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Samstag, 14. Februar 2015

Erdöl vor Zyperns Küsten - Reichtum oder Sprengstoff ?

"Griechenland ist ein besetztes Land", markige Worte des neuen griechischen Verteidigungsministers Panos Kammenos gegenüber den Rettungsbemühungen der internationalen Geldgeber. Für Zypern-Türken sind ähnliche Parolen Alltag, und zwar schon seit 1974.

Zu jener Zeit war es, als Griechenland einen Putsch auf Zypern unternahm: "Auf Kreta war es gelungen, die Türken loszuwerden, warum sollte es nicht auf Zypern gelingen"? Den Traum der megali idea, von einem Großgriechenland - inklusive der Insel Zypern - sollte das Terrorkommando EOKA B verwirklichen, unter Leitung jenes Georgios Grivas, der noch als Nazi-Kollaborateur während der deutschen Besetzung sein Handwerk gelernt hatte.

Der griechische Griff nach Zypern endete im Juli 1974 mit der türkischen Intervention zum Schutz der Zypern-Türken. Darüber stürzte die Diktatur in Athen, und niemand in Europa dankte es den Türken. Indessen wird Terrorkommandant Grivas bis heute in Griechisch-Zypern verehrt. Damals begann die Rumpf-Republik Zypern, den türkischen Norden Zyperns besetztes Land zu nennen, obwohl sich dort etwa 300.000 Einwohner seit 1983 in der demokratisch verfasste TRNZ (Türkische Republik Nordzypern) eingerichtet haben. Dieser Staat und seine Bewohner sind seit Jahrzehnten einem massiven Handels-Boykott, einer Nichtanerkennung und einer Art Geiselhaft ausgesetzt, während Zypern-Griechen - jetzt unisono mit den "bejammernswerten" Griechen - nach außen hin erfolgreich ihre Opferrolle pflegen. Diese spielten sie dermaßen trickreich, so dass 2004 die Republik Zypern in die EU aufgenommen wurde, ohne das geklärt war, auf welches Staatsgebiet sich diese "Republik" eigentlich erstreckt. Schon viele Jahre vorher erpressten die Hellenen die EU: "Wenn Zypern nicht bald EU-Mitglied wird, boykottieren wir mit unserem Veto Eure Osterweiterung".

Noch vor dieser EU-Aufnahme stimmten alle Zyprer über ein settlement ab, über eine Einigung nach einem ausgefeilten Vorschlag der UN, dem Annan-Plan. 2/3 der rund 700.000 Griechen stimmten dagegen, während Zypern-Türken in großer Mehrheit dafür stimmten. Eine Einigung hätte es also längst geben können. Aber seit über 40 Jahren entsprach jede Übereinkunft am Verhandlungstisch nicht griechischen Vorstellungen, und trotz ihres seither immer wieder allen Lösungsvorschlägen entgegen gesetzten "Ochi" - Neins wurde die Republik Zypern in die EU aufgenommen, sehenden Auges als Störfaktor akzeptiert.

Ihre Präsidenten und Verhandlungsführer, angefangen von Kyprianou, über Vassiliou, Papadopoulos, Christofias und schließlich - seit 2013 - Nikos Anastasiadis bestehen in einer Art Realitätsverweigerung auf ihrem Alleinvertretungsanspruch: "Die gesamte Insel gehört uns, die türkischen Einwohner sind eine rechtlose Minderheit, wir verhandeln nicht auf Augenhöhe mit dem besetzten Teil der Insel".

Entsprechend uneinsichtig wird schon jetzt die Verteilung der Gas- und Ölvorkommen betrieben, die im Levant-Becken zwischen Israel und Zypern im östlichen Mittelmeer lagern sollen. Anfang 2011 hatte die Firma Nobel Energy aus Texas im Auftrag der israelischen Regierung gigantische Gas- und Ölvorräte vor den Küsten Israels, Libanons, Syriens bis in die südlichsten Teile der Türkei hinein ausgemacht. Der Westen des Levant-Beckens liegt unter den Hoheitsgewässern und dem Festlandssockel (ca. 12 km) Zyperns.

Um Streit zu vermeiden, schlossen Griechisch-Zypern und Israel Ende 2010 ein Abkommen über die Festlegung der bilateralen Seegrenze; ein Alarmzeichen für die Türkei: "Das Abkommen ignoriert die Rechte der türkischen Zyprer".

Wird der zyperngriechische Präsident Anastasiadis nach der Verteilung dieser Schätze gefragt, antwortet er listig: "Natürlich gehören diese Bodenschätze allen Einwohnern Zyperns, aber nur nach einem settlement, also einer Zypernlösung. Im Augenblick gehören alle Ressourcen der anerkannten Republik Zypern".

Es scheint, als stünden die Griechen von heute ganz in der Tradition ihres mythologischen Helden Odysseus. Der zeichnete sich während all seiner Abenteuer vor allem durch seine hinterlistigen Ideen aus.

Die türkische Regierung warnte die Insel-Griechen: " Zypern-Türken sind Mit-Eigentümer der Insel und wollen keine Minderheit im griechischzyprischen Staat sein, sondern haben ein Recht auf Teilhabe an allen natürlichen Ressourcen der Insel. Dabei werden wir sie unterstützen. Also machte sich das türkische Forschungsschiff BARBAROS HAYRETTIN PASHA zum nord-zyprischen Hafen Famagusta auf. Von dort kündigte es per Navigations-Telex (NAVTEX) an, dass Barbaros in die sogenannte AWZ (Ausschließliche Wirtschaftszone, ca. 200 km) Zyperns steuern w e r d e . Prompt verließ Nikos Anastasiadis den settlement-Verhandlungstisch und beschwerte sich in Straßburg so bitter wie scheinheilig, als sei er immer noch "Opfer der Osmanen".

Und als wäre das Straßburger EU-Parlament Partner der Hellenen, forderte es die Türkei mit Entschließung vom 13.11.2014 (2014/2921 (RSP) auf, Schiffsbewegungen in Zyperns AWZ und in angrenzenden Gewässern unverzüglich zu unterlassen. Sie verletze das Seerechtsabkommen, welches sie gefälligst unterzeichnen solle. "Dieses Abkommen hat also die Türkei nie geschlossen, zu dessen Abschluss sie aber aufgefordert wird. Das klingt, als kommandiere das EU-Parlament - wie einst der römische Senat - eine das östliche Mittelmeer beherrschende Kriegsflotte". kommentiert der Verfassungsjurist Christian Heinze jene EU-Entschließung.

Ein neues NAVTEX hat das türkische Forschungsschiff gesendet; es wird bis Ende April 2015 gültig sein und berechtigt nach internationalem Recht Spezialschiffen die Untersuchung von Rohstoffvorräten - auch in der AWZ. Vorschläge für eine friedliche Einigung liegen vom NATO-Mitglied Türkei und vom Peace Research Institute Oslo (PRIO) seit 2011 und 2012 und 2013 auf dem Tisch.

Wird die zyperngriechische Seite bei ihrem nationalistischen "Ochi" - Nein bleiben? Im aufgeheizten Klima bleibt es schon jetzt nicht bei Wortgefechten. Eine rege Reisetätigkeit beginnt:

Minister-Präsident Alexis Tsipras, der kürzlich in Griechenland mit seiner kommunistischen Partei erfolgreich zum Regierungschef gewählte wurde, beeilt sich als erstes zu einem ersten Antrittsbesuch auf die Insel, während der zyperngriechische Präsident (kein NATO-Mitglied) am 25. Februar nach Moskau fliegen wird. Dort will er sich der russisch-zyprischen Militär-Kooperation vergewissern, mit der auch Tsipras und seine griechische Regierung zu liebäugeln scheinen. Von einer Rückkehr an den Verhandlungstisch ist Anastasiadis weiter entfernt denn je.

Das alles könnte leicht zur Explosion führen, noch ehe mit der eigentlichen Förderung der Gas- und Ölvorkommen begonnen wurde.

Berlin/Zypern, 9. Februar 2015

Wenn Mauern fallen - nicht immer ein Segen?


Am 9. November 2014 jährt sich der Fall der Deutschen Mauer zum fünfundzwanzigsten Mal. Ein Jahr später folgte dann die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands. Dass Wiedervereinigungen nicht immer eine Lösung sind, stellt Heidemarie Blankenstein im Falle Zyperns zur Diskussion. Unsere Gastautorin, die jahrelang durch die Welt gereist ist und noch immer viel unterwegs ist, weiß: Manchmal sind Mauern als Grenzen auch ein guter Schutz.

Der Ruf des Muezzins weckt mich kurz vor Sonnenaufgang, genau um 5.45 Uhr, mit:  Allah ist der Größte. Ihn kümmert es nicht, dass die Deutschen heute den Tag der Deutschen Einheit feiern.

Hier im türkischen Norden der Mittelmeer-Insel Zypern bereitet man sich heute vielmehr auf Kurban-Bayram vor, auf das Zuckerfest, vergleichbar mit unserem  Weihnachtsfest. Vier freie Tage stehen bevor, viele Besuche bei den Familien, viele Leckereien, viele Picknicks im Grünen. Auch sonst wird im türkischen Teil der Insel keine Feier ausgelassen: Da sind die verschiedenen Dorffeste, das Olivenfest in Zeytinlik, das Lapta-Festival, das Weinfest in Akdeniz, das Tourismus-Fest von Girne, das ökologische Fest in Büyükkonuk.

Rund ums Jahr gibt es Anlässe. So ist es nicht verwunderlich, dass Nationaltage gleich zweimal zelebriert werden. Einmal am 15. November, dem Staatsgründungstag von 1983, und dann noch am 20. Juli. An jenem Tag im Jahre 1974 kam das türkische Militär als Retter ihrer zyprischen Volksgruppe  übers Meer, denn 5 Tage zuvor hatten griechische Nationalisten gegen Staatspräsident und Kirchenoberhaupt Makarios geputscht. Der warf seine Soutane ab und konnte durch die Küche auf die britischen Militärbasen flüchten.

Die Insel war bis 1960 britisch regiert. Griechische Nationalisten jagten sie von der Insel – nur einige Militärstützpunkte sind den Briten verblieben. Auf der Insel einigte man sich ab 1960 auf eine intelligente Verfassung, eine, die allen Volksgruppen gerecht werden sollte. Aber schon drei Jahre später löste die griechische Gruppe, die meinte, als Mehrheit das Sagen zu haben, das Verfassungsgericht einfach auf. Die von Stund an bedrohten Türken zogen sich in Enklaven zurück, so dass die Insel seit 1963 geteilt ist und de jure als Staat nicht mehr besteht. Trotzdem wurde Griechisch-Zypern als „Republik Zypern“ 2004 EU-Mitglied, ohne dass geklärt war, auf welches Staatsgebiet sich diese „Republik“ erstreckt.

Eine Grenze als Schutz. Die Insel ist geteilt, und zwar seit 1974 durch eine richtige Grenze. Mit dieser können die Zypern-Türken – trotz scharfer Sanktionen – ganz gut leben, denn für sie ist diese Grenze ein Schutz gegen griechische Extremisten, während Zypern-Griechen in ihr eine Bedrohung sehen. Sie wünschen sich, nach deutschem Modell, eine Vereinigung. Allerdings möchten sie dies nicht nach der Devise „Wir sind ein Volk“. Keinesfalls würde die türkische Volksgruppe anerkannt oder gar respektiert werden, so wie es in Deutschland der Vereinigung mit den Deutschen der DDR vorausging.
Am liebsten möchten Griechen die Insel türkenfrei wissen. So sind jahrzehntelange Friedensgespräche immer wieder gescheitert. Jüngst haben die Griechen wieder einmal den Verhandlungstisch verlassen, denn zu Kompromissen zeigen sie sich nicht bereit.
So sitze ich hier am 3. Oktober oben auf meinem Balkon mit Blick auf das nur 60 km entfernte Taurus-Gebirge in der Türkei und erfreue mich an unserem friedlichen Mittelmeerdomizil. Dabei bin ich umringt von den aktuellen Brennpunkten wie Syrien, Irak, Israel und Palästina.
„So paradox das auch für deutsche Ohren klingen mag, ich genieße den Inselfrieden, den die Teilung durch eine Grenze 1974 geschaffen hat. (Zitat)
Eine neue Westbank? So sehr sich viele die Überwindung dieser Teilung Zyperns wünschen mögen, die Zeit arbeitet für ihre Zementierung. Dabei sollte niemand vergessen, dass eine Veränderung des Status Quo neues Unrecht,  wahrscheinlich auch neues Leid und neue Gräuel hervorbringen wird. Aus einem demokratisch verfassten Nordzypern könnte dann eine „Westbank“ werden….
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Erscheinungsdatum: Montag, 3.11.2014

 


 

Freitag, 27. Dezember 2013

Sartorius-Rezension, "Mein Zypern"


Rezension:
MEIN ZYPERN,  Joachim Sartorius,
ISBN 978-3-86648-174-9
Mare-Verlag, 1. Auflage 2013, 18,-- Euro 

"Mein Lieblingshaus steht auf Zypern".... 

....schreibt Joachim Sartorius. Für Mittelmeer-Fans hat er ein handliches Buch mit hohem Wiedererkennungswert verfasst. Der Autor hat von 1984 bis 1986 drei Sommer in Türkisch-Zypern verbracht. 2012 kam er für drei Wochen als Tourist zurück und vollendete seine Aufzeichnungen von damals. "Was ich tue, ist im Grunde eine neue Abmischung zweier Zeiten". 

Joachim Sartorius war mit 28 Jahren gerade ins Auswärtige Amt eingetreten, als sein Vater, der Deutsche Botschafter in Nikosia, 1974 den rechtsextremistischen griechischen Sampson-Putsch mit der anschließenden türkischen Intervention der halben Insel erlebte. Sohn Joachim nahm während der folgenden 20 Jahre verschiedene Aufgaben im Bonner Auswärtigen Amt wahr und war bis 1986 in New York, Istanbul und Nikosia auf Posten. Anschließend übernahm er leitende Funktionen bei DAAD und Goethe-Institut. Bis 2011 war er  Intendant der Berliner Festspiele.  

Obwohl er mehrere Jahre auf Zypern gelebt hat, ist doch sein Blickwinkel von seinem Arbeitsplatz im griechischen Teil der Insel geprägt. Seine Freunde dort, meistens Künstler, haben diesen Blick offensichtlich stark beeinflusst. So sieht er sich selbst als schöngeistiger Außenseiter.  

Einfühlsam und oft voller Poesie sind seine Schilderungen des sommerlichen Zyperns und seiner historischen Kulturstätten. Auch fast 30 Jahre nach seinen Erlebnissen in Paphos, Lapithos, Kouklia oder Bellapais fühlt man einen emotionalen Elan in Sartorius' Sprache.  

Als Reiseführer ist das Buch allerdings unbrauchbar, denn Sartorius benutzt für alle - seit fast 40 Jahren - türkisch-zyprischen Orte konsequent nur die nicht mehr gültigen griechischen Bezeichnungen und spricht - wie es der griechischen Seite gefällt - permanent vom "türkisch besetzten Norden".  Kein Wort verliert er zu der Tatsache, dass im Norden inzwischen ein eigenes funktionierendes Staatswesen existiert und die dort stationierte türkische Armee für griechische Zyprer möglicherweise eine Bedrohung, für die türkischen Zyprer aber vor allem einen wichtigen Schutz bedeutet.  

Nur ein einziges Mal scheint in seinem Buch eine erfrischende Einsicht auf: "Ich wagte nicht, meinen Freunden zuzurufen, dass dieser vehemente Panhellenismus die türkische Minderheit in die Enge getrieben hatte. Ich wagte auch nicht zu fragen, ob diese Revolte gegen Großbritannien, angeführt von einem Pistolero und einem Prälaten, nicht schon den Keim der späteren Vergiftung in sich trug".  

Da fragt sich der informierte Leser: Warum tat es Sartorius nicht? War es Diplomatie am falschen Platze? 

Das kommt besonders krass zum Vorschein, als er arglos und anscheinend ohne Unrechtsempfinden beschreibt, wie er sich in Türkisch-Zypern auf den antiken Böden von Salamis und Vouni die Taschen mit antiken Scherben vollstopft.  

Wenn sich Sartorius jedoch poetisch seiner Auslandserfahrung nähert, dann sind seine Textstellen und Gedichte am besten. Dabei versucht er als veritabler Schöngeist, alles Politische auszublenden. Das kann ihm aber auf dieser Insel nicht gelingen, wo Weltgeschichte Inselgeschichte bedeutet und das tägliche Leben der Menschen beider Inselstaaten davon extrem geprägt ist.   

Heidemarie Blankenstein,
Berlin, 20. September 2013

Montag, 23. April 2012

ZYPERN: EU-RATS-PRÄSIDENTSCHAFT AB JULI 2012


Zyperns Präsidentschaft im Rat der EU
von Heidemarie Blankenstein




Ab 1. Juli 2012 wird die Republik Zypern den Vorsitz im Rat der Europäischen Union übernehmen. Da wird dann guter Rat teuer sein, denn erstmalig in der Geschichte der EU wird ein Staat Europa vertreten, den es nicht gibt.

Ein unabhängiger Staat Zypern bestand de jure nur von 1960 bis 1963. Griechische Zyprer maßen sich seit 1963 an, die gesamte Insel als Republik Zypern zu vertreten.

Hier ein kurzer Blick in Zyperns jüngste Geschichte:

Im April 1955 begann der Aufruhr der griechisch-zyprischen Terrororganisation EOKA (Nationale Organisation der zyprischen Befreiung) unter Oberst Grivas gegen die britische Verwaltung und für den Anschluss der Insel an Griechenland.

Die umstrittendste und herausragendste Gestalt im Machtkampf der Zyperngriechen (1950- 1974) war jedoch Erzbischof Makarios III.

Im Februar 1959, acht Monate nach den ersten griechischen Pogromen gegen die türkisch-zyprische Bevölkerung, fanden in Zürich Verhandlungen der Türkei, Griechenlands und Großbritanniens über die Zukunft der Insel statt. Am 19. 2. 1959 stimmten diese drei Mächte in London einer Reihe von Abkommen über Zypern zu:

Verzichterklärung Großbritanniens auf die Souveränität über die Insel - mit Ausnahme zweier Militärbasen im Süden des Landes.

Großbritannien, Griechenland und die Türkei verpflichten sich die Unabhängigkeit und Sicherheit der Insel und seiner Bewohner zu respektieren und im Notfall sichern zu helfen.

An der Spitze der Republik steht ein von den Inselgriechen zu wählender Präsident. Der vom türkischen Teil gewählte Vizepräsident hat ein Vetorecht gegen Entscheidungen des Präsidenten.....

Diese Verfassung, die auch den seit Jahrhunderten in Zypern ansässigen Türken, Rechte gewährte, war dem orthodoxen Kirchenführer und zum Präsidenten gewählten Makarios ein Dorn im Auge. 1963 beseitigte er durch autokratische Verfassungsänderungen alle türkischen Rechte, kündigte also diese Verfassung und löste den störenden Verfassungsgerichtshof auf. Die Zypern-Türken zogen sich - nach blutigen EOKA-Pogromen - in Enklaven zurück, denn ihr Eigentum, ihre Gesundheit und ihr Leben waren nicht mehr geschützt. Eine UNO-Schutztruppe wahrt seither einen labilen Waffenstillstand durch Einrichtung einer Pufferzone zwischen beiden Volksgruppen.

Die griechische Politik war seit 1963 auf die Vereinnahmung der gesamten Insel gerichtet. Das ist ihr auch fast gelungen. Die heutige überwiegende Staatenpraxis erkennt den griechisch-zyprischen Alleinvertretungsanspruch an.

Das impliziert natürlich auch die Anerkennung der autoritären, undemokratischen Beseitigung der Verfassung von 1960 und die Errichtung einer rein zypern-griechischen Staatsgewalt.

Frage: Wenn die Zypern-Griechen als “Republik Zypern” die Alleinvertretung beanspruchen, was hat sie seit 1963 berechtigt, ihre eigene “Minderheit” auf der Insel zu boykottieren, wirtschaftlich auszuhungern und diesen Verstoß gegen die Menschenrechte auch noch als Verschulden der zypern-türkischen Volksgruppe auszugeben?

Nach dem Staatsstreich des berüchtigten Terroristen Sampson und der vollständigen Machtübernahme der griechischen Faschisten 1974 haben türkische Truppen - gemäß der Drei-Mächte-Garantie-Erklärung von Zürich und London - zum Schutz der bedrohten Inseltürken und ihrer verfassungsmäßigen Rechte militärisch interveniert.

Da mit den Inselgriechen, die sich selbst als Staatsvolk und die Türken als Minderheit bzw. als Gäste bezeichnen, kein Kompromiss auf der Basis einer Gleichberechtigung möglich war (und bis heute nicht möglich ist), gründeten die türkischen Zyprer 1983 einen eigenen Staat, die TRNZ, die Türkische Republik Nord-Zypern.

Das heutige Resultat ist die Existenz zweier Staaten auf der Insel. Beide sind demokratisch verfasst und gewährleisten ihren Staatsangehörigen Freiheitsrechte. Es ist lediglich ein Erfolg der griechischen Diplomatie und ein Ergebnis prinzipienloser Interessenpolitik der internationalen Staatengemeinschaft - u.a. auch der EU - dass der griechische Teilstaat seit Jahrzehnten anerkannt wird, der türkische dagegen nicht.

Dass bei der Aufnahme der “Republik Zypern” 2004 in die EU ein großer Fehler begangen wurde, das wird in Brüssel offen zugegeben. Denn eine Aufnahme in die EU sollte nicht möglich sein, ohne dass geklärt wurde, welchen Staat der Antragsteller vertritt, auf welches Territorium sich dessen Hoheitsgewalt erstreckt, welche demokratischen Freiheitsrechte er allen seinen Bürgern gleichermaßen gewährt und welche Verfassungstreue er einhält.

Heidemarie Blankenstein
Berlin und Zypern, 24. April 2012

 

Montag, 16. April 2012

ZWEIMAL ZYPERN - WARUM DENN NICHT?



Impressionen von der Internationalen Tourismus Börse
(ITB) 2012 in Berlin

von HEIDEMARIE BLANKENSTEIN



Wer in Berlin Anfang März bei der ITB das Reiseziel Zypern suchte, fand es gleich zweimal: In der Europa-Halle gleich neben Griechenland und in der Asien-Halle gleich neben der Türkei. Das ist charakteristisch für die Insel. Alles ist doppelt: Ortsnamen, Religionen, Sprachen, Währung, Regierung, Flug- und Golfplätze.

Sehr weitläufig präsentiert sich der Stand der griechischen Zyprer, die jenen Insel-Teil vertreten, der von sich behauptet die Republik Zypern einschließlich des Türkischen Nordteils zu sein und das seit 1960 der restlichen Welt einhämmert.

Die Einreise über den modernisierten Internationale Airport von Larnaca (übrigens kürzlich auf zyperntürkischem Land errichtet) wird lauthals angepriesen. EU-finanzierte Autobahnen führen von Larnaca nach Limassol, zum Beispiel zum Luxushotel Le Meridien Spa und Resort, wo den Touristen perfekter Service, in den Felsen gehauene Pools und von Palmen umrahmte Wasserfälle erwarten. Eine Broschüre informiert den Reisewilligen über das “kulturelle Erbe” Zyperns, und der staunt nicht schlecht, dass diese Vielvölker-Insel nur von Griechen geprägt sein soll:

"1200 v. Chr. trafen vom Meer her griechisch sprechende Siedler auf der Insel ein. Bald war der Einfluss der griechischen Kultur zum festen Bestandteil des täglichen Lebens der Zyprioten“.

Wie langweilig, ist es doch gerade die Vielfalt der Insel, die den Gast anlockt.

Das haben die zypern-griechischen Messe-Macher (inklusive ihrer Regierung) wohl noch nicht kapiert, denn die Landkarten an den Messe-Ständen zeigen Städte und Straßen nur im griechischen Süd-Teil, während der türkische Nord-Teil ganz weiß ist und als “türkisch besetzt” bezeichnet wird, wo offenbar niemand lebt, wo es keine Wege, keine Straßen gibt, keinen Handel, keine Hotels, wo es leer, öde und tot ist.

Trotzdem werden Ausflüge - nur mit griechischem Reiseführer - in den türkischen Norden angeboten. Ein türkischer Reiseführer wird dann als “Silent Guide” dabei sein, der jedoch nicht widersprechen darf, wenn der Grieche mit weitausholender Geste im Norden behauptet: “Das ist alles unseres - unser Paradies”. Ob griechischer Fremden-Führer oder hier am Messe-Stand - überall scheint sich dieser Teil gern als Insel-Verwalter aufzuspielen.

Und vor Ort? Einmal im griechischen Teil gelandet, spüren die Touristen bald beim schweren Commandaria-Wein, bei Oliven, bei Halloumi-Käse, auf den Gipfeln und Dörfern des Troodos-Gebirges und in der alten Stadt Paphos, beim Felsen der Aphrodite, dass das sonnige Zypern ein Teil von dem ist, was vom Paradies auf Erden übrig blieb. Leider bemühen sich die griechischen Verwalter, es den auf den Abflugtafeln aller Flugplätze aufgelisteten Kapazitätsweltmeistern rund ums Mittelmeer gleichzutun und die Strände mit unansehnlichen Hotelkästen voll zu betonieren.

Deshalb behauptet sich das Paradies vor allem im Nordteil der Insel, also auch bei den Türken, in den Hafenstädten Girne oder im alten Gazi Magusa (Famagusta), in Güzelyurt, in Lapta, in Bellapais, bei den Kreuzritterburgen Sankt Hilarion, Buffavento oder hoch oben auf der Burg Kantara.

Und dieses Paradies behauptet sich trotz des vielen Blutes, das auf der gesamten Insel seit jeher und wieder seit 1963 geflossen ist.

Ein unabhängiger Staat Gesamt-Zypern - sowie die Griechen ihn heute vertreten wollen - bestand de jure nur von 1960 bis 1963. Danach wurden die seit 1571 auf der Insel lebenden Türken von der griechisch-zyprischen Regierung bedrängt, gettoisiert, wirtschaftlich ruiniert und zum Teil vertrieben. Nach dem Staatsstreich des Engländer- und Türkenschlächters Sampson und der vollständigen Machtübernahme der griechischen Faschisten 1974 haben türkische Truppen - gemäß der Drei-Mächte-Garantie für die Sicherheit und Unabhängigkeit der Insel von 1960 - zum Schutz ihrer bedrohten Inseltürken - interveniert. Seit 1974 herrscht Waffenstillstand.

Da mit den Inselgriechen, die sich selbst als Staatsvolk und die Türken als Minderheit, bzw. als Gäste bezeichnen, kein Kompromiss auf der Basis einer Gleichberechtigung möglich war, gründeten die türkischen Zyprer 1983 auf dem nördlichen Inselgebiet einen eigenen Staat, die Türkische Republik Nord Zypern, dieTRNZ. Dieser durfte bis 1999 - auf Drängen des EU-Mitglieds Griechenlands - keinen eigenen Messe-Stand betreiben.

In der TRNZ wird der historisch und kulturell interessierte Fremde ein Zypern finden, das seine Reise wert ist. Er wird eine ländliche, duftende, an Sandstränden gelegene mit sanften Bergen und kühlen Hainen, mit Ruinen, eine ungeschminkte, von Sonne, Mond und Sternen geprägte Insel finden,. Außerdem werden ihn Küchenzauberer verwöhnen.

Am türkisch-zyprischen Messe-Stand geben diese Zauberer Kostproben:

Frische Zitronenlimonade, Mezze, Fladenbrot und Oliven. Ein Töpfer von Design 74 zeigt an einer rotierenden Töpfer-Scheibe seine Kunst. Er hat sie in der Porzellanstadt Selb gelernt und spricht ganz gut Deutsch.

Der türkisch-zyprische Staat wird von der EU und der Welt boykottiert. Zu Unrecht. Nur die Türkei unterstützt diesen Teil der Insel. Flüge von Europa zum Flughafen Ercan (Lefkosia) führen über Istanbul oder Ankara mit allen türkischen Linien (Atlas, Pegasus und Turkish-Airlines (bzw.Türk Hawa Yollarie).

Egal, für welchen Einreiseteil sich der Tourist entscheidet; er darf seit einigen Jahren die Grenze zwischen dem nördlichen und südlichen Teil passieren, und das ist auf jeden Fall spannend. Er wird sich zu recht fragen: “Warum soll es denn nur ein griechisches Zypern geben? Der türkische Teil ist mindestens ebenso erlebenswert und hat bestimmt auch eine gleiche Daseinsberechtigung”.

15. April 2012

Montag, 29. März 2010

Zypern, wer wird Präsident?

Zwar eine demokratische Wahl in Türkisch-Zypern - aber gern international unter den Teppich gekehrt
Der Mond erscheint als Sichel, nicht nur am Himmel über Nordzypern, sondern auch in der Flagge dieses kleinen Staates.
Weißgrundig, weht sie wie das Foto-Negativ jener knallroten vom 50 km entfernten türkischen Festland. Als politische Demonstration bedeckt sie in einem hunderte Meter großen Rechteck die Gipfel der Fünffinger-Bergkette, gut sichtbar für ihre Nachbarn, die Griechen Südzyperns. “Ich bin jedes Mal schockiert, wenn ich diese Monstrum sehen muss”, ärgerte sich der griechisch-zyprische Präsident Dimitris Christofias vor ausländischen Gästen.
Das nannte Hasan Ercakica, Regierungssprecher der Türkischen Republik Nordzypern (TRNZ) eine Beleidigung für sein ehrbares Staatssymbol. Ein Staat, den es genau genommen nicht gibt, weil er seit seiner Gründung 1983 auf Betreiben Griechenlands international (Ausnahme Türkei) nicht anerkannt wurde. Und doch ist das türkische Nordzypern seit 27 Jahren mit seinen 300.000 Einwohnern und seiner demokratisch gewählten Regierung eine politische Realität. “Unter völkerrechtlichen Gesichtspunkten besteht an der Existenz unseres Staates kein Zweifel. Auch wirtschaftlich hätten wir ohne die jahrzehntelangen Embargos prosperieren können” wurde Ex-Präsident Rauf Denktas nicht müde, die Situation seines Landes zu erklären. Ihm wurde vorgeworfen, bei allen Gesprächen über die politische Zukunft Nordzyperns ein unnachgiebiger Verhandlungspartner gewesen zu sein. Er selbst meinte dazu, dass er die international verbrieften Rechte seines Volkes immer hatte schützen müssen, eine Verantwortung, die ihm demokratisch übertragen wurde.
Auch seinem Nachfolger Mehmet Ali Talat, er gehört der sozialistischen CTP an, wurde diese Verantwortung bei der Wahl 2005 zum Präsidenten übertragen. Seit September 2008 sitzt er mit dem zyperngriechischen Präsidenten Christofias am Verhandlungstisch. Doch derartige interkommunale Gespräche finden schon seit über 40 Jahren statt - erfolglos.
Am 18. April ist nun wieder Präsidenten-Wahl. Sie wird direkte Auswirkungen auf die Frage haben, wie die Verhandlungen zwischen Nord- und Südzypern fortgeführt werden. Ein zyperntürkischer Präsident ist nicht nur moralisches Vorbild und Repräsentationsfigur wie in Deutschland, sondern er hat viele exekutive Vollmachten.


Insgesamt haben sich sieben Kandidaten für das höchste Amt im Staat registrieren lassen. Alle haben bekräftigt, dass es zu weiteren Verhandlungen kommen wird. Ob Talat wieder gewinnen wird, ist fraglich, denn er kämpft gegen den Ruf an, er habe die inseltürkische Eigenständigkeit durch seine großzügige Kompromisshaltung gefährdet. “Sollte Talat am 18. April vom Volk abgewählt werden, wird das von Gazetten und Politikern überall als Rückfall in die Zeit des “Hardliners” Rauf Denktas gegeißelt werden.” schreibt Uli Piller, der ehrenamtliche Repräsentant der TRNZ in München. Aber vor allem sollten sich die Brüsseler Beamten fragen lassen, ob sie nicht in ihrem blinden Philhellenismus mit der Aufnahme der nur griechisch-zyprischen “Republic of Cyprus” in die EU zur Verhärtung der Positionen und zur Isolierung der Zyperntürken beigetragen haben?
Denn trotz der aktuellen Friedensgespräche wird durch Rechthaberei und Bosheiten das Insel-Leben erschwert. Da geht es um Eigentumsrechte, um Rechte auf den Namen eines Käses, um Rechte an Ölvorkommen im Meer, um Fährverbindungen von Nordzypern nach Syrien und Israel, um Überflugrechte, um die Fahne …und vieles mehr. So hat z. B. Griechenland im Januar 2009 gegen den Nato-Partner Türkei für Milliarden in neue Waffensysteme investiert, während der kommunistische zyperngriechische Teil-Präsident Dimitris Christofias zu seinen ehemaligen, jetzt gewendeten Glaubensbrüdern am
21. November 2008 zum 200-Millionen-Euro-Waffeneinkauf nach Moskau reiste.

Nach fast 350 Jahren Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich wurde Zypern 1888 besetzt, 1914 formal von den Briten annektiert und elf Jahre später zur Kronkolonie ernannt, ein Status, der bis zur Unabhängigkeit 1960 galt. Als Staatsgründer gilt Erzbischof Makarios. Aber die Verfassung der Republik, auf die er vereidigt wurde, hat er nicht respektieren wollen, obwohl schon im Staatsgründungsakt von 1960 ein türkisch-zyprisches Mitbestimmungsrecht festgelegt wurde. Seitdem ist Zypern zu einem Krisenherd geworden, weil sich die Griechen als gesamtzyprisches Staatsvolk sehen und die Türken zur Minderheit mit Gastrecht degradiert haben.

Mit dem damaligen Verfassungsbruch und dem militärischen Angriff auf die türkische Zivilbevölkerung 1963/1964 hatten die Griechen schon nach drei Jahren die Republik zerstört. Dennoch gelang es ihnen bis heute sich als Opfer der Türken zu inszenieren und sowohl die internationale Presse als auch Brüssel vom Fortbestand der “Republik Zypern” zu überzeugen. Das war nicht besonders schwierig, denn alle diplomatischen Kontakte wurden seit 1963 von Zyperngriechen wahrgenommen.
Es war 1974, als Griechenland einen Putschversuch auf Zypern wagte, um den Anschluss der Insel, die megali idea, den nationalistischen Traum von Großgriechenland zu verwirklichen. Auf Kreta war es schon gelungen, die Türken zu verjagen, warum sollte es nicht auch auf Zypern gelingen? Jedoch endete dieser Griff nach Zypern mit dem Herbeieilen der Truppen vom türkischen Festland zum Schutz ihrer Volksgruppe, eine Intervention, zu der die Türkei - zusammen mit England und Griechenland - nach dem Genfer Zypern-Schutz-Abkommen berechtigt, ja sogar verpflichtet war.

“Bis Ende 2009 müssen wir eine Zypern-Lösung gefunden haben” meinte Präsident Talat vor einem Jahr. Doch die Zypern-griechische Seite hatte schon im April 2004 mehrheitlich gegen den UN-Annan-Friedens-Plan gestimmt. Sie beharrt immer noch auf ihrem vermeintlichen Anspruch auf die gesamte Insel. Die EU stärkt ihr dabei den Rücken, denn sie hatte bei dem Aufnahmeantrag schlicht übersehen, dass die “Republik Zypern” seit 1963 nicht mehr besteht. Jedenfalls hat sie ohne Not ein Gebilde aufgenommen, ohne zu wissen, auf welches Territorium sich dessen Hoheitsgewalt erstreckt.

Eine pikante Situation mit 300.000 zyperntürkischen Geiseln. Die gehören theoretisch bereits zum EU-Raum, nur können sie in der Praxis ihre Rechte nicht wahrnehmen, ihre demokratisch gewählten Vertreter, die ihnen zustehenden Sitze in Brüssel nicht einnehmen, ihre Stimmen in Rat, Kommission und Parlament nicht erheben. Dafür darf Griechisch-Zypern seine “eigene Minderheit” weiterhin boykottieren, versuchen diese durch strenges Embargo auszutrocknen und ihre Repräsentanten politisch und diplomatisch zu diskriminieren.

Aber die Sichel am Himmel wird weiter über der kleinen “Türkischen Republik Nordzypern”, geschützt durch türkische Truppen, weiter leuchten.

Heidemarie Blankenstein,
Berlin / Zypern, 29. März 2010

Samstag, 10. Januar 2009

Archäologen mitten in Zyperns Zwietracht


Die Ledrastreet ist nur wenige hundert Meter lang, doch wenn sich Uwe Müller auf seinem Weg zur Mittagszeit bei einem Eis und türkischem Kaffee entspannt, braucht er gut eine Stunde für die kurze Strecke. Gewöhnlich schwellen Autolärm und Marktgeschrei zwischen Büyükhan und Eleftherias Square zu dieser Tageszeit ab. So kann er deutlich das Glöckchen der nahen griechisch-orthodoxen Phaneromeni-Kirche hören, aber auch das Rufen des Muezzins von der großen Selimiye-Moschee. Das ist Zypern. Alles ist hier vielschichtig. Dem Einerseits und Andererseits, das die Insel seit 1963 zerschneidet, kann  Müller nicht entkommen. Er arbeitet seit acht Jahren als Archäologe an der Eastern Mediterranean University (EMU) von Magusa (Famagusta) im türkischen Teil der Insel. Manchmal besucht er Freunde im griechischen Süden.  Dabei muss er eine Grenze passieren. Dann ist es mit seiner Entspannung vorbei. Frustration und Enttäuschung steigen in ihm hoch. 

Nun sollte man meinen, dass Wissenschaft  heute eine internationale Angelegenheit ist, die normalerweise keine Grenzen kennt. In Europas südöstlichstem Zipfel ist das freilich anders. Dort lebt die Forschung mit einer Grenze, an der sich die Geister scheiden. Den einen, den Griechen,  gilt sie als unerträglich. Die anderen, die Türken, beziehen aus ihr Sicherheit und Orientierung.

Als die Mittelmeerinsel vor vier Jahren Mitglied der Europäischen Union geworden war, glaubten die tapferen Brüsseler EU-Erweiterer,  die Grenze zwischen dem  griechischen  und dem türkischen Teil werde sich automatisch in Luft auflösen. 

Die Brisanz der unmittelbaren Konfrontation, die zwischen dem christlich-orthodox-griechischen und dem islamisch-orientalisch- türkischen Kulturkreis herrscht, hatten sie unterschätzt.

Dass aber gerade Archäologen durch einen außergewöhnlichen Fund in Nord-Zypern Opfer dieser Grenze würden, sogar tiefe Gräben durch die Forscherszene ziehen und Politiker in Aufregung versetzen könnten, war schon gar nicht zu erwarten.

Zwei US-amerikanische Professoren von der Eastern Mediterranean University (EMU) in Magusa (Famagusta) wandern durchs nord-zyprische Karpas-Hinterland, dort, wo meistens mehr Esel als Menschen umherstrolchen. Sie stoßen auf eigenartige Metallstücke und  informieren  den Fachmann,  den deutschen Archäologen der EMU, Dr. Uwe Müller.

Was sich ihm darbot, konnte nur durch eine unmittelbar Not-Aktion geschützt und gerettet werden. 26 gut erhaltene Gefäße, Weihrauchbrenner und Werkzeuge - alle offensichtlich aus der späten Bronze-Zeit, seit über 3000 Jahren versteckt unter einem Hügel mit vielen Namen:  Königshügel, auch Kaleburnu-Kraltepe oder Galinoporni-Vasili.


Unter Müllers Leitung, der türkisch-zyprischen Museums- und Antiquitäten-Verwaltung, dem Archäologie-Kollegen Bülent Kizilduman sowie  Akademikern aus Tübingen und Freiburg begannen Ausgrabungen im August 2005, finanziert von Deutschlands Fritz-Thyssen-Stiftung.

Da in der heutigen Zeit nur noch ganz selten so gut erhaltene Artefakte aus der Späten-Bronze-Zeit (1300 v. Chr) gefunden werden, war Sorgfalt und Behutsamkeit angesagt:  Zuerst wurden Räume mit vorhellenistischen Fresken freigelegt, in denen sich eine beachtlicher Reichtum an Luxusartikeln befand: Krüge, Kosmetik-Näpfe, Waagschalen mit ziselierter Gewichtseinteilung, Mörser, Stößel und Stöpsel. “Ihre Anfertigung aus Kupfer-Zinnlegierung erfüllt hohe technische Ansprüche. Vergleichbare Objekte sind bisher nur aus so prominenten Fundorten wie Ugarit, Megiddo oder aus Akko bekannt”, berichtet Müller. Er erzählt weiter und versetzt seine Zuhörer Jahrtausende zurück. Er lässt hoch beladene Schiffe aus der Levante kommend auf der wichtigen Route nach Anatolien und in die Ägäis im geschützten zyprischen Hafen einlaufen. Er beschreibt emsige, um Fracht feilschende Kaufleute,  um  Kupferbarren, um duftende Öle oder um berauschendes Opium. Wir meinen schließlich, eine prächtige Stadt in einer früh globalisierten, grenzenlosen Welt zu erkennen, deren Reichtum vor allem  auf  Kupfer-Ausfuhr (daher der Name Zyperns) beruht. Doch ihre Mauern sind eingestürzt, ihr Hafen versandet, ihr Name ging verloren. Ein treffliches Beispiel für Zypern gesamtes Geschick.

Schon immer haben  neue Eroberer nach der drittgrößten und kupferreichen Mittelmeerinsel gegriffen. Sie etablierten sich - und wurden vertrieben. Die vielfältigen Einflüsse lassen  sich  kaum alle aufzählen.

Wer vom Osten her aus den Gebieten der Hochkulturen an Euphrat und Tigris oder vom Nil nach Europa drängte, nahm den Weg über Zypern: das legendäre und kriegerische Reich der Hyksos, die Ägypter, Phönizier, Assyrer,  Perser und  Ptolemäer, später die Araber und von 1571 die osmanischen Türken. Ihnen gehörte Zypern  bis 1878, dem Beginn der britischen Kolonialzeit.
In umgekehrter Stoßrichtung war es nicht anders: die Achäer sowie Alexander der Große, die Römer und Byzantiner, der englische König Richard Löwenherz, die Templer und  die Kreuzfahrer, das französische Adelsgeschlecht der Lusignans, Genua und Venedig. Seit Jahrtausenden kreuzen sich hier die Machtinteressen. Auch in Zyperns jüngster Geschichte.

Schon kurz nachdem sich die Briten 1960 auf ihre drei militärischen Insel-Stützpunkte zurückgezogen und die Insel in die Unabhängigkeit entlassen hatten, radikalisierte sich das Misstrauen zwischen Griechen und Türken zum Bürgerkrieg. Erzbischof und Präsident Makarios kündigte die neue Verfassung der Republik Zypern  auf und drängte die türkischen Zyprer aus der Regierung.  Die Athener nationalistischen Obristen versorgten paramilitärische Verbände der Inselgriechen mit Waffen. Am 15. Juli 1974 putschten diese gegen die eigene griechisch-zyprische Regierung, um die Vereinigung Zyperns mit Griechenland durchzusetzen. Die Türkei sah die Zyperntürken in Gefahr und intervenierte am 20. Juli 1974. Seitdem herrscht zwar Ruhe an der Grenze zwischen  den beiden Volksgruppen, doch ohne Friedensabkommen.  Der letzte Versuch war der Friedensplan des UN-Generalsekretärs Annan, dem die türkischen Zyprer 2004 mehrheitlich zustimmten. Allerdings waren die griechischen Zyprer dagegen, aus gutem Grund. Sie hatten mit Erfolg auf  das historische Vergessen gesetzt. Dadurch war der Zypern-Horizont der Brüsseler Beamten dermaßen eingeschränkt, dass diese vor der EU-Aufnahme der Republik Zypern zu klären versäumten hatten, auf welches Territorium sich das Hoheitsgebiet des Antragstellers eigentlich erstreckte. Man hatte sich einfach der simplen griechischen Sicht angeschlossen:  
“Der türkische Nordteil gehört zur “Republik Zypern”, denn er ist seit 1974  vom türkischen Militär besetzt. Alles, was dort passiert, ist illegal”.

Das entspricht zwar der panhellenistischen Staatsdoktrin, aber nicht den historischen Tatsachen: Dass diese Republik schon seit 1963 de jure nicht mehr besteht, also auch illegal ist, das wurde in Europa einfach übersehen, was die griechischen Zyprer in eine komfortable Position hievte. Sie dürfen ungerührt und unkritisch weiter auf strenge Einhaltung des Boykotts gegen die türkisch-zyprische Bevölkerung und die von ihr gewählten und eingerichteten Institutionen drängen. Die gründete 1983 ihren eigenen Staat, die TRNZ, Türkische Republik Nord-Zypern. Aus türkischer Sicht bestehen zwei Inselstaaten. Eine Einigung auf einen einzigen gemeinsamen Staat liegt in weiter Ferne.

Darauf können wir nicht warten”, sagt Dr. Uwe Müller, “denn ein kulturelles Welterbe ist in größter Gefahr. Plünderer gruben an mehreren Stellen und zerstörten bereits die archäologische Substanz. Der Fundort ist gefährdet, so dass es meine Verantwortung und Pflicht ist,  diese einzigartige  archäologische Stätte vor Plünderern, vor der Landwirtschaft, vor Erosion hier und jetzt zu schützen”.

Doch vom griechischen Teil aus wurden die Forscher sogleich beschuldigt, durch diese Grabung in “türkisch besetztem Gebiet” internationales Recht zu missachten. Sogar der Botschafter der “Republik Zypern” in Berlin benachrichtigte den Rektor der Universität Tübingen, dass seine Professoren an einer “illegalen Ausgrabung” beteiligt seien. Der prominente zyperngriechische Archäologe  Vassos Karageorgis nannte das deutsche Engagement “schockierend…” und “..dies wird ernste Auswirkungen haben”.

Nach dieser erpresserischen Drohung beeilte sich die Fritz-Thyssen-Stiftung, ihre finanzielle Unterstützung zurückzuziehen. 

Müller lässt sich nicht erpressen. Zwei ebenso unbeugsame Professoren aus Tübingen helfen ihm, Ernst Pernicka und Martin Bartelheim - außerdem  die Regierung der TRNZ. Sie berufen sich auf die Haager Konvention vom 26. März 1999, die von 39 Staaten signiert, in Artikel 9 b ausdrücklich Rettungsgrabungen in besetzten  Gebieten erlaubt. Trotzdem werden Einladungen an Müller und seine Kollegen zu internationalen Kongressen  -  auf  Betreiben der eingebildeten Regierung von Griechisch-Zypern  - regelmäßig  zurückgezogen, von Veranstaltern, die politischen Druck auf wissenschaftliche Arbeit fürchten. 

“Die Grabenkämpfe der Politiker dauern nun schon ein halbes Jahrhundert.
Wir Archäologen sind ihre Opfer. Trotzdem versuchen wir so gut es  - unter unserer prekären  Finanzlage - möglich ist, weiter daran zu arbeiten, das Geheimnis der anscheinend  damals globalen, grenzenlosen Welt zu ergründen und bald in einem Museums-Gebäude der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen.”

Und Martin Kobler, Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes, formuliert eine Lösung für den Zwist auf Zypern: “ Wo Politik nicht weiterkommt, muss Kultur ansetzen”.

Heidemarie Blankenstein,
Zypern, Berlin, im Januar 2009

Dienstag, 11. Dezember 2007

Zypern, Ein Zwischenruf


Wie ein Blitz aus dem heiteren Himmel des Sommers 1974 überraschte die türkische Invasion das friedliche, fruchtbare, multikulturelle Zypern, das sich unter einem gütigen Patriarchen nach langer Unterdrückung durch Osmanen und Briten seiner jungen Unabhängigkeit erfreute.

So stellte Präsident und Erzbischof Makarios den Fall seines Staates bei seinem ersten Auftreten nach der türkischen Intervention vom 20. Juli 1974 vor den Vereinten Nationen in New York dar, und so übernehmen die Medien und auch Teile der offiziellen Geschichtsschreibung, die Schulbücher – wahrscheinlich nicht nur in Griechenland – und schließlich sogar die Brüsseler Bürokraten und Europapolitiker die Perzeption der türkischen Aktivitäten als ungerechtfertigten, völkerrechtswidrigen Gewaltakt eines auf nationalistische Expansion bedachten Staates.

Viele der Akteure handeln dabei wider besseres Wissen, denn die Ereignisse von 1963/64, die zum Aufbrechen der Verfassung von 1960 und sogar schon zur Stationierung einer der ersten UN-Friedenstruppen führten, sind in der Presse und bei den Diskussionen im Rahmen der UN hervorragend dokumentiert. Andere mögen aus Desinteresse oder müde der „zyprischen Querelen“ ignoriert haben, dass nicht erst die innergriechischen Auseinandersetzungen des Jahres 1974 zum Auslöser der türkischen Intervention wurden, sondern das türkische Interventionsrecht schon 1963 und danach immer wieder alle Ereignisse in und um Zypern überschattete und in politische Überlegungen einbezogen werden musste, dass die Türkei nicht ohne Grund ihre Interventionsstreitkräfte im Süden in ständiger Alarmbereitschaft hielt.

Einige Anmerkungen, die beispielhafte Ereignisse des Jahres 1972 betreffen, können zur Erläuterung dienen, denn auch sie werden heute kaum mehr erwähnt und sollen wahrscheinlich dem Vergessen anheim fallen, weil sie der herrschenden, manipulierten Auffassung vom „türkischen Überfall“ widersprechen. Doch machen sie deutlich, welchen Provokationen die türkische Garantorstellung in Zypern immer wieder ausgesetzt war:

Die Insel ist schon 1972 faktisch dreigeteilt: Nur im griechisch-zyprischen Gebiet kann die griechisch-zyprische Regierung der „Republik Zypern“ ein Machtmonopol ausüben, die britischen Gebiete Dhekelia und Akrotiri unterstehen der Souveränität Londons. Viele türkische Enklaven, besonders die große im Norden zwischen Nikosia und Kyrenia, dürfen und können alleine von keinem Griechisch-Zyprer betreten werden. Hier kontrollieren die türkisch-zyprische Selbstverwaltung und die Turkish Fighters rigide ihr Gebiet. Besondere Straßen werden zur Umgehung des türkisch-zyprischen Sektors im Norden gebaut, und nur 2 x täglich dürfen Zypern-Griechen per Auto unter strikter UN-Kontrolle und Begleitung in einem kilometerlangen Konvoi diesen Sektor direkt durchfahren.

Auf der Fahrt durch den Konvoi-Korridor kann man die großen Flächen mit einfachen Flüchtlingsunterkünften beobachten, die von den türkisch-zyprischen Behörden nach 1964 für die aus ihren bedrohten Wohnorten geflüchteten Zyperntürken errichtet wurden – mit Mitteln aus Ankara, um eine Abwanderung oder Evakuierung im großen Stil zu verhüten. Kein Griechisch-Zyprer darf seit 1964 (und später noch bis 2002 !) den türkischen Sektor betreten; Türkisch-Zyprer können etwa seit 1968 - als eine Art Gastarbeiter zur Behebung des Arbeitskräftemangels – wieder in das griechisch-zyprische Gebiet überwechseln.

Offizielle interkommunale Gespräche zwischen den Volksgruppen finden zwar statt, machen aber nur sehr zähflüssig Fortschritte; Staatspräsident und Ethnarch (Volksgruppenführer) Makarios identifiziert sich nicht mit ihnen und lässt seinen Vertrauten Glavkos Klerides verhandeln.

Da fordern am 2. März 1972 und erneut dringlich am 27. März 1972 die drei Bischöfe der zyprisch-orthodoxen Kirche – und parallel auch der orthodoxe Erzbischof  von Athen und ganz Griechenland Hieronymus – Erzbischof Makarios ultimativ auf, von seinem Amt als Staatspräsident zurückzutreten, und drohen, im Falle der Weigerung seine Absetzung als Erzbischof auszusprechen. Er habe – so u.a. ihre Begründung – sein weltliches Amt in einer Art ausgefüllt, die gegen die nationalen griechischen Interessen und gegen die Interessen der Kirche gerichtet gewesen sei, indem er versucht habe, ein „Cyprus consciousness“ zu schaffen. Er sei außerdem für den Prestigeverlust der Kirche, die Ausbreitung des Nihilismus und Atheismus, das Anwachsen des Kommunismus und die Festigung der türkischen Position verantwortlich (so und in dieser Reihenfolge !).

Hauptargument ist schließlich, die von Makarios betriebene Politik des „feasible“ verstoße gegen das Ideal der ENOSIS und führe zur Trennung Zyperns vom Volksganzen („national trunk“). Am 1. Juli 1972 wiederholen die Metropoliten ihre Aufforderung zum Rücktritt und setzen dem Erzbischof (und Präsidenten) zur Entscheidung eine Frist von 10 Tagen.

Der Angriff ist nur aus der politischen Konfrontation Athen – Nikosia heraus verständlich. Makarios mit seiner Unabhängigkeitspolitik, seiner 30.000 Mann starken Nationalgarde und seiner ablehnenden Haltung gegenüber den Zyperntürken steht dem Ausgleich Athen – Ankara und dem panhellenischen Hegemonieanspruch Griechenlands im Wege. Athen weiß in dieser Lage die Metropoliten für sich zu gewinnen. Die Reaktion auf diese konzertierte Aktion der Obristen und Metropoliten ist jedoch anders als erwartet:

Noch innerhalb der Frist weist Makarios die Angriffe scharf und klar zurück: „With the wolves swooping down the shepherd does not desert the sheep and flee“. Durch zahllose Treue- und Unterstützungsbekundungen der zyperngriechischen Bevölkerung geht er gestärkt aus der Konfrontation hervor.

Außenpolitisch vertieft sich der Graben zu Athen, doch das übrige Ausland steht fest geschlossen zu Makarios. Viele Staaten der Dritten Welt, in denen Zypern und besonders Präsident Makarios hohes Ansehen genießen, übersenden Sympathieerklärungen.

Wichtiger ist jedoch, dass auch die westliche Welt diesen Manövern zur Absetzung des Staatspräsidenten nicht tatenlos zusieht: Die USA, denen ein neuer Unruheherd im Mittelmeer bei der 1972 stärker werdenden Tendenz zur politischen Entspannung und zum Abbau überseeischer Verpflichtungen schweres Kopfzerbrechen bereiten würde, informieren die Athener Regierung umgehend, dass sie an der Aufrechterhaltung von Ruhe und Sicherheit an der Südostflanke der NATO aufs äußerste interessiert seien. Ähnlich interveniert Großbritannien, das bei jeglicher Unruhe auf Zypern um den Fortbestand seiner souveränen Basen fürchten muß. Und die Türkei? Beobachter und Gesprächspartner der türkischen Diplomatie im Jahre 1972 sind sich einig, dass militärisch-machtpolitisch nur eine Kurzschlußhandlung  extrem nationalistischer Kreise dazu führen kann, den Präsidenten abzusetzen. Mit dem gewaltsamen Sturz eines verfassungsmäßig gewählten Staatsoberhaupts würden die nationalistisch-klerikalen Putschisten die Prinzipien westlicher Demokratie gröblich verletzen. Vor allem wäre die Frage nicht gelöst, was nach Makarios käme. Das Resumée der politischen Gespräche mit türkischen Partnern zu diesem Punkt habe ich in einer Aufzeichnung vom August 1972 festgehalten: „Sollten diese Putschisten nach einer Absetzung Makarios’ versuchen, ohne vorhergehende Wahl eine farblose Marionette an seine Stelle zu setzen, so käme es mit großer Wahrscheinlichkeit zu chaotischen innenpolitischen Zuständen, wenn nicht zum Bürgerkrieg. Einer weiterhin zu Makarios stehenden, aufbegehrenden und aus früheren Zeiten her gut bewaffneten Bevölkerung gegenüber müsste hart durchgegriffen werden, trotz aller ENOSIS-Parolen würden die Kommunisten und auch weitere Teile der Bevölkerung der indirekten Herrschaft des Athener Obristenregimes starken Widerstand entgegensetzen, und nicht zuletzt würden im Falle von bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen innerhalb des griechischen Bevölkerungsteiles die Türken unter Berufung auf das Sicherheitsinteresse ihrer in isolierten oder gemischten Gemeinden wohnenden Volksangehörigen versuchen, die Teilung der Insel unter Ausdehnung der jetzt schon von ihnen beherrschten Enklaven zu vollziehen.“
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1972 kam es deshalb doch nicht zum vollen Ausbruch des Konflikts zwischen den Athener Obristen, ihren chauvinistischen Partnern in Nikosia und dem Präsidenten Makarios. Erst zwei Jahre später ließen sich die radikalen Panhellenen in Griechisch-Zypern  nicht mehr bremsen und stürzten mit Makarios endgültig  die schon seit 1963 nur noch auf dem Papier stehende verfassungsmäßige Ordnung Zyperns. Damit kam aber  fast automatisch die sich schon Jahre vorher abzeichnende Entwicklung in Gang, die zu der sich inzwischen verfestigenden  Teilung der Insel führte.