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Samstag, 1. Januar 2011

Eine historisch-kritische Einordnung des Afghanistankonflikts, Neun Jahre "Krieg" - wo ist der Feind?

Zu dem Beklemmendsten, was die Literatur des vergangenen Jahrhunderts bietet, gehört die Begeisterung, mit der die Gebildeten den Ausbruch des Ersten Weltkrieges begrüßt hatten. Emphatisch beteten Akademiker und Autoren zu Gott, damit der Feind im deutschen Kugelhagel verrecke. Der Feind?

Der war im Osten das rastlos rüstende Russland, und im Westen Frankreich mit seinen Revanchegelüsten. Bis 29. August 1914 lagen 15 Kriegserklärungen vor, und dann wurde losgeschlagen.
"Ehe es zum Schlagen kommt, ist es von höchster Bedeutung, den Gegner, den es niederzuringen gilt, kennen zu lernen"

Wiederholt war die afghanische Bevölkerung feindlichen Kriegsscharen ausgesetzt. Schon 1847, 1879 und 1919 musste sie sich dreimal gegen Großbritannien zur Wehr setzen. Der Sieg bei Maiwand 1880 nahe der südafghanischen Stadt Kandahar avancierte zu ihrem Feiertag. Eine Ironie der Geschichte, dass gegenwärtig britische NATO-Truppen, 130 Jahre später, wieder in Kandahar stationiert sind.

Bei all diesen jahrzehntelangen Kämpfen überrascht es nicht, dass dieses geschundene Land zu den ärmsten Staaten der Erde gehört. Bei genauerem Hinsehen müssten nämlich die Afghanen zornig sein. Um die Sowjetunion aus Afghanistan zu vertreiben, hatte 1987 der CIA-Leiter William J. Casey den pakistanischen Geheimdienst ISI dabei unterstützt, Extremisten nach Afghanistan zu schaffen, die dann als Mujaheddin die Besatzer bekämpften. 1994 wurden die in Flüchtlingslagern Pakistans aufgewachsenen Koranschüler, die Taliban, von den USA an die Macht gebracht. Von dieser fundamentalistischen Steinzeittruppe erhofften sich die USA stabile politische Verhältnisse, um endlich quer durch Afghanistan Leitungen für die Erdgas- und Erdölvorkommen aus Turkmenistan bis zum Indischen Ozean legen zu können. Diese Taliban schufen ihre eigene brutale Gesellschaftsordnung und boten dem saudischen Bin Laden mit seiner Organisation al-Qaida Aufenthalt und Ausbildung.

"Taliban und Al Qaida waren", wie Hamid Karsai feststellt, "Besatzungsmächte, die den Afghanen von außen aufgezwungen wurde". Erschwerend für das Prosperieren Afghanistans ist die historische Tatsache, dass bei der Festlegung seiner Landesgrenzen durch Britisch-Indien und Russland Ende des 19. Jahrhunderts nur strategische Überlegungen im Vordergrund standen. Die traditionellen Lebens- und Wirtschaftsräume der ethnischen Gruppen wurden nicht berücksichtigt. Die Probleme, die derartigen politischen Kunstgebilden eigen sind, traten weltweit spätestens seit Beginn der Dekolonisation auf.

25 Millionen Afghanen teilen sich in 33 verschiedene Volksgruppen auf. Die größte (mit 44 Prozent) ist das Paschtunen-Volk. Ihr Stammesgebiet wurde durch die Durand-Grenzziehung 1893 geteilt und gehört zur Hälfte zu Pakistan. Diese Grenze wird bis heute von der Kabuler Paschtunen-Regierung nicht anerkannt. Paschtunen stellen nicht nur den Großteil der Regierung, sondern auch des Militärs. Sie beherrschen die einträglichen Wirtschafts-bereiche und kontrollieren bis heute den Mohnanbau und damit indirekt auch den Weltopiummarkt.

Ihr Verhalten und Handeln basiert auf einem Ehrenkodex, der Paschtunwali, der drei unverrückbaren Grundwerten folgt:

1) Die Pflicht, Asyl, Schutz und Hilfe jedem - selbst einem Todfeind - zu gewähren.
2) Die Pflicht zur Bewirtung. Selbst Fremde müssen bewirtet und beherbergt werden.
3) Die heilige Pflicht zur Blutrache. Sie rangiert für jeden Paschtunen an erster Stelle. Sie verjährt nicht, setzt sich über Generationen fort, endet erst, wenn die Schuld ausgeglichen ist.

Diese drei Grundwerte, zu denen noch die Verteidigung der Frauen-Ehre und das Recht auf Wasser und Weide gehören, stehen für Mut, Ehre, Überlebenssicherung und Kampfbereitschaft eines ehemals rein nomadischen Volkes. So unterliegt das Handeln der Taliban im wesentlichen Stammestraditionen der Paschtunen.

Da sich all die anderen Ethnien, z. B. die Tadschiken, Usbeken, Hazara, Turkmenen, Baluchen, Nuristani oder die Paschai sprachlich, kulturell und religiös unterscheiden, konnte Staatlichkeit nie Fuß fassen, weil es natürlich stets Spannungen um Ressourcen gab und gibt. Sie spiegeln sich im Warlordverhalten ihrer Anführer. Von der Weltgemeinschaft wurde die Mentalität der Stämme nie ausreichend erkannt und beachtet, sondern allenfalls für ihre eigenen Interessen nutzbar gemacht, indem sie die Stämme gegeneinander ausspielten. Erst durch seine extremen Krisen wurde das Land wahrgenommen: Beim Einmarsch der Sowjetarmee 1979, als die brisante Lage zwischen den afghanischen Völkern zur Explosion gebracht wurde, bei den infamen Anschlägen auf New York am 11.9.2001, die die Terrororganisation al Qaida zu verantworten hat, sowie dem am 07.10.2001 begonnenen NATO-Militärschlag.

Die Bombardierung Afghanistans mit dem Ziel, al Qaida zu besiegen und Osama Bin Laden zu finden - das gesamte heutige Afghanistan-Problem -, hat also weithin extern begründete Ursachen. Deshalb ist es paradox, das afghanische Volk mit militärischen Angriffen für eine Tat zu bestrafen, die es selbst nicht begangen hatte.

"Afghanistan wegen al Qaida anzugreifen ist, als ob man Deutschland wegen der Skinheads bombardieren würde. Und niemand kann ernsthaft glauben, dass Terroristen mit Flugzeugträgern, Raketen, Jagdbombern und Panzern zu besiegen seien." "Nur Dummköpfe bekämpfen eine Läuseplage mit dem Vorschlaghammer. Terrorismus sollte mit dem Skalpell und nicht mit dem Schlachterbeil bekämpft werden. Militärische Strategien stärken ihn, züchten immer neue Generationen von Terroristen heran", schreibt der CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer.

Wo ist also der Feind? Und warum befindet sich die Bundeswehr noch immer am Hindukusch, obwohl den meisten Militärstrategen klar ist, "dass dort kein militärischer Sieg zu erringen ist". (Prof. Dr. Norman Peach, Sicherheitsexperte, auch Ex-Kanzler Helmut Schmidt). Bundeswehrsoldaten sollten die Regierung endlich fragen: "Ist mein Einsatz friedenspolitisch motiviert? Ist er mit dem Grundgesetzt vereinbar? Oder entsteht er nur aus bündnispolitischen Erwägungen?

"Der ganze Balkan ist nicht die gesunden Knochen auch nur eines Pommerschen Grenadiers wert" hat Reichskanzler Otto von Bismarck 1876 erklärt, als die europäischen Nachbarn deutsche Truppen in Krisenregionen schicken wollten. Erst der Bündnisfall mit Österreich-Ungarn, die Großmannssucht Kaiser Wilhelms II und die idealistische Verklärung des guten Krieges haben deutsche Soldaten in den Ersten Weltkrieg gezogen und missbraucht. Ist das für Afghanistan aktuell?
Dschalalabad, Herat, Kabul, Paktika, Urusgan, Kundus - in jeder Stadt und in jeder Provinz wurden von ausländischen Soldaten Zivilisten getötet. Diese Orte stehen für die Wut vieler Afghanen auf ausländische Soldaten.

Diese Ausländer möchte niemand in seinem Tal haben. "Die Zahl der zivilen Toten und die willkürlichen Hausdurch-suchungen haben ein Niveau erreicht, das nicht mehr hinzunehmen ist", sagte Präsident Karsai schon im Herbst 2007. Besonders Hausdurchsuchungen der Amerikaner sind umstritten, weil es als Schande empfunden wird, wenn fremde Männer Frauen-Räume betreten. Wenn nun nach einer Durchsuchung Afghanen wütend zu den Waffen greifen, sind sie dann Taliban? Trägt ein landestypisch Gekleideter ein Maschinengewehr oder eine Panzerfaust ist er dann ein Taliban? Wie sollen ausländische Soldaten Zivilisten von Taliban unterscheiden?

"Die Truppen, die am meisten in Kampf-handlungen verwickelt sind, verursachen die meisten zivilen Opfer", sagt Nikolaus Grubeck, Berater für die afghanische Menschenrechtskommission. "Außerdem können die Afghanen nicht zwischen bösen OEF-Truppen und der guten ISAF unterscheiden. Die Menschen denken, dass jeder ausländische Soldat ein Amerikaner sei".

Werden am Hindukusch mit jedem neuen Angriff alte Sympathien für Deutschland verspielt? Verteidigen vielleicht unsere deutschen Soldaten nicht unsere Sicherheit am Hindukusch, sondern nur den Weltmachtanspruch der USA? Inzwischen stehen auch Deutsche im Verdacht, mit US-amerikanischen "Feste-druff-Methoden" Terroristen zu bekämpfen. Vom Gegenteil will die Bundesregierung vor jeder jährlichen Mandatsverlängerung die kritischen Deutschen überzeugen. Sie sagt, dass Deutschland in eine asymmetrische Bedrohungslage hineingezogen wurde und redet vom Stabilisierungseinsatz, der helfende und schützende Funktion für die Sicherheit der afghanischen Regierung habe. Ein sicheres Umfeld solle den zivilen Kräften für Wiederaufbau und humanitäre Aufgaben zuteil werden, kurz, es handle sich um einen sauberen Einsatz - ohne Blutvergießen.

Das Wort Krieg fürchtet die Regierung. Dazu hat sie Grund. Denn befänden sich die deutschen Streitkräfte im Krieg, müsste geprüft werden, ob der im Grundgesetz vorgesehene Verteidigungsfall vorliege. Notstandsregeln träten in Kraft, und der Verteidigungsminister wäre nicht mehr Inhaber der Befehls- und Kommando-gewalt. Die würde an den Regierungschef übergehen. Wann gilt ein bewaffneter Konflikt als Krieg? Nach einer Definition der schwedischen Universität Uppsala: "..wenn jährlich mehr als tausend Menschen durch Kampfhandlungen umkommen". In Afghanistan waren es allein im Jahr 2008 fünftausend.

Noch einmal: Gegen welchen Feind kämpfen deutsche Soldaten am Hindukusch, wenn die al Qaida-Suche abgeschlossen ist und die Taliban schwer als solche erkennbar sind? Viele, die sich als Taliban ausgeben, sind unbedeutende Kämpfer, vielleicht nur Straßenräuber oder Kabuler Studenten. Wer weiß das schon so genau? Taliban ist eine Bezeichnung, die sich inzwischen allerlei Leute selbst verleihen, um Feinde und Nachbarn einzuschüchtern oder ihren kriminellen Methoden ein Mäntelchen der islamischen Rechtschaffenheit umzuhängen. Das macht es schwierig, das Phänomen des militanten Islamismus in Afghanistan zu fassen.
Anfang Dezember 2009 richteten "Taliban" drei Polizisten regelrecht hin, nur 30 Kilometer von Masar-i-Scharif entfernt. Bei der ISAF taucht der Angriff in keinem Rapport auf. Laut Polizeichef waren die Mörder keine Taliban, sondern Banditen.

"Kenne deinen Feind", schreibt der chinesische Militärstratege Sun Tzu. Der kanadische Journalist Graeme Smith versuchte, dem westlichen Feind in Afghanistan auf die Spur zu kommen. In seinem "Porträt des Feindes" heißt es: "Die Taliban sind wild und furchteinflößend, aber auch stolz und bisweilen poetisch. Sie nutzen die Sprache des radikalen Islams, aber ihre Botschaften sind oft nicht mehr als fremdenfeindlich und getrieben von dem Willen, ihre eigene Lebensart zu schützen. Smith zeigt uns merkwürdige Männer mit Ängsten und Launen, in bisweilen peinlichen Situationen, mit Großmannsgelüsten und gekränktem Ehrgefühl, manche sympathisch, andere weniger, Männer, die mit westlichen Taliban-Phantasien wenig gemein haben".

Sind das die Feinde, für deren Bekämpfung der deutsche Steuerzahler Milliarden verschwendet?

Im Jahr 2009, wenn Afghanistan gewählt habe, würden sich die deutschen Truppen zurückziehen können, hieß es vor einigen Jahren aus dem Auswärtigen Amt. Nun muss die deutsche Öffentlichkeit hören, dass alte Ziele immer wieder neu gesetzt werden: "Regionale Strukturen stärken, Drogenanbau verhindern, Korruption bekämpfen, innerafghanischen Versöhnungsprozess schaffen, den Anforderungen der USA nach mehr Soldaten gerecht werden, Good Government erreichen…" so beschreibt Rüdiger König, Direktor des Afghanistan-Referats im Auswärtigen Amt, die hehren Ziele des deutschen Afghanistan-Einsatzes. Kurz: Wer mit den afghanischen Verhältnissen vertraut ist, sieht darin ein kostspieliges, deutsches Engagement, das am Nimmerleinstag endet.

 
. So steht es in der Geschichte des Weltkrieges 1914/18. Die Feldherren hatten ihren Clausewitz im Kopf und viel Zorn im Herzen. "…Zorn gegen die verlogenen Franzosen, Zorn gegen die Niedertracht des englischen Volkes, Zorn gegen das ruhelose Russland. Denn Zorn macht stark, erfüllt unsere tapferen Soldaten. Zorn ist etwas Männliches. Er soll uns zum Sieg führen".

Was Zorn, Feindbild und Hass betrafen, erscheinen uns die beiden grausamen Weltkriege als geordnet. Ein festes Reglement trennte Krieg von Frieden, Zivilisten von Soldaten. Und heute? - Hatten sich unsere Politiker ausreichend über den "Gegner" informiert, als sie ab 2001 im Oktober 3.600 deutsche Soldaten zum Hindukusch schickten, um unser Land zu verteidigen? Zur selben Zeit fielen die ersten US-amerikanischen Bomben. Es wurde der NATO-Bündnisfall ausgerufen. Gegen wen richtete sich die Mobil-machung der NATO, die durch den UN-Sicherheitsrat legitimiert wurde? Gegen kriegsmüde Bauern, gegen jene, die seit dem Sturz ihres Königs Muhammad Zahir Shah 1973 durch bürgerkriegsartige Unruhen erschüttert und die seit 1979 im Kriegszustand leben?

Freitag, 17. August 2007

Mitten im Leben vom Krieg umgeben - Der Hauch von Normalitaet


Regnet es in Kabul, überspülen Plastiktüten, Aas  und  Dreck die Gassen.  Das unterscheidet  Afghanistan nicht von  anderen  Ländern dieser Erde, deren Abwasser- und Abfallentsorgungen offen am Wegesrand verlaufen. An solchen Tagen haben es die alten Männer in ihren Sandalen schwer, wenn sie sich mit hoch beladenen Obstkarren in Richtung Markt abmühen. Immer wieder versinken sie in den schlammigen Fahrrillen.

Rillen, die auch unser Geländewagen zieht, in dem wir ins 30 Kilometer entfernte Bergdorf Paghman wollen.  Wir – das sind der afghanische  Fahrer Mr. Nasr, ein Beamter des afghanischen Außenministeriums, mein Mann und ich – alle völlig unbewaffnet, aber mit einem kleinen deutschen Aufkleber an der Tür, auf  einen gewissen guten deutschen Ruf in dieser Weltgegend, auch auf unsere Unauffälligkeit hoffend. Wir unterscheiden uns jedenfalls  sehr von den  ISAF (International Security Assistance Force in Afghanistan) – Spähtrupps, die Autorität und Aktivitäten der legitimen afghanischen Regierung absichern sollen. Sie hocken,  schusssicher gewappnet,  hoch oben auf  tarnfarbenen Schützenpanzerwagen  hinter  Maschinengewehren  und versuchen  wild  gestikulierend,  den  chaotischen Kabuler Verkehr auf Abstand zu halten. Das gelingt meistens nicht. Schon manchmal hat sich bei diesen Patrouillen  ein nervöser Schuss gelöst. Jetzt  muss die Bevölkerung (die zu einem hohem Prozentsatz nicht lesen kann)*  rote Warnschilder an den Militärfahrzeugen  beachten: „30 Meter Abstand halten!“
Und das in einer  pulsierenden Millionen-Stadt, die am Verkehrs-Chaos  zu ersticken droht, weil ihre Haupt-Adern  durch die monströsen Beton- und Sandsackbarrikaden  zum Schutz des ISAF-Hauptquartiers, der weitläufigen Anwesen von US-AID, der CIA  sowie der Botschaft der USA und des Präsidentenpalastes  rücksichtslos durchtrennt sind.   

Endlich erreichen wir die Ausfallstraße nach Westen.          (  * etwa 80  %)

Ernst und aufmerksam stehen  Kinder am Straßenrand und wollen Tomaten verkaufen. Wie weit mag ihr Weg sein, den sie barfuß und schwer beladen gehen müssen, bis sie zur Hauptstraße kommen? Bis hierher, wo die Autobesitzer, die Gewinner also,  flüchtig vorbeirollen. Sind wir, die Fremden, Teil ihres Sehnens? Wir halten bei einem. In wenigen Minuten sind wir umringt von zirka zwanzig kleinen Händlern. Ihre abgemagerten Körper bedecken entweder  Pyjamas, ähnlich der alten Taliban-Zwangs-Kleidung, oder verschlissene Hosen – nur von einer Schnur gehalten.
Ich sehe in Kindergesichter mit tiefen Falten um den Mund und Tränensäcken unter den Augen, und dann kaufe ich Tomatenmengen, die bis zum Jahresende ausreichen.  Sie bedanken sich überschwänglich - und schon sind wir aus ihrem Gesichtskreis verschwunden. Zu schnell. Die Straße steigt leicht in Richtung Gebirge, verbessert ihren Belag sogar bis zur kompletten Asphaltierung. „Wir durchqueren jetzt  zwei Stammesgebiete,“ erklärt unser afghanischer Außenamts-Beamter „deren Kommandanten, Abu Sayaf und Mullah Esat, zwar Nachbarn sind, aber keine Freunde. Auch im Jahr des Herrn 2007 und im Jahr des Propheten 1386 bekriegen sie sich, jetzt allerdings vorwiegend mit politischen Mitteln. Es geht immer um Macht, nicht um Frieden.“ Komplexe, deren innerer Zusammenhang  uns Ortsfremden kaum erkennbar ist.

Erkennbar sind plötzlich in der Ferne zwei querstehende Pkws. Versperren die etwa unseren Weg?  Unser Wagen  nähert sich vorsichtig.  Die Behinderung löst sich zwar auf, aber sie nimmt uns in die Zange: Ein Wagen fährt vor uns, der andere verfolgt uns von hinten. In jedem erkenne ich vier finstere Gestalten in Militärklamotten. Sie halten  Kalaschnikoffs  zwischen den Knien. „Das war’s dann wohl“, denke ich, während sich unser afghanischer Freund fürsorglich nach meiner Angst erkundigt.  Eine Angst, die über diese Straße heranrollt, zielgerichtet bei mir ankommt und sich ganz dicht an meinen Nerven festsetzt.
Entführung hier und jetzt? Und dann noch selbst verschuldet? Nach der Entführung dreier Deutscher und dem traurigen Tod dreier deutscher Polizisten dürfen sich Botschaftsmitarbeiter, auch Militärs nur unter Einhaltung strengster – fast selbstquälerischer-  Sicherheitsregeln aus ihren Festungen herauswagen. Wir haben das ignoriert.

„Die Menschen sehen in dieser Gegend alle so aus“, höre ich den Freund  aufmunternd sagen. Misstrauisch beobachte ich unsere Eskorte.
In Paghman angekommen, parkt die einfach vor einem Tor. Wollten diese acht Afghanen wirklich nur an diesem Nachmittag bei ihrer Verwandtschaft bewaffnet Tee trinken?
Sollte auch  mir -  bei der allgemeinen  aufgeregten Fokussierung auf Afghanistan -  jegliches  Augenmaß  verloren gegangen sein? Kommt es nicht rund um den Globus  täglich zu Kriminalität? Da wird zur Durchsetzung sozialer oder politischer Anliegen gemordet und  erpresst -  nicht nur am Hindukusch. 

 Sieben Jahre hatten die Russen versucht, Paghman, das Paradies Afghanistans, einzunehmen. Während der Fahrer den Vierradwagen weiter hinauf  in die Berge quält, schwärmt unser Begleiter:  „Diese Gegend hier war voller blühender Gärten und fruchtbarer Felder. Sie war die exquisite Sommerfrische der Hauptstädter“. Meine Angst löst sich in Staunen auf: Ich höre einen rauschenden Bach, das Geklapper von Teegeschirr, ich schnuppere Bergluft, vermischt mit gegrilltem Kebab und sehe ringsherum Männer, die anstelle von Waffen  dicke Lavendelsträuße tragen. Unter schattigen Bäumen liegen Teppiche und  Polster, die zum Verweilen einladen.

Wir verweilen nicht lange. Unsere Fahrt geht weiter zum Kargha Stausee. Wieder erreichen wir ein ehemals stark umkämpftes Gebiet, geschundenes Land, - ich meine zu träumen -  in einen Golfplatz verwandelt. Seine Greens bestehen aus ölgetränktem Sand, während der gesamte Platz  ein Gemisch aus Gestrüpp und Geröll ist, aber – wie uns versichert wird – von  Minen geräumt.  Also wagen wir einige Abschläge und schauen uns im „Golf-Club“ um. Wir spüren einen  Hauch von Normalität, der unserem Afghanistan-Bild aus einem Gebirge von Gefahr und Trostlosigkeit  nicht ganz entspricht.

Es dämmert, aber immer noch  fahren über den riesigen See  Motor- und Tretboote gemächlich dahin. Manche Männer baden oder angeln sogar. Eine beschauliche Stimmung. Keine Sandsackbarrikade versperrt den Blick. Als wir zu frischem Kebab und duftendem Fladenbrot eingeladen werden, platziert der freundliche Kellner etwas Geheimnisvolles,  in einer schwarzen Plastiktüte versteckt,  mitten auf unseren Tisch. Neugierig packen wir aus: Wieder so eine Fatahmorgana in einem islamischen, alkoholfreien Land: Echtes Heineken Bier!  Hier am leise plätschernden Kargha See, mitten im Gebiet des strengen Kommandanten  Mullah Esat scheinen  uns für Stunden die Probleme dieser Welt ganz weit weg.

 „Kommt Ihr am Freitag mit in mein Pandschir-Tal?“  fragt uns der Pandschabi Mr. Saband. Seinen Kopf schützt eine runde Pandschabi- Filzmütze. Über dem langen Leinen-Hemd und den Pluderhosen trägt er ein westliches Jackett, in dem ein mobiles Telefon steckt. Er ist der Hausangestellte unseres  treuen afghanischen Außenamts-Beamten und scheinbar ein  gefragter Mann. Sein Telefon klingelt unaufhörlich, als wir Kabul in Richtung Kundus verlassen. Rund 200 Kilometer sind es bis zum heutigen Ziel.  

Hoch über der Straße ein  Banner: „Unsere Polizei ist der Lichtblick der Stadt“, liest mein Mann vor und freut sich. Ist es doch eine Anerkennung seiner Arbeit als Deutscher Sonderbotschafter.   Seine Aufgabe war es, die internationale Unterstützung für den Aufbau einer neuen afghanischen Polizei richtig einzusetzen. Denn Grenz-, Verkehrs-, Kriminalpolizei  kosten den afghanischen  Innenminister gar nichts.  Sie werden einzig und allein  von ausländischen Steuerzahlern finanziert und ausgebildet, allen voran Deutschland. Doch nur 40 deutsche Polizisten mit Englischkenntnissen waren freiwillig bereit,  am Hindukusch  Polizei-Offiziere auszubilden.  Zu wenig! Also hat die deutsche Regierung ihre  Ausbildungsverpflichtung in europäische Verantwortung übergeben, an die neue Mission EUPOL-Afghanistan, auf mehr Freiwillige Ausbilder hoffend.   Über „zu wenig“ wird auch bei der Entlohnung geklagt. 70 Dollar Lohn  (für jeden der  62.000 Polizisten im ganzen Land)  monatlich für einen riskanten Job: Selbstmordattentäter hatten am 17. Juni 2007  eine Bombe in einen Polizeibus geworfen – 35 Opfer. Im selben Monat  hatten US-Soldaten bei einem ihrer Anti-Terror-Einsätze in Nangarhar versehentlich sieben afghanische Polizisten  erschossen. Riskant und wenig bezahlt. „Die Taliban bieten mir 250 Dollar  monatlich, ich habe eine große Familie, allein  ein Sack Reis kostet mich 60 Dollar. Das zwingt mich meinen Polizisten-Lohn  irgendwie  aufzubessern,“ erklärt uns ein  Verkehrspolizist  aus der Provinzhauptstadt Charikar.

Noch lange bevor wir Charikar erreicht hatten, kamen wir durch grauenvoll zerstörte Dörfer.  Den Menschen blieb nur die Flucht:  Sechs Millionen nach Pakistan;  zwei Millionen in den Iran.  Wem die Flucht nicht gelungen war,  wurde Opfer der machthungrigen Stammesführer,  die sich von den gegenüberliegenden Gipfeln – nachdem die Russen besiegt waren -  bombardierten und dabei die gesamte dichtbesiedelte Kabuler Hochebene in Schutt und Asche legten. Afghanen gegen Afghanen. Einer von ihnen war der „Löwe des Pandschir-Tals“, General Massoud.  Sein Beiname resultiert aus der erbitterten Verteidigung seines schönen Pandschir-Tals gegen russische Eindringlinge und später auch gegen die paschtunischen Taliban.

Welch ein Zauber über diesem fruchtbaren Tal! Verständlich, dass es einst zum „Hippie-trail“ gehörte. Hierher kamen Jugendliche aus dem Westen wegen der grandiosen Natur, wegen des wilden Lebensstils und wegen des besten Haschischs der Welt. Sie wurden zu Kolonialisten  - auch zu Geldbringern, aber zu würdelosen.  Erst die Invasion der Sowjetunion 1979 beendete diese Art des touristischen Treibens. Doch  Afghanistans wichtigste Einnahmequelle versiegte. Einsam donnert heute der unbändige Pandschir-Fluss durch die hochaufragenden Felswände. Märtyrergräber,  mit grünen Fahnen geschmückt, säumen unseren Weg.

An den unwahrscheinlichsten Stellen, sogar mitten im klaren Wasser des Flusses,  liegen ausgebrannte Panzer. Manch  ausgebombtes  Militärfahrzeug dient jetzt als Kiosk. Ein einzelner Bauer geht vor einem Pflug her. Mitten auf seinem Acker liegt ein verrosteter Panzer. Er bewegt sich vorsichtig um das Wrack herum. Am Straßenrand laufen Kinder mit Brennholz und Frauen mit Wassereimern. Sie meiden die Gräben, in denen noch Minen liegen könnten. Im und am  Fluss gehen  die modernen afghanischen Familienväter ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Sie waschen sorglos ihr Auto. Wieder spüre ich  diesen Hauch der Normalität.  

Unser Mitfahrer, der Pandschabi Mr. Saband, ist in diesem Tal zu Hause. Bevor er uns in sein Haus einlädt, führt er uns feierlich  auf eine Anhöhe zum Grabmal von General Massoud, dem Held der Tadschiken.  Er zeigt es uns wie ein Heiligtum: „Fremde Eroberer haben gegen uns  keine Chance. Wir haben sie bisher  alle besiegt.“ Dieser Satz verfolgt mich lange. 55 verschiedene und stolze Ethnien beherrschen Afghanistan.  Wo ist der Faden, der aus diesem Macht- Labyrinth herausführt? Wer kann der jetzigen Regierung das Gewaltmonopol sichern? Fremde Truppen etwa?  

Das Haus seiner Familie liegt hoch am Hang und verbreitet  Ferienstimmung. Nach der steinigen Kletterpartie sind wir froh, auf den bunten Kissen des Salons ausruhen zu dürfen. Frische Bergluft weht durch die weißen Spitzengardinen.  „Alles war bis auf die Grundmauern zerstört“, berichtet der Hausherr. Die Großfamilie ist versammelt: Brüder, Neffen -  sogar die Hausfrau – unverschleiert - erscheint:  „Bis vor einem Jahr  war unsere gesamte Familie mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Das war auch gut so, denn das lenkte uns ein wenig von unserem Kummer ab: Unsere beiden Söhne sind für General Massoud gestorben“. Beim Namen Massoud liegt ein gewisser Stolz in ihrer Stimme.  Aufrecht steht sie mitten im Raum und beginnt über die ungerechten, radikalen Taliban-Jahre zu klagen.  Dann  breitet sie eine Plastikfolie  über den Perser, schleppt Tabletts mit Reis, Fleisch, Gemüse, Salat, Brot und sogar Coca Cola herbei.  Aus einer Ecke  dudelt  ein Fernseher ein indisches Musik- und Tanzprogramm -  das gehört  wohl zum modernen afghanischen Leben.

Unsere Gastgeber werden gleich bei einer Hochzeit erwartet. Wir könnten gern mitkommen. Da wir vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Kabul sein wollen, müssen wir das gastfreundliche Angebot ablehnen. Dann verabschieden wir uns, lassen  sie  mit ihrer Erinnerung an  Zeiten von Invasionen und Einmischungen allein.

Hoffnung liegt gleich am Kabuler Stadtrand, den wir abends von Norden her erreichen. Neuerrichtete  glitzernde „Hochzeits-Paläste“ bieten – Frauen und Männer in getrennten Sälen -  Platz fürs Feiern.  Ebenso wurden Trauerhäuser errichtet, wo Trauernde – Frauen und Männer getrennt – Kondolenzgäste bewirten können,  wenn ihr eigener Wohnraum zu klein ist.

Zu klein ist es fast überall im Nachkriegs-Kabul. Die Rückkehrer aus den Flüchtlingslagern in Pakistan und Iran finden kaum eine Unterkunft.  Aus Not wurden rostige Container in Wohnungen oder Läden umfunktioniert. Aus ihnen werden Trauben, Melonen, Kartoffeln,  Zwiebeln, kleine Bananen, Walnüsse oder blutende Schlachter-Ware feilgeboten.

Kabul ist also kein perspektivloser Flecken. Nicht nur Zerstörung und Leid  bestimmen seine Architektur: Da erstreckt sich zum Beispiel gleich neben dem „Landmark“-Hotel  ein glanzvolles Einkaufszentrum aus Marmor, Glas und eleganten Treppen. Angeboten werden elektronische Geräte und regionale Mode.
Wieder umweht mich ein Hauch von Normalität.

Unsere eigene bescheidene Herberge steht an einer der belebten Verkehrsadern  Kabuls.  Morgens um Sieben erreiche ich - nach lebensbedrohlicher Querung - die Backstube gegenüber. Ampeln oder Zebrastreifen? Gibt es noch nicht. Durch den Schleier der Abgase steigt mir der Duft des  frischen Brotes  in die Nase. Acht Bäcker hocken teigknetend Tag und Nacht wie Zarathustras Söhne über einem Feuerloch. Ich blicke in den heißen Abgrund und sehe Brotfladen. Auf einer Stein-Empore in dieser niedrigen Hütte scheinen  sich die Bäcker abwechselnd  auszuruhen.  Ihre Hemden sind  fadenscheinig, Ihr Lachen ist überzeugend.

Hat diese Szene auch etwas Pittoreskes,  täuscht sie doch nicht darüber hinweg, dass es zurück zur „Schweiz Asiens“, wie das Land vor 80 Jahren von König Aman Ullah  genannt wurde, noch ein langer, heißer Weg sein könnte.

Sonntag, 1. Juli 2007

Minen im Zaubertal


Hartmut Blankenstein ist Deutscher Sonderbotschafter für die Polizeireform. Auf Reisen spüren er und seine Frau der Normalität des kriegsbedrohten Alltags nach

Regnet es in Kabul, überspülen Plastiktüten, Aas und Dreck die Gassen. Abwasser- und Abfallentsorgungen
verlaufen offen am Wegesrand. Dann haben es die alten Männer in ihren Sandalen schwer, wenn sie sich mit hoch beladenen Obstkarren in Richtung Markt abmühen. Immer wieder versinken sie in den schlammigen Fahrrillen. Rillen, die auch unser Geländewagen zieht, mit dem wir ins 30 Kilometer entfernte Bergdorf Paghman wollen. Am Steuer der afghanische Fahrer, Mohammed Nasir. Als landeskundiger Begleiter der Pandschabi Mr. Saband vom afghanischen Außenministerium. Wir fahren unbewaffnet und hoffen auf den guten deutschen Ruf in dieser Gegend, auch auf unsere Unauffälligkeit. Jedenfalls unterscheiden wir uns sehr
von der Isaf (International Security Assistance Force in Afghanistan), jenen Spähtrupps, die Autorität und Aktivitäten der legitimen afghanischen Regierung absichern sollen. Sie hocken hoch oben auf tarnfarbenen Schützenpanzerwagen hinter Maschinengewehren und versuchen wild gestikulierend, den chaotischen Kabuler
Verkehr auf Abstand zu halten. Das gelingt meistens nicht. Es kam vor, dass sich bei diesen Patrouillen ein nervöser Schuss gelöst hat. Jetzt muss die Bevölkerung – vier von fünf können nicht lesen – rote Warnschilder an den Militärfahrzeugen beachten: „30 Meter Abstand halten!“ Und das in einer pulsierenden Millionenstadt,
die am Verkehrschaos zu ersticken droht, weil ihre Hauptadern durch die monströsen Beton- und Sandsackbarrikaden rücksichtslos durchtrennt sind: zum Schutz des Isaf-Hauptquartiers, der weitläufigen Anwesen von USAid, der CIA sowie der Botschaft der USA und des Präsidentenpalastes. Endlich erreichen wir die Ausfallstraße nach Westen. Ernst und aufmerksam stehen Kinder am Straßenrand und wollen Tomaten verkaufen. Ihre abgemagerten Körper bedecken Pyjamas, ähnlich der alten Taliban-wangskleidung, oder verschlissene Hosen, nur von einer Schnur gehalten. Wir blicken in Kindergesichter mit tiefen Falten um den Mund und Tränensäcken unter den Augen, und dann kaufen wir Tomatenmengen, die bis zum Jahresende reichen. Sie bedanken sich überschwänglich.

Aufs Gebirge zu. „Wir durchqueren jetzt zwei Stammesgebiete“, erklärt unser afghanischer außenamtsbeamter. „Deren Kommandanten, Abu Sayaf und Mullah Esat, sind zwar Nachbarn, aber keine Freunde. Auch im Jahr des Herrn 2007 und im Jahr des Propheten 1386 bekriegen sie sich, jetzt vorwiegend
mit politischen Mitteln. Es geht immer um Macht, nicht um Frieden.“ Komplexe, die für uns nicht durchschaubar sind. Erkennbar sind plötzlich zwei quer stehende Pkws. Versperren die etwa unseren Weg? Wir nähern uns vorsichtig. Die Behinderung löst sich zwar auf, aber die Autos nehmen uns in die Zange: Ein
Wagen fährt vor, der andere verfolgt uns. In jedem erkennen wir vier finstere Gestalten in Militärklamotten, Kalaschnikows zwischen den Knien. Leise äußert sich Furcht: „Das war’s dann wohl . . .“ Entführung hier und jetzt? Und dann noch selbst verschuldet? Nach der Entführung dreier Deutscher und dem Tod dreier deutscher Polizisten dürfen sich Botschaftsmitarbeiter, auch Militärs, nur unter Einhaltung strengster Sicherheitsregeln aus ihren Festungen herauswagen.

Wir haben das ignoriert. „Die Menschen sehen in dieser Gegend alle so aus“, sagt der Freund aufmunternd. Misstrauisch beobachten wir unsere Eskorte. Die parkt in Paghman vor einem Tor. Wollten diese
acht Afghanen wirklich nur bei der Verwandtschaft Tee trinken – bewaffnet? Sollte uns bei der allgemeinen aufgeregten Fokussierung auf Afghanistan jegliches Augenmaß verloren gegangen sein? Sieben Jahre hatten die Russen versucht, Paghman, das Paradies Afghanistans, einzunehmen. Während der Fahrer den geländegängigen Wagen weiter hinauf in die Berge quält, schwärmt unser Begleiter: „Diese Gegend war voller blühender Gärten und fruchtbarer Felder. Die exquisite Sommerfrische der Hauptstädter.“ Meine Furcht löst sich in Staunen auf: Wir hören einen rauschenden Bach, das Geklapper von Teegeschirr, schnuppern Bergluft vermischt mit gegrilltem Kebab und sehen ringsherum Männer, die anstelle von Waffen dicke Lavendelsträuße
tragen. Unter schattigen Bäumen liegen Teppiche und Polster, die zum Verweilen einladen.

Doch weiter zum Kargha-Stausee. Wieder erreichen wir ein ehemals stark umkämpftes Gebiet, geschundenes Land – in einen Golfplatz verwandelt. Seine Greens bestehen aus ölgetränktem Sand, während der gesamte Platz ein Gemisch aus Gestrüpp und Geröll ist, aber, wie uns versichert wird, von Minen geräumt. Also wagen wir einige Abschläge und schauen uns im Golf-Club um. Wir spüren einen Hauch von Normalität, der unserem Afghanistan-Bild aus einem Gebirge von Gefahr und Trostlosigkeit nicht ganz entspricht.

Es dämmert; immer noch fahren über den riesigen See Motor- und Tretboote gemächlich dahin. Manche Männer baden oder angeln. Keine Sandsackbarrikade wie in Kabul versperrt den Blick. Als wir zu frischem Kebab und duftendem Fladenbrot eingeladen werden, stellt der Kellner eine schwarze Plastiktüte auf den Tisch. Wir packen drei Dosen aus: Wieder so eine Fata Morgana in einem islamischen, alkoholfreien Land: echtes Heineken-Bier! Hier am leise plätschernden Kargha-See, mitten im Gebiet des strengen Kommandanten Mullah Esat, scheinen uns alle Probleme ganz weit weg. Ein neuer Tag, ein neues Ziel. „Kommt ihr mit in mein Pandschir-Tal?“, fragt Mr. Saband. Seinen Kopf schützt eine runde Pandschabi-Filzmütze. Über Leinenhemd und Pluderhosen trägt er ein westliches Jackett, in dem ein Mobiltelefon steckt, das unaufhörlich klingelt, als wir Kabul in Richtung Kundus verlassen. Über der Straße ein Banner: „Unsere
Polizei ist der Lichtblick der Stadt!“ Noch lange bevor wir die bunte und malerische Provinzhauptstadt Charikar erreichen, kommen wir durch grauenvoll zerstörte Dörfer. Den Menschen blieb nur die Flucht: sechs Millionen nach Pakistan, zwei Millionen in den Iran. Wem die Flucht nicht gelungen war, der wurde Opfer der machthungrigen Stammesführer, die sich von den gegenüberliegenden Gipfeln bombardierten und die dicht besiedelte Kabuler Hochebene in Schutt und Asche legten, nachdem die Russen besiegt waren. Afghanen gegen Afghanen. Einer von ihnen war der „Löwe des Pandschir-Tals“, General Massoud. Sein Beiname resultiert aus der erbitterten Verteidigung seines schönen Pandschir- Tals gegen russische Eindringlinge und
später gegen die paschtunischen Taliban. Welch Zauber über diesem fruchtbaren Tal! Verständlich, dass es einst zum „Hippie-Trail“ gehörte. Hierher kamen Jugendliche aus dem Westen wegen der grandiosen Natur, des wilden Lebensstils und des besten Haschisch der Welt. Sie wurden zu Kolonialisten, auch zu Geldbringern, aber zu würdelosen. Erst die Invasion der Sowjetunion 1979 beendete diese Art des touristischen Treibens. Doch Afghanistans wichtigste Einnahmequelle versiegte.

Einsam donnert heute der unbändige Pandschir-Fluss durch die hoch aufragenden Felswände. Märtyrergräber, mit grünen Fahnen geschmückt, am Wege. Überall, sogar mitten im klaren Flusswasser, liegen ausgebrannte Panzer. Manch ausgebombtes Militärfahrzeug dient als Kiosk. Ein Bauer geht hinter seinem Pflug her. Mitten auf seinem Acker ein verrosteter Panzer. Der Bauer pflügt vorsichtig um das Wrack herum. Am Straßenrand laufen Kinder mit Brennholz und Frauen mit Wassereimern. Sie meiden die Gräben, in denen noch Minen liegen könnten. Im und am Fluss gehen die modernen afghanischen Familienväter ihrer
Lieblingsbeschäftigung nach: Sie waschen sorglos ihr Auto.

Mr. Saband ist in diesem Tal zu Hause. Bevor er uns in sein Haus einlädt, führt er uns feierlich auf eine Anhöhe zum Grabmal von General Massoud, dem Helden der Tadschiken. Er führt es vor wie ein
Heiligtum: „Fremde Eroberer haben gegen uns keine Chance. Wir haben sie alle besiegt.“ 55 verschiedene stolze Ethnien beherrschen Afghanistan. Wo ist der Faden, der aus diesem Machtlabyrinth herausführt? Wer kann der jetzigen Regierung das Gewaltmonopol sichern? Fremd Truppen etwa?

Das Haus seiner Familie liegt hoch am Hang und verbreitet Ferienstimmung. Nach der steinigen Kletterpartie sind wir froh, auf den bunten Kissen des Salons ausruhen zu dürfen. Frische Bergluft weht durch die weißen
Spitzengardinen. „Alles war bis auf die Grundmauern zerstört“, berichtet der Hausherr. Die Großfamilie ist versammelt: Brüder, Neffen – sogar die Hausfrau, unverschleiert. „Bis vor einem Jahr war unsere gesamte Familie mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Das hat uns von unserem Kummer abgelenkt, denn unsere beiden Söhne sind für General Massoud gestorben.“ Beim Namen Massoud liegt ein gewisser Stolz in ihrer Stimme. Sie steht mitten im Raum und klagt über die ungerechten, radikalen Talibanjahre. Dann breitet sie eine Plastikfolie über den Perserteppich, schleppt Tabletts mit Reis, Fleisch, Gemüse, Salat, Brot und sogar Coca-Cola herbei. Aus einer Ecke dudelt ein Fernseher ein indisches Musik- und Tanzprogramm ab. Hoffnung liegt gleich am Kabuler Stadtrand. Neu errichtete glitzernde „Hochzeitspaläste“ bieten Platz zum Feiern, Frauen und Männer in getrennten Sälen. Ebenso wurden Trauerhäuser errichtet, wo Trauernde Kondolenzgäste
bewirten können, wenn ihr eigener Wohnraum zu klein ist.

Zu klein ist es fast überall im Nachkriegskabul. Die Rückkehrer aus den Flüchtlingslagern in Pakistan und im Iran finden kaum eine Unterkunft. Aus Not wurden rostige Container in Wohnungen oder Läden umfunktioniert. Daraus werden Trauben, Melonen, Kartoffeln, Zwiebeln, kleine Bananen, Walnüsse oder blutige Schlachterware feilgeboten. Kabul ist also kein perspektivloser Flecken. Nicht nur Zerstörung und Leid bestimmen seine Architektur: Da erstreckt sich gleich neben dem „Landmark“-Hotel ein glanzvolles Einkaufszentrum aus Marmor, Glas und eleganten Treppen. Angeboten werden elektronische Geräte und regionale Mode. Unsere bescheidene Herberge steht an einer belebten Verkehrsader. Morgens um sieben schlage ich mich durch dichten Verkehr zur Backstube gegenüber. Ampeln oder Zebrastreifen? Gibt es noch nicht. Durch Abgasschleier steigt mir der Duft frischen Brotes in die Nase. Acht Bäcker hocken
teigknetend Tag und Nacht wie Zarathustras Söhne über einem Feuerloch. Über dem heißen Abgrund Brotfladen. Hat diese Szene auch etwas Pittoreskes, so täuscht sie nicht über eines hinweg: Zurück zur „Schweiz Asiens“, wie das Land vor 80 Jahren von König Aman - ullah genannt wurde, ist es noch ein langer,
heißer Weg.