sie steht mitten im Raum und klagt über die ungerechten, radikalen Talibanjahre. Dann breitet sie eine Plastikfolie über den Perserteppich, schleppt Tabletts mit Reis, Fleisch, Gemüse, Salat, Brot und sogar Coca-Cola herbei. Aus einer Ecke dudelt ein Fernseher ein indisches Musik- und Tanzprogramm ab. Hoffnung liegt gleich am Kabuler Stadtrand. Neu errichtete glitzernde „Hochzeitspaläste“ bieten Platz zum Feiern, Frauen und Männer in getrennten Sälen. Ebenso wurden Trauerhäuser errichtet, wo Trauernde Kondolenzgäste
bewirten können, wenn ihr eigener Wohnraum zu klein ist.

Zu klein ist es fast überall im Nachkriegskabul. Die Rückkehrer aus den Flüchtlingslagern in Pakistan und im Iran finden kaum eine Unterkunft. Aus Not wurden rostige Container in Wohnungen oder Läden umfunktioniert. Daraus werden Trauben, Melonen, Kartoffeln, Zwiebeln, kleine Bananen, Walnüsse oder blutige Schlachterware feilgeboten. Kabul ist also kein perspektivloser Flecken. Nicht nur Zerstörung und Leid bestimmen seine Architektur: Da erstreckt sich gleich neben dem „Landmark“-Hotel ein glanzvolles Einkaufszentrum aus Marmor, Glas und eleganten Treppen. Angeboten werden elektronische Geräte und regionale Mode. Unsere bescheidene Herberge steht an einer belebten Verkehrsader. Morgens um sieben schlage ich mich durch dichten Verkehr zur Backstube gegenüber. Ampeln oder Zebrastreifen? Gibt es noch nicht. Durch Abgasschleier steigt mir der Duft frischen Brotes in die Nase. Acht Bäcker hocken
teigknetend Tag und Nacht wie Zarathustras Söhne über einem Feuerloch. Über dem heißen Abgrund Brotfladen. Hat diese Szene auch etwas Pittoreskes, so täuscht sie nicht über eines hinweg: Zurück zur „Schweiz Asiens“, wie das Land vor 80 Jahren von König Aman - ullah genannt wurde, ist es noch ein langer,
heißer Weg.

Samstag, 19. Mai 2007

Buchrezension zu: „Partner, nicht Gegner – für eine andere Iran-Politik“


Kollektive Verirrung?

Buchrezension zu: „Partner, nicht Gegner – für eine andere Iran-Politik“
Ein Standpunkt von Christoph Bertram, herausgegeben von Roger de Weck,
Edition: Körber-Stiftung, 87 Seiten, 10,-- Euro, erschienen am 19. 5. 08
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Manchen Büchern wünscht man sich, sie mögen die Mächtigen dieser Welt erleuchten,  doch wahrscheinlich wird dieser kleine Band nur eine heftige Kontroverse hervorrufen.
Seit US-Präsident Bush Iran zur „Achse des Bösen“ zählt, haben sich die westlichen Medien bequem auf der Verteufelungs-Schiene eingerichtet: „Wenn der Iran nicht einlenkt, gibt es unweigerlich Krieg“ schrieb sogar DIE ZEIT  in ihrer Ausgabe 35/2006.

Christoph Bertram, bis 2005 Direktor der SWP (Stiftung Wissenschaft und Politik),  auch  bekannt als ZEIT-Autor, überraschte gestern in der  Europäischen Akademie Berlin-Grunewald durch andere Aspekte, die er in seinem nüchternen Essay  zusammenfasste:  

Anstelle von Regime-Verteufelung müsste Anerkennung dieses wichtigen Landes stehen, statt Konfrontation das Angebot zur Zusammenarbeit, statt Beschuldigung und Sanktionen der Dialog, statt Vorbedingungen Verhandlungen. Der Westen verfolge zur Zeit eine Iran-Politik, die keine sei, der offenbar eine kollektive Verirrung zugrunde liege.  Gegnerschaft durch Partnerschaft zu ersetzen und das riesige Sanktions-Paket von 1979 endlich aufzuschnüren, hält Bertram für die besseren Ideen.  

Die israelischen Freunde, die sich durch Präsident Achmadinedschads Äusserung vom Verschwinden  Israels „aus den Annalen der Geschichte“ besonders bedroht fühlten, munterte Bertram zu mehr Gelassenheit auf. Er verwies auf das Jahr 1958, als der UdSSR-Machthaber Chruschtschow mit der „sowjetischen Weltrevolution“ drohte und dem Westen zurief: „Wir werden Euch alle beerdigen“. Solchen  Übertreibungen – so Bertram – könne man nur mit de Gaulles „Détente, Entente et Coopération“ erfolgreich begegnen. Der Verlauf der jüngsten Geschichte hätte de Gaulle recht gegeben.

Für viele im Westen würde eine derart nüchterne Haltung dem Iran gegenüber einer Kapitulation gleichkommen, zumindest einer unverdienten einseitigen Vorleistung.

Der Autor erinnert demgegenüber an die Vorleistungen der damaligen Regierung des Iran, die im Jahr 2003 bereit war, Israel als Staat anzuerkennen, Hamas und Hisbollah nicht mehr zu unterstützen, allen IAEA-Inspekteuren Zutritt zu gewähren, und lediglich ihr (ziviles) Nuklear-Programm fortsetzen wollte. Das militärische Programm sollte eingestellt werden.  Die Bush-Regierung fegte dieses Schreiben, damals übermittelt durch die Botschaft der Schweiz, vom Tisch. Obwohl der Iran vor fünf  Jahren zu fast allem bereit gewesen sei, habe er dafür keine Gegenleistung aus dem Westen erhalten, nicht einmal Respekt.  

So habe die gesamte westliche Iran-Strategie bis heute allseits nur negative Resultate, dagegen sei der Einfluss des Iran in der Region gewachsen.

Während  aus Teheran schallende Selbstbehauptungstöne zu hören sind und der Westen dröhnendes Kriegsgebaren zeigt, argumentiert Christoph Bertram nicht mit der Pauke, sondern kommt differenziert der Wahrheit näher als die meisten anderen  Analysten. Bertram sollte ernst genommen werden.

Heidemarie Blankenstein
Berlin, 19. 5. 2008