Zu dem Beklemmendsten, was die Literatur des vergangenen Jahrhunderts bietet, gehört die Begeisterung, mit der die Gebildeten den Ausbruch des Ersten Weltkrieges begrüßt hatten. Emphatisch beteten Akademiker und Autoren zu Gott, damit der Feind im deutschen Kugelhagel verrecke. Der Feind?
Der war im Osten das rastlos rüstende Russland, und im Westen Frankreich mit seinen Revanchegelüsten. Bis 29. August 1914 lagen 15 Kriegserklärungen vor, und dann wurde losgeschlagen.
"Ehe es zum Schlagen kommt, ist es von höchster Bedeutung, den Gegner, den es niederzuringen gilt, kennen zu lernen"
Wiederholt war die afghanische Bevölkerung feindlichen Kriegsscharen ausgesetzt. Schon 1847, 1879 und 1919 musste sie sich dreimal gegen Großbritannien zur Wehr setzen. Der Sieg bei Maiwand 1880 nahe der südafghanischen Stadt Kandahar avancierte zu ihrem Feiertag. Eine Ironie der Geschichte, dass gegenwärtig britische NATO-Truppen, 130 Jahre später, wieder in Kandahar stationiert sind.
Bei all diesen jahrzehntelangen Kämpfen überrascht es nicht, dass dieses geschundene Land zu den ärmsten Staaten der Erde gehört. Bei genauerem Hinsehen müssten nämlich die Afghanen zornig sein. Um die Sowjetunion aus Afghanistan zu vertreiben, hatte 1987 der CIA-Leiter William J. Casey den pakistanischen Geheimdienst ISI dabei unterstützt, Extremisten nach Afghanistan zu schaffen, die dann als Mujaheddin die Besatzer bekämpften. 1994 wurden die in Flüchtlingslagern Pakistans aufgewachsenen Koranschüler, die Taliban, von den USA an die Macht gebracht. Von dieser fundamentalistischen Steinzeittruppe erhofften sich die USA stabile politische Verhältnisse, um endlich quer durch Afghanistan Leitungen für die Erdgas- und Erdölvorkommen aus Turkmenistan bis zum Indischen Ozean legen zu können. Diese Taliban schufen ihre eigene brutale Gesellschaftsordnung und boten dem saudischen Bin Laden mit seiner Organisation al-Qaida Aufenthalt und Ausbildung.
"Taliban und Al Qaida waren", wie Hamid Karsai feststellt, "Besatzungsmächte, die den Afghanen von außen aufgezwungen wurde". Erschwerend für das Prosperieren Afghanistans ist die historische Tatsache, dass bei der Festlegung seiner Landesgrenzen durch Britisch-Indien und Russland Ende des 19. Jahrhunderts nur strategische Überlegungen im Vordergrund standen. Die traditionellen Lebens- und Wirtschaftsräume der ethnischen Gruppen wurden nicht berücksichtigt. Die Probleme, die derartigen politischen Kunstgebilden eigen sind, traten weltweit spätestens seit Beginn der Dekolonisation auf.
25 Millionen Afghanen teilen sich in 33 verschiedene Volksgruppen auf. Die größte (mit 44 Prozent) ist das Paschtunen-Volk. Ihr Stammesgebiet wurde durch die Durand-Grenzziehung 1893 geteilt und gehört zur Hälfte zu Pakistan. Diese Grenze wird bis heute von der Kabuler Paschtunen-Regierung nicht anerkannt. Paschtunen stellen nicht nur den Großteil der Regierung, sondern auch des Militärs. Sie beherrschen die einträglichen Wirtschafts-bereiche und kontrollieren bis heute den Mohnanbau und damit indirekt auch den Weltopiummarkt.
Ihr Verhalten und Handeln basiert auf einem Ehrenkodex, der Paschtunwali, der drei unverrückbaren Grundwerten folgt:
1) Die Pflicht, Asyl, Schutz und Hilfe jedem - selbst einem Todfeind - zu gewähren.
2) Die Pflicht zur Bewirtung. Selbst Fremde müssen bewirtet und beherbergt werden.
3) Die heilige Pflicht zur Blutrache. Sie rangiert für jeden Paschtunen an erster Stelle. Sie verjährt nicht, setzt sich über Generationen fort, endet erst, wenn die Schuld ausgeglichen ist.
Diese drei Grundwerte, zu denen noch die Verteidigung der Frauen-Ehre und das Recht auf Wasser und Weide gehören, stehen für Mut, Ehre, Überlebenssicherung und Kampfbereitschaft eines ehemals rein nomadischen Volkes. So unterliegt das Handeln der Taliban im wesentlichen Stammestraditionen der Paschtunen.
Da sich all die anderen Ethnien, z. B. die Tadschiken, Usbeken, Hazara, Turkmenen, Baluchen, Nuristani oder die Paschai sprachlich, kulturell und religiös unterscheiden, konnte Staatlichkeit nie Fuß fassen, weil es natürlich stets Spannungen um Ressourcen gab und gibt. Sie spiegeln sich im Warlordverhalten ihrer Anführer. Von der Weltgemeinschaft wurde die Mentalität der Stämme nie ausreichend erkannt und beachtet, sondern allenfalls für ihre eigenen Interessen nutzbar gemacht, indem sie die Stämme gegeneinander ausspielten. Erst durch seine extremen Krisen wurde das Land wahrgenommen: Beim Einmarsch der Sowjetarmee 1979, als die brisante Lage zwischen den afghanischen Völkern zur Explosion gebracht wurde, bei den infamen Anschlägen auf New York am 11.9.2001, die die Terrororganisation al Qaida zu verantworten hat, sowie dem am 07.10.2001 begonnenen NATO-Militärschlag.
Die Bombardierung Afghanistans mit dem Ziel, al Qaida zu besiegen und Osama Bin Laden zu finden - das gesamte heutige Afghanistan-Problem -, hat also weithin extern begründete Ursachen. Deshalb ist es paradox, das afghanische Volk mit militärischen Angriffen für eine Tat zu bestrafen, die es selbst nicht begangen hatte.
"Afghanistan wegen al Qaida anzugreifen ist, als ob man Deutschland wegen der Skinheads bombardieren würde. Und niemand kann ernsthaft glauben, dass Terroristen mit Flugzeugträgern, Raketen, Jagdbombern und Panzern zu besiegen seien." "Nur Dummköpfe bekämpfen eine Läuseplage mit dem Vorschlaghammer. Terrorismus sollte mit dem Skalpell und nicht mit dem Schlachterbeil bekämpft werden. Militärische Strategien stärken ihn, züchten immer neue Generationen von Terroristen heran", schreibt der CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer.
Wo ist also der Feind? Und warum befindet sich die Bundeswehr noch immer am Hindukusch, obwohl den meisten Militärstrategen klar ist, "dass dort kein militärischer Sieg zu erringen ist". (Prof. Dr. Norman Peach, Sicherheitsexperte, auch Ex-Kanzler Helmut Schmidt). Bundeswehrsoldaten sollten die Regierung endlich fragen: "Ist mein Einsatz friedenspolitisch motiviert? Ist er mit dem Grundgesetzt vereinbar? Oder entsteht er nur aus bündnispolitischen Erwägungen?
"Der ganze Balkan ist nicht die gesunden Knochen auch nur eines Pommerschen Grenadiers wert" hat Reichskanzler Otto von Bismarck 1876 erklärt, als die europäischen Nachbarn deutsche Truppen in Krisenregionen schicken wollten. Erst der Bündnisfall mit Österreich-Ungarn, die Großmannssucht Kaiser Wilhelms II und die idealistische Verklärung des guten Krieges haben deutsche Soldaten in den Ersten Weltkrieg gezogen und missbraucht. Ist das für Afghanistan aktuell?
Dschalalabad, Herat, Kabul, Paktika, Urusgan, Kundus - in jeder Stadt und in jeder Provinz wurden von ausländischen Soldaten Zivilisten getötet. Diese Orte stehen für die Wut vieler Afghanen auf ausländische Soldaten.
Diese Ausländer möchte niemand in seinem Tal haben. "Die Zahl der zivilen Toten und die willkürlichen Hausdurch-suchungen haben ein Niveau erreicht, das nicht mehr hinzunehmen ist", sagte Präsident Karsai schon im Herbst 2007. Besonders Hausdurchsuchungen der Amerikaner sind umstritten, weil es als Schande empfunden wird, wenn fremde Männer Frauen-Räume betreten. Wenn nun nach einer Durchsuchung Afghanen wütend zu den Waffen greifen, sind sie dann Taliban? Trägt ein landestypisch Gekleideter ein Maschinengewehr oder eine Panzerfaust ist er dann ein Taliban? Wie sollen ausländische Soldaten Zivilisten von Taliban unterscheiden?
"Die Truppen, die am meisten in Kampf-handlungen verwickelt sind, verursachen die meisten zivilen Opfer", sagt Nikolaus Grubeck, Berater für die afghanische Menschenrechtskommission. "Außerdem können die Afghanen nicht zwischen bösen OEF-Truppen und der guten ISAF unterscheiden. Die Menschen denken, dass jeder ausländische Soldat ein Amerikaner sei".
Werden am Hindukusch mit jedem neuen Angriff alte Sympathien für Deutschland verspielt? Verteidigen vielleicht unsere deutschen Soldaten nicht unsere Sicherheit am Hindukusch, sondern nur den Weltmachtanspruch der USA? Inzwischen stehen auch Deutsche im Verdacht, mit US-amerikanischen "Feste-druff-Methoden" Terroristen zu bekämpfen. Vom Gegenteil will die Bundesregierung vor jeder jährlichen Mandatsverlängerung die kritischen Deutschen überzeugen. Sie sagt, dass Deutschland in eine asymmetrische Bedrohungslage hineingezogen wurde und redet vom Stabilisierungseinsatz, der helfende und schützende Funktion für die Sicherheit der afghanischen Regierung habe. Ein sicheres Umfeld solle den zivilen Kräften für Wiederaufbau und humanitäre Aufgaben zuteil werden, kurz, es handle sich um einen sauberen Einsatz - ohne Blutvergießen.
Das Wort Krieg fürchtet die Regierung. Dazu hat sie Grund. Denn befänden sich die deutschen Streitkräfte im Krieg, müsste geprüft werden, ob der im Grundgesetz vorgesehene Verteidigungsfall vorliege. Notstandsregeln träten in Kraft, und der Verteidigungsminister wäre nicht mehr Inhaber der Befehls- und Kommando-gewalt. Die würde an den Regierungschef übergehen. Wann gilt ein bewaffneter Konflikt als Krieg? Nach einer Definition der schwedischen Universität Uppsala: "..wenn jährlich mehr als tausend Menschen durch Kampfhandlungen umkommen". In Afghanistan waren es allein im Jahr 2008 fünftausend.
Noch einmal: Gegen welchen Feind kämpfen deutsche Soldaten am Hindukusch, wenn die al Qaida-Suche abgeschlossen ist und die Taliban schwer als solche erkennbar sind? Viele, die sich als Taliban ausgeben, sind unbedeutende Kämpfer, vielleicht nur Straßenräuber oder Kabuler Studenten. Wer weiß das schon so genau? Taliban ist eine Bezeichnung, die sich inzwischen allerlei Leute selbst verleihen, um Feinde und Nachbarn einzuschüchtern oder ihren kriminellen Methoden ein Mäntelchen der islamischen Rechtschaffenheit umzuhängen. Das macht es schwierig, das Phänomen des militanten Islamismus in Afghanistan zu fassen.
Anfang Dezember 2009 richteten "Taliban" drei Polizisten regelrecht hin, nur 30 Kilometer von Masar-i-Scharif entfernt. Bei der ISAF taucht der Angriff in keinem Rapport auf. Laut Polizeichef waren die Mörder keine Taliban, sondern Banditen.
"Kenne deinen Feind", schreibt der chinesische Militärstratege Sun Tzu. Der kanadische Journalist Graeme Smith versuchte, dem westlichen Feind in Afghanistan auf die Spur zu kommen. In seinem "Porträt des Feindes" heißt es: "Die Taliban sind wild und furchteinflößend, aber auch stolz und bisweilen poetisch. Sie nutzen die Sprache des radikalen Islams, aber ihre Botschaften sind oft nicht mehr als fremdenfeindlich und getrieben von dem Willen, ihre eigene Lebensart zu schützen. Smith zeigt uns merkwürdige Männer mit Ängsten und Launen, in bisweilen peinlichen Situationen, mit Großmannsgelüsten und gekränktem Ehrgefühl, manche sympathisch, andere weniger, Männer, die mit westlichen Taliban-Phantasien wenig gemein haben".
Sind das die Feinde, für deren Bekämpfung der deutsche Steuerzahler Milliarden verschwendet?
Im Jahr 2009, wenn Afghanistan gewählt habe, würden sich die deutschen Truppen zurückziehen können, hieß es vor einigen Jahren aus dem Auswärtigen Amt. Nun muss die deutsche Öffentlichkeit hören, dass alte Ziele immer wieder neu gesetzt werden: "Regionale Strukturen stärken, Drogenanbau verhindern, Korruption bekämpfen, innerafghanischen Versöhnungsprozess schaffen, den Anforderungen der USA nach mehr Soldaten gerecht werden, Good Government erreichen…" so beschreibt Rüdiger König, Direktor des Afghanistan-Referats im Auswärtigen Amt, die hehren Ziele des deutschen Afghanistan-Einsatzes. Kurz: Wer mit den afghanischen Verhältnissen vertraut ist, sieht darin ein kostspieliges, deutsches Engagement, das am Nimmerleinstag endet.
. So steht es in der Geschichte des Weltkrieges 1914/18. Die Feldherren hatten ihren Clausewitz im Kopf und viel Zorn im Herzen. "…Zorn gegen die verlogenen Franzosen, Zorn gegen die Niedertracht des englischen Volkes, Zorn gegen das ruhelose Russland. Denn Zorn macht stark, erfüllt unsere tapferen Soldaten. Zorn ist etwas Männliches. Er soll uns zum Sieg führen".
Was Zorn, Feindbild und Hass betrafen, erscheinen uns die beiden grausamen Weltkriege als geordnet. Ein festes Reglement trennte Krieg von Frieden, Zivilisten von Soldaten. Und heute? - Hatten sich unsere Politiker ausreichend über den "Gegner" informiert, als sie ab 2001 im Oktober 3.600 deutsche Soldaten zum Hindukusch schickten, um unser Land zu verteidigen? Zur selben Zeit fielen die ersten US-amerikanischen Bomben. Es wurde der NATO-Bündnisfall ausgerufen. Gegen wen richtete sich die Mobil-machung der NATO, die durch den UN-Sicherheitsrat legitimiert wurde? Gegen kriegsmüde Bauern, gegen jene, die seit dem Sturz ihres Königs Muhammad Zahir Shah 1973 durch bürgerkriegsartige Unruhen erschüttert und die seit 1979 im Kriegszustand leben?
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Samstag, 1. Januar 2011
Freitag, 17. August 2007
Mitten im Leben vom Krieg umgeben - Der Hauch von Normalitaet
Regnet es in Kabul,
überspülen Plastiktüten, Aas und Dreck die Gassen. Das unterscheidet Afghanistan nicht von anderen Ländern dieser Erde, deren Abwasser- und
Abfallentsorgungen offen am Wegesrand verlaufen. An solchen Tagen haben es die alten
Männer in ihren Sandalen schwer, wenn sie sich mit hoch beladenen Obstkarren in
Richtung Markt abmühen. Immer wieder versinken sie in den schlammigen
Fahrrillen.
Rillen, die auch unser
Geländewagen zieht, in dem wir ins 30 Kilometer entfernte Bergdorf Paghman
wollen. Wir – das sind der afghanische Fahrer Mr. Nasr, ein Beamter des afghanischen
Außenministeriums, mein Mann und ich – alle völlig unbewaffnet, aber mit einem
kleinen deutschen Aufkleber an der Tür, auf einen gewissen guten deutschen Ruf in dieser
Weltgegend, auch auf unsere Unauffälligkeit hoffend. Wir unterscheiden uns jedenfalls
sehr von den ISAF (International
Security Assistance Force in Afghanistan) – Spähtrupps, die Autorität
und Aktivitäten der legitimen afghanischen Regierung absichern sollen. Sie
hocken, schusssicher gewappnet, hoch oben auf tarnfarbenen Schützenpanzerwagen hinter
Maschinengewehren und versuchen wild gestikulierend, den chaotischen Kabuler Verkehr auf Abstand zu
halten. Das gelingt meistens nicht. Schon manchmal hat sich bei diesen
Patrouillen ein nervöser Schuss gelöst.
Jetzt muss die Bevölkerung (die zu einem
hohem Prozentsatz nicht lesen kann)* rote
Warnschilder an den Militärfahrzeugen beachten: „30 Meter Abstand halten!“
Und das in einer pulsierenden
Millionen-Stadt, die am Verkehrs-Chaos
zu ersticken droht, weil ihre Haupt-Adern durch die monströsen Beton- und
Sandsackbarrikaden zum Schutz des ISAF-Hauptquartiers,
der weitläufigen Anwesen von US-AID, der CIA
sowie der Botschaft der USA und des Präsidentenpalastes rücksichtslos durchtrennt sind.
Endlich erreichen wir die Ausfallstraße nach Westen. (
* etwa 80 %)
Ernst und aufmerksam stehen Kinder am Straßenrand und wollen Tomaten
verkaufen. Wie weit mag ihr Weg sein, den sie barfuß und schwer beladen gehen
müssen, bis sie zur Hauptstraße kommen? Bis hierher, wo die Autobesitzer, die
Gewinner also, flüchtig vorbeirollen.
Sind wir, die Fremden, Teil ihres Sehnens? Wir halten bei einem. In wenigen
Minuten sind wir umringt von zirka zwanzig kleinen Händlern. Ihre abgemagerten
Körper bedecken entweder Pyjamas, ähnlich
der alten Taliban-Zwangs-Kleidung, oder verschlissene Hosen – nur von einer
Schnur gehalten.
Ich sehe in Kindergesichter
mit tiefen Falten um den Mund und Tränensäcken unter den Augen, und dann kaufe
ich Tomatenmengen, die bis zum Jahresende ausreichen. Sie bedanken sich überschwänglich - und schon
sind wir aus ihrem Gesichtskreis verschwunden. Zu schnell. Die Straße steigt
leicht in Richtung Gebirge, verbessert ihren Belag sogar bis zur kompletten
Asphaltierung. „Wir durchqueren jetzt zwei Stammesgebiete,“ erklärt unser
afghanischer Außenamts-Beamter „deren Kommandanten, Abu Sayaf und Mullah Esat, zwar
Nachbarn sind, aber keine Freunde. Auch im Jahr des Herrn 2007 und im Jahr des
Propheten 1386 bekriegen sie sich, jetzt allerdings vorwiegend mit politischen
Mitteln. Es geht immer um Macht, nicht um Frieden.“ Komplexe, deren innerer Zusammenhang uns Ortsfremden kaum erkennbar ist.
Erkennbar sind
plötzlich in der Ferne zwei querstehende Pkws. Versperren die etwa unseren Weg?
Unser Wagen nähert sich vorsichtig. Die Behinderung löst sich zwar auf, aber sie
nimmt uns in die Zange: Ein Wagen fährt vor uns, der andere verfolgt uns von hinten.
In jedem erkenne ich vier finstere Gestalten in Militärklamotten. Sie halten Kalaschnikoffs
zwischen den Knien. „Das war’s dann wohl“, denke ich, während sich unser
afghanischer Freund fürsorglich nach meiner Angst erkundigt. Eine Angst, die über diese Straße heranrollt,
zielgerichtet bei mir ankommt und sich ganz dicht an meinen Nerven festsetzt.
Entführung hier und jetzt? Und dann noch selbst verschuldet? Nach der
Entführung dreier Deutscher und dem traurigen Tod dreier deutscher Polizisten
dürfen sich Botschaftsmitarbeiter, auch Militärs nur unter Einhaltung
strengster – fast selbstquälerischer- Sicherheitsregeln aus ihren Festungen
herauswagen. Wir haben das ignoriert.
„Die Menschen sehen
in dieser Gegend alle so aus“, höre ich den Freund aufmunternd sagen. Misstrauisch beobachte ich
unsere Eskorte.
In Paghman angekommen,
parkt die einfach vor einem Tor. Wollten diese acht Afghanen wirklich nur an
diesem Nachmittag bei ihrer Verwandtschaft bewaffnet Tee trinken?
Sollte auch mir - bei der allgemeinen aufgeregten Fokussierung auf Afghanistan - jegliches
Augenmaß verloren gegangen sein? Kommt
es nicht rund um den Globus täglich zu
Kriminalität? Da wird zur Durchsetzung sozialer oder politischer Anliegen
gemordet und erpresst - nicht nur am Hindukusch.
Sieben Jahre hatten die Russen versucht,
Paghman, das Paradies Afghanistans, einzunehmen. Während der Fahrer den
Vierradwagen weiter hinauf in die Berge
quält, schwärmt unser Begleiter: „Diese
Gegend hier war voller blühender Gärten und fruchtbarer Felder. Sie war die exquisite
Sommerfrische der Hauptstädter“. Meine Angst löst sich in Staunen auf: Ich höre
einen rauschenden Bach, das Geklapper von Teegeschirr, ich schnuppere Bergluft,
vermischt mit gegrilltem Kebab und sehe ringsherum Männer, die anstelle von Waffen
dicke Lavendelsträuße tragen. Unter
schattigen Bäumen liegen Teppiche und Polster, die zum Verweilen einladen.
Wir verweilen nicht
lange. Unsere Fahrt geht weiter zum Kargha Stausee. Wieder erreichen wir ein ehemals
stark umkämpftes Gebiet, geschundenes Land, - ich meine zu träumen - in einen Golfplatz verwandelt. Seine Greens
bestehen aus ölgetränktem Sand, während der gesamte Platz ein Gemisch aus Gestrüpp und Geröll ist, aber
– wie uns versichert wird – von Minen
geräumt. Also wagen wir einige Abschläge
und schauen uns im „Golf-Club“ um. Wir spüren
einen Hauch von Normalität, der unserem Afghanistan-Bild
aus einem Gebirge von Gefahr und Trostlosigkeit nicht ganz entspricht.
Es dämmert, aber
immer noch fahren über den riesigen
See Motor- und Tretboote gemächlich
dahin. Manche Männer baden oder angeln sogar. Eine beschauliche Stimmung. Keine
Sandsackbarrikade versperrt den Blick. Als wir zu frischem Kebab und duftendem
Fladenbrot eingeladen werden, platziert der freundliche Kellner etwas
Geheimnisvolles, in einer schwarzen
Plastiktüte versteckt, mitten auf
unseren Tisch. Neugierig packen wir aus: Wieder so eine Fatahmorgana in einem
islamischen, alkoholfreien Land: Echtes Heineken Bier! Hier am leise plätschernden Kargha See, mitten
im Gebiet des strengen Kommandanten
Mullah Esat scheinen uns für
Stunden die Probleme dieser Welt ganz weit weg.
„Kommt Ihr am Freitag mit in mein
Pandschir-Tal?“ fragt uns der Pandschabi
Mr. Saband. Seinen Kopf schützt eine runde Pandschabi- Filzmütze. Über dem
langen Leinen-Hemd und den Pluderhosen trägt er ein westliches Jackett, in dem
ein mobiles Telefon steckt. Er ist der Hausangestellte unseres treuen afghanischen Außenamts-Beamten und
scheinbar ein gefragter Mann. Sein
Telefon klingelt unaufhörlich, als wir Kabul in Richtung Kundus verlassen. Rund
200 Kilometer sind es bis zum heutigen Ziel.
Hoch über der Straße
ein Banner: „Unsere Polizei ist der
Lichtblick der Stadt“, liest mein Mann
vor und freut sich. Ist es doch eine Anerkennung seiner Arbeit als Deutscher
Sonderbotschafter. Seine Aufgabe war es, die internationale
Unterstützung für den Aufbau einer neuen afghanischen Polizei richtig
einzusetzen. Denn Grenz-, Verkehrs-, Kriminalpolizei kosten den afghanischen Innenminister gar nichts. Sie werden einzig und allein von ausländischen Steuerzahlern finanziert und
ausgebildet, allen voran Deutschland. Doch nur 40 deutsche Polizisten mit
Englischkenntnissen waren freiwillig bereit, am Hindukusch Polizei-Offiziere auszubilden. Zu wenig! Also hat die deutsche Regierung
ihre Ausbildungsverpflichtung in europäische
Verantwortung übergeben, an die neue Mission EUPOL-Afghanistan, auf mehr
Freiwillige Ausbilder hoffend. Über „zu wenig“ wird auch bei der Entlohnung
geklagt. 70 Dollar Lohn (für jeden der 62.000 Polizisten im ganzen Land) monatlich für einen riskanten Job: Selbstmordattentäter
hatten am 17. Juni 2007 eine Bombe in
einen Polizeibus geworfen – 35 Opfer. Im selben Monat hatten US-Soldaten bei einem ihrer Anti-Terror-Einsätze
in Nangarhar versehentlich sieben afghanische Polizisten erschossen. Riskant und wenig bezahlt. „Die
Taliban bieten mir 250 Dollar monatlich,
ich habe eine große Familie, allein ein
Sack Reis kostet mich 60 Dollar. Das zwingt mich meinen Polizisten-Lohn irgendwie aufzubessern,“ erklärt uns ein Verkehrspolizist aus der Provinzhauptstadt Charikar.
Noch lange bevor wir Charikar erreicht hatten,
kamen wir durch grauenvoll zerstörte Dörfer. Den Menschen blieb nur die Flucht: Sechs Millionen nach Pakistan; zwei Millionen in den Iran. Wem die Flucht nicht gelungen war, wurde Opfer der machthungrigen Stammesführer, die sich von den gegenüberliegenden Gipfeln –
nachdem die Russen besiegt waren - bombardierten
und dabei die gesamte dichtbesiedelte Kabuler Hochebene in Schutt und Asche
legten. Afghanen gegen Afghanen. Einer von ihnen war der „Löwe des
Pandschir-Tals“, General Massoud. Sein
Beiname resultiert aus der erbitterten Verteidigung seines schönen
Pandschir-Tals gegen russische Eindringlinge und später auch gegen die
paschtunischen Taliban.
Welch ein Zauber über
diesem fruchtbaren Tal! Verständlich, dass es einst zum „Hippie-trail“ gehörte.
Hierher kamen Jugendliche aus dem Westen wegen der grandiosen Natur, wegen des wilden
Lebensstils und wegen des besten Haschischs der Welt. Sie wurden zu Kolonialisten
- auch zu Geldbringern, aber zu
würdelosen. Erst die Invasion der
Sowjetunion 1979 beendete diese Art des touristischen Treibens. Doch Afghanistans wichtigste Einnahmequelle
versiegte. Einsam donnert heute der unbändige Pandschir-Fluss durch die
hochaufragenden Felswände. Märtyrergräber, mit grünen Fahnen geschmückt, säumen unseren
Weg.
An den
unwahrscheinlichsten Stellen, sogar mitten im klaren Wasser des Flusses, liegen ausgebrannte Panzer. Manch ausgebombtes
Militärfahrzeug dient jetzt als Kiosk. Ein einzelner Bauer geht vor
einem Pflug her. Mitten auf seinem Acker liegt ein verrosteter Panzer. Er
bewegt sich vorsichtig um das Wrack herum. Am Straßenrand laufen Kinder mit
Brennholz und Frauen mit Wassereimern. Sie meiden die Gräben, in denen noch Minen
liegen könnten. Im und am Fluss
gehen die modernen afghanischen
Familienväter ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Sie waschen sorglos ihr Auto.
Wieder spüre ich diesen Hauch der
Normalität.
Unser Mitfahrer, der Pandschabi Mr. Saband, ist in diesem Tal zu Hause.
Bevor er uns in sein Haus einlädt, führt er uns feierlich auf eine Anhöhe zum Grabmal von General
Massoud, dem Held der Tadschiken. Er
zeigt es uns wie ein Heiligtum: „Fremde Eroberer haben gegen uns keine Chance. Wir haben sie bisher alle besiegt.“ Dieser Satz verfolgt mich
lange. 55 verschiedene und stolze Ethnien beherrschen Afghanistan. Wo ist der Faden, der aus diesem Macht-
Labyrinth herausführt? Wer kann der jetzigen Regierung das Gewaltmonopol
sichern? Fremde Truppen etwa?
Das Haus seiner
Familie liegt hoch am Hang und verbreitet Ferienstimmung. Nach der steinigen Kletterpartie
sind wir froh, auf den bunten Kissen des Salons ausruhen zu dürfen. Frische Bergluft
weht durch die weißen Spitzengardinen. „Alles
war bis auf die Grundmauern zerstört“, berichtet der Hausherr. Die Großfamilie ist versammelt: Brüder,
Neffen - sogar die Hausfrau –
unverschleiert - erscheint: „Bis vor einem
Jahr war unsere gesamte Familie mit dem
Wiederaufbau beschäftigt. Das war auch gut so, denn das lenkte uns ein wenig von
unserem Kummer ab: Unsere beiden Söhne sind für General Massoud gestorben“. Beim Namen Massoud liegt ein
gewisser Stolz in ihrer Stimme. Aufrecht
steht sie mitten im Raum und beginnt über die ungerechten, radikalen Taliban-Jahre
zu klagen. Dann breitet sie eine Plastikfolie über den Perser, schleppt Tabletts mit Reis,
Fleisch, Gemüse, Salat, Brot und sogar Coca Cola herbei. Aus einer Ecke dudelt ein Fernseher ein indisches Musik- und
Tanzprogramm - das gehört wohl zum modernen afghanischen Leben.
Unsere Gastgeber
werden gleich bei einer Hochzeit erwartet. Wir könnten gern mitkommen. Da wir
vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Kabul sein wollen, müssen wir das
gastfreundliche Angebot ablehnen. Dann verabschieden wir uns, lassen sie mit
ihrer Erinnerung an Zeiten von Invasionen
und Einmischungen allein.
Hoffnung liegt gleich
am Kabuler Stadtrand, den wir abends von Norden her erreichen.
Neuerrichtete glitzernde „Hochzeits-Paläste“
bieten – Frauen und Männer in getrennten Sälen - Platz fürs Feiern. Ebenso wurden Trauerhäuser errichtet, wo
Trauernde – Frauen und Männer getrennt – Kondolenzgäste bewirten können, wenn ihr eigener Wohnraum zu klein ist.
Zu klein ist es fast
überall im Nachkriegs-Kabul. Die Rückkehrer aus den Flüchtlingslagern in
Pakistan und Iran finden kaum eine Unterkunft. Aus Not wurden rostige Container in Wohnungen
oder Läden umfunktioniert. Aus ihnen werden Trauben, Melonen, Kartoffeln, Zwiebeln, kleine Bananen, Walnüsse oder
blutende Schlachter-Ware feilgeboten.
Kabul ist also kein
perspektivloser Flecken. Nicht nur Zerstörung und Leid bestimmen seine Architektur: Da erstreckt sich
zum Beispiel gleich neben dem „Landmark“-Hotel
ein glanzvolles Einkaufszentrum aus Marmor, Glas und eleganten Treppen.
Angeboten werden elektronische Geräte und regionale Mode.
Wieder umweht mich
ein Hauch von Normalität.
Unsere eigene
bescheidene Herberge steht an einer der belebten Verkehrsadern Kabuls.
Morgens um Sieben erreiche ich - nach lebensbedrohlicher Querung - die
Backstube gegenüber. Ampeln oder Zebrastreifen? Gibt es noch nicht. Durch den
Schleier der Abgase steigt mir der Duft des
frischen Brotes in die Nase. Acht
Bäcker hocken teigknetend Tag und Nacht wie Zarathustras Söhne über einem
Feuerloch. Ich blicke in den heißen Abgrund und sehe Brotfladen. Auf einer
Stein-Empore in dieser niedrigen Hütte scheinen sich die Bäcker abwechselnd auszuruhen. Ihre Hemden sind fadenscheinig, Ihr Lachen ist überzeugend.
Hat diese Szene auch
etwas Pittoreskes, täuscht sie doch
nicht darüber hinweg, dass es zurück zur „Schweiz Asiens“, wie das Land vor 80
Jahren von König Aman Ullah genannt
wurde, noch ein langer, heißer Weg sein könnte.
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Kabul, Afghanistan
Sonntag, 1. Juli 2007
Minen im Zaubertal
Hartmut Blankenstein ist Deutscher Sonderbotschafter für die Polizeireform. Auf Reisen spüren er und seine Frau der Normalität des kriegsbedrohten Alltags nach
Regnet es in Kabul, überspülen Plastiktüten, Aas und Dreck die Gassen. Abwasser- und Abfallentsorgungen
verlaufen offen am Wegesrand. Dann haben es die alten Männer in ihren Sandalen schwer, wenn sie sich mit hoch beladenen Obstkarren in Richtung Markt abmühen. Immer wieder versinken sie in den schlammigen Fahrrillen. Rillen, die auch unser Geländewagen zieht, mit dem wir ins 30 Kilometer entfernte Bergdorf Paghman wollen. Am Steuer der afghanische Fahrer, Mohammed Nasir. Als landeskundiger Begleiter der Pandschabi Mr. Saband vom afghanischen Außenministerium. Wir fahren unbewaffnet und hoffen auf den guten deutschen Ruf in dieser Gegend, auch auf unsere Unauffälligkeit. Jedenfalls unterscheiden wir uns sehr
von der Isaf (International Security Assistance Force in Afghanistan), jenen Spähtrupps, die Autorität und Aktivitäten der legitimen afghanischen Regierung absichern sollen. Sie hocken hoch oben auf tarnfarbenen Schützenpanzerwagen hinter Maschinengewehren und versuchen wild gestikulierend, den chaotischen Kabuler
Verkehr auf Abstand zu halten. Das gelingt meistens nicht. Es kam vor, dass sich bei diesen Patrouillen ein nervöser Schuss gelöst hat. Jetzt muss die Bevölkerung – vier von fünf können nicht lesen – rote Warnschilder an den Militärfahrzeugen beachten: „30 Meter Abstand halten!“ Und das in einer pulsierenden Millionenstadt,
die am Verkehrschaos zu ersticken droht, weil ihre Hauptadern durch die monströsen Beton- und Sandsackbarrikaden rücksichtslos durchtrennt sind: zum Schutz des Isaf-Hauptquartiers, der weitläufigen Anwesen von USAid, der CIA sowie der Botschaft der USA und des Präsidentenpalastes. Endlich erreichen wir die Ausfallstraße nach Westen. Ernst und aufmerksam stehen Kinder am Straßenrand und wollen Tomaten verkaufen. Ihre abgemagerten Körper bedecken Pyjamas, ähnlich der alten Taliban-wangskleidung, oder verschlissene Hosen, nur von einer Schnur gehalten. Wir blicken in Kindergesichter mit tiefen Falten um den Mund und Tränensäcken unter den Augen, und dann kaufen wir Tomatenmengen, die bis zum Jahresende reichen. Sie bedanken sich überschwänglich.
Aufs Gebirge zu. „Wir durchqueren jetzt zwei Stammesgebiete“, erklärt unser afghanischer außenamtsbeamter. „Deren Kommandanten, Abu Sayaf und Mullah Esat, sind zwar Nachbarn, aber keine Freunde. Auch im Jahr des Herrn 2007 und im Jahr des Propheten 1386 bekriegen sie sich, jetzt vorwiegend
mit politischen Mitteln. Es geht immer um Macht, nicht um Frieden.“ Komplexe, die für uns nicht durchschaubar sind. Erkennbar sind plötzlich zwei quer stehende Pkws. Versperren die etwa unseren Weg? Wir nähern uns vorsichtig. Die Behinderung löst sich zwar auf, aber die Autos nehmen uns in die Zange: Ein
Wagen fährt vor, der andere verfolgt uns. In jedem erkennen wir vier finstere Gestalten in Militärklamotten, Kalaschnikows zwischen den Knien. Leise äußert sich Furcht: „Das war’s dann wohl . . .“ Entführung hier und jetzt? Und dann noch selbst verschuldet? Nach der Entführung dreier Deutscher und dem Tod dreier deutscher Polizisten dürfen sich Botschaftsmitarbeiter, auch Militärs, nur unter Einhaltung strengster Sicherheitsregeln aus ihren Festungen herauswagen.
Wir haben das ignoriert. „Die Menschen sehen in dieser Gegend alle so aus“, sagt der Freund aufmunternd. Misstrauisch beobachten wir unsere Eskorte. Die parkt in Paghman vor einem Tor. Wollten diese
acht Afghanen wirklich nur bei der Verwandtschaft Tee trinken – bewaffnet? Sollte uns bei der allgemeinen aufgeregten Fokussierung auf Afghanistan jegliches Augenmaß verloren gegangen sein? Sieben Jahre hatten die Russen versucht, Paghman, das Paradies Afghanistans, einzunehmen. Während der Fahrer den geländegängigen Wagen weiter hinauf in die Berge quält, schwärmt unser Begleiter: „Diese Gegend war voller blühender Gärten und fruchtbarer Felder. Die exquisite Sommerfrische der Hauptstädter.“ Meine Furcht löst sich in Staunen auf: Wir hören einen rauschenden Bach, das Geklapper von Teegeschirr, schnuppern Bergluft vermischt mit gegrilltem Kebab und sehen ringsherum Männer, die anstelle von Waffen dicke Lavendelsträuße
tragen. Unter schattigen Bäumen liegen Teppiche und Polster, die zum Verweilen einladen.
Doch weiter zum Kargha-Stausee. Wieder erreichen wir ein ehemals stark umkämpftes Gebiet, geschundenes Land – in einen Golfplatz verwandelt. Seine Greens bestehen aus ölgetränktem Sand, während der gesamte Platz ein Gemisch aus Gestrüpp und Geröll ist, aber, wie uns versichert wird, von Minen geräumt. Also wagen wir einige Abschläge und schauen uns im Golf-Club um. Wir spüren einen Hauch von Normalität, der unserem Afghanistan-Bild aus einem Gebirge von Gefahr und Trostlosigkeit nicht ganz entspricht.
Es dämmert; immer noch fahren über den riesigen See Motor- und Tretboote gemächlich dahin. Manche Männer baden oder angeln. Keine Sandsackbarrikade wie in Kabul versperrt den Blick. Als wir zu frischem Kebab und duftendem Fladenbrot eingeladen werden, stellt der Kellner eine schwarze Plastiktüte auf den Tisch. Wir packen drei Dosen aus: Wieder so eine Fata Morgana in einem islamischen, alkoholfreien Land: echtes Heineken-Bier! Hier am leise plätschernden Kargha-See, mitten im Gebiet des strengen Kommandanten Mullah Esat, scheinen uns alle Probleme ganz weit weg. Ein neuer Tag, ein neues Ziel. „Kommt ihr mit in mein Pandschir-Tal?“, fragt Mr. Saband. Seinen Kopf schützt eine runde Pandschabi-Filzmütze. Über Leinenhemd und Pluderhosen trägt er ein westliches Jackett, in dem ein Mobiltelefon steckt, das unaufhörlich klingelt, als wir Kabul in Richtung Kundus verlassen. Über der Straße ein Banner: „Unsere
Polizei ist der Lichtblick der Stadt!“ Noch lange bevor wir die bunte und malerische Provinzhauptstadt Charikar erreichen, kommen wir durch grauenvoll zerstörte Dörfer. Den Menschen blieb nur die Flucht: sechs Millionen nach Pakistan, zwei Millionen in den Iran. Wem die Flucht nicht gelungen war, der wurde Opfer der machthungrigen Stammesführer, die sich von den gegenüberliegenden Gipfeln bombardierten und die dicht besiedelte Kabuler Hochebene in Schutt und Asche legten, nachdem die Russen besiegt waren. Afghanen gegen Afghanen. Einer von ihnen war der „Löwe des Pandschir-Tals“, General Massoud. Sein Beiname resultiert aus der erbitterten Verteidigung seines schönen Pandschir- Tals gegen russische Eindringlinge und
später gegen die paschtunischen Taliban. Welch Zauber über diesem fruchtbaren Tal! Verständlich, dass es einst zum „Hippie-Trail“ gehörte. Hierher kamen Jugendliche aus dem Westen wegen der grandiosen Natur, des wilden Lebensstils und des besten Haschisch der Welt. Sie wurden zu Kolonialisten, auch zu Geldbringern, aber zu würdelosen. Erst die Invasion der Sowjetunion 1979 beendete diese Art des touristischen Treibens. Doch Afghanistans wichtigste Einnahmequelle versiegte.
Einsam donnert heute der unbändige Pandschir-Fluss durch die hoch aufragenden Felswände. Märtyrergräber, mit grünen Fahnen geschmückt, am Wege. Überall, sogar mitten im klaren Flusswasser, liegen ausgebrannte Panzer. Manch ausgebombtes Militärfahrzeug dient als Kiosk. Ein Bauer geht hinter seinem Pflug her. Mitten auf seinem Acker ein verrosteter Panzer. Der Bauer pflügt vorsichtig um das Wrack herum. Am Straßenrand laufen Kinder mit Brennholz und Frauen mit Wassereimern. Sie meiden die Gräben, in denen noch Minen liegen könnten. Im und am Fluss gehen die modernen afghanischen Familienväter ihrer
Lieblingsbeschäftigung nach: Sie waschen sorglos ihr Auto.
Mr. Saband ist in diesem Tal zu Hause. Bevor er uns in sein Haus einlädt, führt er uns feierlich auf eine Anhöhe zum Grabmal von General Massoud, dem Helden der Tadschiken. Er führt es vor wie ein
Heiligtum: „Fremde Eroberer haben gegen uns keine Chance. Wir haben sie alle besiegt.“ 55 verschiedene stolze Ethnien beherrschen Afghanistan. Wo ist der Faden, der aus diesem Machtlabyrinth herausführt? Wer kann der jetzigen Regierung das Gewaltmonopol sichern? Fremd Truppen etwa?
Das Haus seiner Familie liegt hoch am Hang und verbreitet Ferienstimmung. Nach der steinigen Kletterpartie sind wir froh, auf den bunten Kissen des Salons ausruhen zu dürfen. Frische Bergluft weht durch die weißen
Spitzengardinen. „Alles war bis auf die Grundmauern zerstört“, berichtet der Hausherr. Die Großfamilie ist versammelt: Brüder, Neffen – sogar die Hausfrau, unverschleiert. „Bis vor einem Jahr war unsere gesamte Familie mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Das hat uns von unserem Kummer abgelenkt, denn unsere beiden Söhne sind für General Massoud gestorben.“ Beim Namen Massoud liegt ein gewisser Stolz in ihrer Stimme. Sie steht mitten im Raum und klagt über die ungerechten, radikalen Talibanjahre. Dann breitet sie eine Plastikfolie über den Perserteppich, schleppt Tabletts mit Reis, Fleisch, Gemüse, Salat, Brot und sogar Coca-Cola herbei. Aus einer Ecke dudelt ein Fernseher ein indisches Musik- und Tanzprogramm ab. Hoffnung liegt gleich am Kabuler Stadtrand. Neu errichtete glitzernde „Hochzeitspaläste“ bieten Platz zum Feiern, Frauen und Männer in getrennten Sälen. Ebenso wurden Trauerhäuser errichtet, wo Trauernde Kondolenzgäste
bewirten können, wenn ihr eigener Wohnraum zu klein ist.
Zu klein ist es fast überall im Nachkriegskabul. Die Rückkehrer aus den Flüchtlingslagern in Pakistan und im Iran finden kaum eine Unterkunft. Aus Not wurden rostige Container in Wohnungen oder Läden umfunktioniert. Daraus werden Trauben, Melonen, Kartoffeln, Zwiebeln, kleine Bananen, Walnüsse oder blutige Schlachterware feilgeboten. Kabul ist also kein perspektivloser Flecken. Nicht nur Zerstörung und Leid bestimmen seine Architektur: Da erstreckt sich gleich neben dem „Landmark“-Hotel ein glanzvolles Einkaufszentrum aus Marmor, Glas und eleganten Treppen. Angeboten werden elektronische Geräte und regionale Mode. Unsere bescheidene Herberge steht an einer belebten Verkehrsader. Morgens um sieben schlage ich mich durch dichten Verkehr zur Backstube gegenüber. Ampeln oder Zebrastreifen? Gibt es noch nicht. Durch Abgasschleier steigt mir der Duft frischen Brotes in die Nase. Acht Bäcker hocken
teigknetend Tag und Nacht wie Zarathustras Söhne über einem Feuerloch. Über dem heißen Abgrund Brotfladen. Hat diese Szene auch etwas Pittoreskes, so täuscht sie nicht über eines hinweg: Zurück zur „Schweiz Asiens“, wie das Land vor 80 Jahren von König Aman - ullah genannt wurde, ist es noch ein langer,
heißer Weg.
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