Laut, verpestet, unregierbar: Mexiko-Stadt! Wer hier ankommt, sehnt geistlichen Beistand herbei. Welchen? Den der 23 Millionen Einwohner, die sich offensichtlich nicht aus der Ruhe bringen lassen?
90 Prozent der Ureinwohner bekennen sich formal zu Christus. Dieser hielt im Zuge eines großangelegten Missionswerkes - unmittelbar nach Ankunft des spanischen Eroberers Hernán Cortés anno 1521 - in Mittelamerika Einzug. Christus, der - wie kein anderer vor ihm - es mit den Mühseligen und Beladenen besonders gut meinte. Wie und wen feiern sie im Dezember?
Die in Mexiko mit Bargeld Beladenen freuen sich auf das Fest genau so wie die Besserverdienenden Europas. Scheinbar sorglos schieben sie ihre randvollen Einkaufswagen durch die Gänge der Konsum-Tempel Super-Rama, Wal-Mart oder Chedraui. Volle Gabentische zur Geburt Christi sind in der Neuen Welt, genau wie in der Alten Welt, wichtiger als vielleicht eine Wallfahrt zur Basilika der Jungfrau von Guadelupe, zu jenem Hügel von Tepeyac, wo noch vor 500 Jahren die Azteken-Göttin Tonantzin angebetet wurde.
Die mit Kummer Beladenen hingegen schöpfen hier jeden Sonntag neue Hoffnung. Besonders am 12. Dezember ist rund um die Basilika kein Durchkommen mehr. Aus allen Teilen des Landes - aus Chiapas und Oaxaca, aus Coahuila und Chihuahua strömen sie millionenfach herbei. Kinder und Greise, Indios und Mestizen bitten ihre Madonna von Guadelupe um Wohltaten und Wunder. Viele rutschen die letzten zwei Kilometer auf Knien, meistens von ihren Familien begleitet, die ihnen besorgt Pappkartons unter die blutenden Beine schieben.
Nicht der 25. Dezember, sondern der 12. Dezember ist für die Mittellosen Mexikos der bedeutendste Feiertag, jener Tag, des Jahres 1531, als dem frisch zum Katholizismus bekehrten Indio Diego die Virgen Morena, die Jungfrau mit dem dunklen Indio-Gesicht, ihn um den Bau einer Kapelle bat und auf einem kahlen Hügel Rosen erblühen ließ. Juan Diego bedeckte die Blumen mit seinem Umhang und trug sie zum Bischof. Als dieser den Stoff ausbreitete, soll sich das Bild der Madonna abgezeichnet haben. Heute hängt diese Reliquie vielbewundert unter Glas in der Basilika.
Weit über die Hälfte der Städter Mexikos leben in Verhältnissen, die als arm eingestuft werden müssen. Am meisten sind die Indígenas, die Ureinwohner, betroffen. Nur noch an wenigen Stellen findet man Reste ihrer alten Kultur, einer Hochkultur, der solch bittere Armut fremd war. Ihr Herrscher Moctezuma habe, so die Überlieferung, vorbildlich für seine Untertanen gesorgt: Gingen den Familien die Vorräte aus, leerte er für sie seine vollen Speicher.
So benötigte die gewaltige katholische Missionierung zwei Jahrzehnte, um das Kreuz, das Symbol ihrer Macht, in Mexiko dauerhaft zu errichten.
Aber wurden die Azteken von den katholischen Spaniern wirklich jemals besiegt?
Oder durchdringen den heutigen Katholizismus immer noch indígene Riten, zum Beispiel in Form der dunkelhäutigen Kompromiss-Madonna von Guadelupe, gleichsam als eine zweite, tröstende Realität? In der Vorstellung der Einheimischen kann nur sie helfen, wo ihnen niemand sonst mehr hilft. Diese sanfte Guadelupe ist ihnen im Grunde viel näher als der blutende Gekreuzigte.
Diesen Verdacht hegte Guillermo Schulenburg (deutscher Abstammung) längst.
30 Jahre war er Priester der riesigen Kathedrale von Guadelupe. Als im Jahr 2000 die Heiligsprechung des Juan Diego anstand, hatte er ausgepackt: "Juan Diego hat es nie gegeben, er war die für katholische Kirche lediglich ein Symbol. Ihn und seine Vision hat es nie gegeben". Die Gläubigen waren irritiert. Ein Aufschrei ging durch ihre Reihen. Schulenburg war seinen Priesterposten los. Aber die Diskussion in Mexiko um die wundersame Vision von anno 1531 und wer-wem-wann-beistehen-darf oder was-Weihnachten-wichtig-macht, dürfte damit noch lange nicht beendet sein - nicht nur in Mexiko.
Heidemarie Blankenstein
México-City, 16. November 2016
Mittwoch, 16. November 2016
Samstag, 19. September 2015
MIGRAR-Weggehen
EINE WICHTIGE GESCHICHTE
Ein kleines Buch erzählt von Migration aus Mexiko
Seit Jahrtausenden sind Menschen auf der Suche nach besserem Leben. Sie hoffen auf neuen Wohlstand, fliehen vor Gewalt oder Hunger. Dafür bringen sie enorme Opfer und nehmen in Kauf, dass sie in den Zielländern gehasst werden. Zwei mexikanische Autoren, José Manuel Mateo und Javier Martínez Pedro haben ein für uns Europäer aktuelles Thema berührt.
So machte sich der junge Javier Martinez Pedro vor 15 Jahren aus Süd-Mexiko nach Nordamerika auf; vorbei an stachligen Kakteen und giftigen Schlangen, so dass Haut und Füße bluteten. Am Ziel fand er einen Job als Erntearbeiter auf US-amerikanischen Feldern. Dieses kümmerliche, karge Leben hat er nur einige Monate ausgehalten. Er ging in sein Dorf Xalitla im Bundesstaat Guerrero zurück, in ein Dorf mit 1300 meist indigenen Einwohnern, von denen 200 Analphabeten sind. Sie leben recht und schlecht von Feldarbeit und von der Malerei auf Holz, Porzellan - - und auf Amatl-Papier, ein Produkt prähistorischen Ursprungs, das aus der Rinde des Jonote Baumes hergestellt wird. Schon Maya und Azteken benutzten es, meistens als Geschenk für ihre Götter.
Ein Geschenk für Kinder ist das neue Buch des Berliner Verlags Edition Orient. Aber nicht nur ein Geschenk für Kinder ist es, für die es als Wimmelbuch daher kommt und zum Entdecken einlädt, sondern auch für Jugendliche, für die es ein politisches Buch über Flucht und Migration ist. Erwachsene schätzen es wahrscheinlich als bibliophiles Künstlerbuch.
Das mit spärlichen Texten versehene Buch, das eigentlich ein gefaltetes Tafelbild von 140 cm Länge und 32 cm Breite ist, stellt die Etappen der Migration durch Mexiko in die USA dar: Ein kleiner Junge folgt mit seiner Mutter und seiner Schwester dem vermissten und fehlenden Vater. Als blinde Passagiere auf Güterzügen und auf vielen verschlungenen Pfaden haben sie Gefahren zu bestehen, bis sie ihr Ziel erreichen - - aber der Leser erfährt nicht, was am Ende aus ihnen wird.
Etwa 50.000 Kinder machen sich jedes Jahr auf den Weg in die USA. Etwa die Hälfte dieser Kinder ist ohne jede Begleitung unterwegs. Sie riskieren beschimpft, bestohlen, geschlagen oder Opfer organisierter Krimineller zu werden.
Das Buch wurde schon vor drei Jahren in spanischer Version auf der Kinderbuchmesse von Bologna mit dem Ragazzi Award ausgezeichnet, und es wird in den USA viel beachtet. Jetzt hat der Verlag Edition Orient das Werk ins Deutsche übersetzen und beim internationalen literaturfestival berlin (ilb) durch Javier Martínez Pedro persönlich präsentieren lassen.
Schicksale wurden von den beiden mexikanischen Autoren in schlichte Bilder und knappe Worte gefasst. Ein künstlerisches Werk, das uns hilft, vergleichbare Situationen anderswo nicht aus den Augen zu verlieren: Weltweit sind 250 Millionen Menschen zu menschenwürdigerem Leben unterwegs.
Heidemarie Blankenstein, Berlin, September 2015
Migrar, Weggehen
2015 by Edition Orient, 28,90 Euro,
in Spanisch und Deutsch, 1. Auflage 2015
Javier Martinez Pedro (Bild), José Manuel Mateo (Text)
Ilse Layer (übersetzt aus dem Spanischen)
ISBN 978-3-922825-90-6
Samstag, 14. Februar 2015
Erdöl vor Zyperns Küsten - Reichtum oder Sprengstoff ?
"Griechenland ist ein besetztes Land", markige Worte des neuen griechischen Verteidigungsministers Panos Kammenos gegenüber den Rettungsbemühungen der internationalen Geldgeber. Für Zypern-Türken sind ähnliche Parolen Alltag, und zwar schon seit 1974.
Zu jener Zeit war es, als Griechenland einen Putsch auf Zypern unternahm: "Auf Kreta war es gelungen, die Türken loszuwerden, warum sollte es nicht auf Zypern gelingen"? Den Traum der megali idea, von einem Großgriechenland - inklusive der Insel Zypern - sollte das Terrorkommando EOKA B verwirklichen, unter Leitung jenes Georgios Grivas, der noch als Nazi-Kollaborateur während der deutschen Besetzung sein Handwerk gelernt hatte.
Der griechische Griff nach Zypern endete im Juli 1974 mit der türkischen Intervention zum Schutz der Zypern-Türken. Darüber stürzte die Diktatur in Athen, und niemand in Europa dankte es den Türken. Indessen wird Terrorkommandant Grivas bis heute in Griechisch-Zypern verehrt. Damals begann die Rumpf-Republik Zypern, den türkischen Norden Zyperns besetztes Land zu nennen, obwohl sich dort etwa 300.000 Einwohner seit 1983 in der demokratisch verfasste TRNZ (Türkische Republik Nordzypern) eingerichtet haben. Dieser Staat und seine Bewohner sind seit Jahrzehnten einem massiven Handels-Boykott, einer Nichtanerkennung und einer Art Geiselhaft ausgesetzt, während Zypern-Griechen - jetzt unisono mit den "bejammernswerten" Griechen - nach außen hin erfolgreich ihre Opferrolle pflegen. Diese spielten sie dermaßen trickreich, so dass 2004 die Republik Zypern in die EU aufgenommen wurde, ohne das geklärt war, auf welches Staatsgebiet sich diese "Republik" eigentlich erstreckt. Schon viele Jahre vorher erpressten die Hellenen die EU: "Wenn Zypern nicht bald EU-Mitglied wird, boykottieren wir mit unserem Veto Eure Osterweiterung".
Noch vor dieser EU-Aufnahme stimmten alle Zyprer über ein settlement ab, über eine Einigung nach einem ausgefeilten Vorschlag der UN, dem Annan-Plan. 2/3 der rund 700.000 Griechen stimmten dagegen, während Zypern-Türken in großer Mehrheit dafür stimmten. Eine Einigung hätte es also längst geben können. Aber seit über 40 Jahren entsprach jede Übereinkunft am Verhandlungstisch nicht griechischen Vorstellungen, und trotz ihres seither immer wieder allen Lösungsvorschlägen entgegen gesetzten "Ochi" - Neins wurde die Republik Zypern in die EU aufgenommen, sehenden Auges als Störfaktor akzeptiert.
Ihre Präsidenten und Verhandlungsführer, angefangen von Kyprianou, über Vassiliou, Papadopoulos, Christofias und schließlich - seit 2013 - Nikos Anastasiadis bestehen in einer Art Realitätsverweigerung auf ihrem Alleinvertretungsanspruch: "Die gesamte Insel gehört uns, die türkischen Einwohner sind eine rechtlose Minderheit, wir verhandeln nicht auf Augenhöhe mit dem besetzten Teil der Insel".
Entsprechend uneinsichtig wird schon jetzt die Verteilung der Gas- und Ölvorkommen betrieben, die im Levant-Becken zwischen Israel und Zypern im östlichen Mittelmeer lagern sollen. Anfang 2011 hatte die Firma Nobel Energy aus Texas im Auftrag der israelischen Regierung gigantische Gas- und Ölvorräte vor den Küsten Israels, Libanons, Syriens bis in die südlichsten Teile der Türkei hinein ausgemacht. Der Westen des Levant-Beckens liegt unter den Hoheitsgewässern und dem Festlandssockel (ca. 12 km) Zyperns.
Um Streit zu vermeiden, schlossen Griechisch-Zypern und Israel Ende 2010 ein Abkommen über die Festlegung der bilateralen Seegrenze; ein Alarmzeichen für die Türkei: "Das Abkommen ignoriert die Rechte der türkischen Zyprer".
Wird der zyperngriechische Präsident Anastasiadis nach der Verteilung dieser Schätze gefragt, antwortet er listig: "Natürlich gehören diese Bodenschätze allen Einwohnern Zyperns, aber nur nach einem settlement, also einer Zypernlösung. Im Augenblick gehören alle Ressourcen der anerkannten Republik Zypern".
Es scheint, als stünden die Griechen von heute ganz in der Tradition ihres mythologischen Helden Odysseus. Der zeichnete sich während all seiner Abenteuer vor allem durch seine hinterlistigen Ideen aus.
Die türkische Regierung warnte die Insel-Griechen: " Zypern-Türken sind Mit-Eigentümer der Insel und wollen keine Minderheit im griechischzyprischen Staat sein, sondern haben ein Recht auf Teilhabe an allen natürlichen Ressourcen der Insel. Dabei werden wir sie unterstützen. Also machte sich das türkische Forschungsschiff BARBAROS HAYRETTIN PASHA zum nord-zyprischen Hafen Famagusta auf. Von dort kündigte es per Navigations-Telex (NAVTEX) an, dass Barbaros in die sogenannte AWZ (Ausschließliche Wirtschaftszone, ca. 200 km) Zyperns steuern w e r d e . Prompt verließ Nikos Anastasiadis den settlement-Verhandlungstisch und beschwerte sich in Straßburg so bitter wie scheinheilig, als sei er immer noch "Opfer der Osmanen".
Und als wäre das Straßburger EU-Parlament Partner der Hellenen, forderte es die Türkei mit Entschließung vom 13.11.2014 (2014/2921 (RSP) auf, Schiffsbewegungen in Zyperns AWZ und in angrenzenden Gewässern unverzüglich zu unterlassen. Sie verletze das Seerechtsabkommen, welches sie gefälligst unterzeichnen solle. "Dieses Abkommen hat also die Türkei nie geschlossen, zu dessen Abschluss sie aber aufgefordert wird. Das klingt, als kommandiere das EU-Parlament - wie einst der römische Senat - eine das östliche Mittelmeer beherrschende Kriegsflotte". kommentiert der Verfassungsjurist Christian Heinze jene EU-Entschließung.
Ein neues NAVTEX hat das türkische Forschungsschiff gesendet; es wird bis Ende April 2015 gültig sein und berechtigt nach internationalem Recht Spezialschiffen die Untersuchung von Rohstoffvorräten - auch in der AWZ. Vorschläge für eine friedliche Einigung liegen vom NATO-Mitglied Türkei und vom Peace Research Institute Oslo (PRIO) seit 2011 und 2012 und 2013 auf dem Tisch.
Wird die zyperngriechische Seite bei ihrem nationalistischen "Ochi" - Nein bleiben? Im aufgeheizten Klima bleibt es schon jetzt nicht bei Wortgefechten. Eine rege Reisetätigkeit beginnt:
Minister-Präsident Alexis Tsipras, der kürzlich in Griechenland mit seiner kommunistischen Partei erfolgreich zum Regierungschef gewählte wurde, beeilt sich als erstes zu einem ersten Antrittsbesuch auf die Insel, während der zyperngriechische Präsident (kein NATO-Mitglied) am 25. Februar nach Moskau fliegen wird. Dort will er sich der russisch-zyprischen Militär-Kooperation vergewissern, mit der auch Tsipras und seine griechische Regierung zu liebäugeln scheinen. Von einer Rückkehr an den Verhandlungstisch ist Anastasiadis weiter entfernt denn je.
Das alles könnte leicht zur Explosion führen, noch ehe mit der eigentlichen Förderung der Gas- und Ölvorkommen begonnen wurde.
Berlin/Zypern, 9. Februar 2015
Zu jener Zeit war es, als Griechenland einen Putsch auf Zypern unternahm: "Auf Kreta war es gelungen, die Türken loszuwerden, warum sollte es nicht auf Zypern gelingen"? Den Traum der megali idea, von einem Großgriechenland - inklusive der Insel Zypern - sollte das Terrorkommando EOKA B verwirklichen, unter Leitung jenes Georgios Grivas, der noch als Nazi-Kollaborateur während der deutschen Besetzung sein Handwerk gelernt hatte.
Der griechische Griff nach Zypern endete im Juli 1974 mit der türkischen Intervention zum Schutz der Zypern-Türken. Darüber stürzte die Diktatur in Athen, und niemand in Europa dankte es den Türken. Indessen wird Terrorkommandant Grivas bis heute in Griechisch-Zypern verehrt. Damals begann die Rumpf-Republik Zypern, den türkischen Norden Zyperns besetztes Land zu nennen, obwohl sich dort etwa 300.000 Einwohner seit 1983 in der demokratisch verfasste TRNZ (Türkische Republik Nordzypern) eingerichtet haben. Dieser Staat und seine Bewohner sind seit Jahrzehnten einem massiven Handels-Boykott, einer Nichtanerkennung und einer Art Geiselhaft ausgesetzt, während Zypern-Griechen - jetzt unisono mit den "bejammernswerten" Griechen - nach außen hin erfolgreich ihre Opferrolle pflegen. Diese spielten sie dermaßen trickreich, so dass 2004 die Republik Zypern in die EU aufgenommen wurde, ohne das geklärt war, auf welches Staatsgebiet sich diese "Republik" eigentlich erstreckt. Schon viele Jahre vorher erpressten die Hellenen die EU: "Wenn Zypern nicht bald EU-Mitglied wird, boykottieren wir mit unserem Veto Eure Osterweiterung".
Noch vor dieser EU-Aufnahme stimmten alle Zyprer über ein settlement ab, über eine Einigung nach einem ausgefeilten Vorschlag der UN, dem Annan-Plan. 2/3 der rund 700.000 Griechen stimmten dagegen, während Zypern-Türken in großer Mehrheit dafür stimmten. Eine Einigung hätte es also längst geben können. Aber seit über 40 Jahren entsprach jede Übereinkunft am Verhandlungstisch nicht griechischen Vorstellungen, und trotz ihres seither immer wieder allen Lösungsvorschlägen entgegen gesetzten "Ochi" - Neins wurde die Republik Zypern in die EU aufgenommen, sehenden Auges als Störfaktor akzeptiert.
Ihre Präsidenten und Verhandlungsführer, angefangen von Kyprianou, über Vassiliou, Papadopoulos, Christofias und schließlich - seit 2013 - Nikos Anastasiadis bestehen in einer Art Realitätsverweigerung auf ihrem Alleinvertretungsanspruch: "Die gesamte Insel gehört uns, die türkischen Einwohner sind eine rechtlose Minderheit, wir verhandeln nicht auf Augenhöhe mit dem besetzten Teil der Insel".
Entsprechend uneinsichtig wird schon jetzt die Verteilung der Gas- und Ölvorkommen betrieben, die im Levant-Becken zwischen Israel und Zypern im östlichen Mittelmeer lagern sollen. Anfang 2011 hatte die Firma Nobel Energy aus Texas im Auftrag der israelischen Regierung gigantische Gas- und Ölvorräte vor den Küsten Israels, Libanons, Syriens bis in die südlichsten Teile der Türkei hinein ausgemacht. Der Westen des Levant-Beckens liegt unter den Hoheitsgewässern und dem Festlandssockel (ca. 12 km) Zyperns.
Um Streit zu vermeiden, schlossen Griechisch-Zypern und Israel Ende 2010 ein Abkommen über die Festlegung der bilateralen Seegrenze; ein Alarmzeichen für die Türkei: "Das Abkommen ignoriert die Rechte der türkischen Zyprer".
Wird der zyperngriechische Präsident Anastasiadis nach der Verteilung dieser Schätze gefragt, antwortet er listig: "Natürlich gehören diese Bodenschätze allen Einwohnern Zyperns, aber nur nach einem settlement, also einer Zypernlösung. Im Augenblick gehören alle Ressourcen der anerkannten Republik Zypern".
Es scheint, als stünden die Griechen von heute ganz in der Tradition ihres mythologischen Helden Odysseus. Der zeichnete sich während all seiner Abenteuer vor allem durch seine hinterlistigen Ideen aus.
Die türkische Regierung warnte die Insel-Griechen: " Zypern-Türken sind Mit-Eigentümer der Insel und wollen keine Minderheit im griechischzyprischen Staat sein, sondern haben ein Recht auf Teilhabe an allen natürlichen Ressourcen der Insel. Dabei werden wir sie unterstützen. Also machte sich das türkische Forschungsschiff BARBAROS HAYRETTIN PASHA zum nord-zyprischen Hafen Famagusta auf. Von dort kündigte es per Navigations-Telex (NAVTEX) an, dass Barbaros in die sogenannte AWZ (Ausschließliche Wirtschaftszone, ca. 200 km) Zyperns steuern w e r d e . Prompt verließ Nikos Anastasiadis den settlement-Verhandlungstisch und beschwerte sich in Straßburg so bitter wie scheinheilig, als sei er immer noch "Opfer der Osmanen".
Und als wäre das Straßburger EU-Parlament Partner der Hellenen, forderte es die Türkei mit Entschließung vom 13.11.2014 (2014/2921 (RSP) auf, Schiffsbewegungen in Zyperns AWZ und in angrenzenden Gewässern unverzüglich zu unterlassen. Sie verletze das Seerechtsabkommen, welches sie gefälligst unterzeichnen solle. "Dieses Abkommen hat also die Türkei nie geschlossen, zu dessen Abschluss sie aber aufgefordert wird. Das klingt, als kommandiere das EU-Parlament - wie einst der römische Senat - eine das östliche Mittelmeer beherrschende Kriegsflotte". kommentiert der Verfassungsjurist Christian Heinze jene EU-Entschließung.
Ein neues NAVTEX hat das türkische Forschungsschiff gesendet; es wird bis Ende April 2015 gültig sein und berechtigt nach internationalem Recht Spezialschiffen die Untersuchung von Rohstoffvorräten - auch in der AWZ. Vorschläge für eine friedliche Einigung liegen vom NATO-Mitglied Türkei und vom Peace Research Institute Oslo (PRIO) seit 2011 und 2012 und 2013 auf dem Tisch.
Wird die zyperngriechische Seite bei ihrem nationalistischen "Ochi" - Nein bleiben? Im aufgeheizten Klima bleibt es schon jetzt nicht bei Wortgefechten. Eine rege Reisetätigkeit beginnt:
Minister-Präsident Alexis Tsipras, der kürzlich in Griechenland mit seiner kommunistischen Partei erfolgreich zum Regierungschef gewählte wurde, beeilt sich als erstes zu einem ersten Antrittsbesuch auf die Insel, während der zyperngriechische Präsident (kein NATO-Mitglied) am 25. Februar nach Moskau fliegen wird. Dort will er sich der russisch-zyprischen Militär-Kooperation vergewissern, mit der auch Tsipras und seine griechische Regierung zu liebäugeln scheinen. Von einer Rückkehr an den Verhandlungstisch ist Anastasiadis weiter entfernt denn je.
Das alles könnte leicht zur Explosion führen, noch ehe mit der eigentlichen Förderung der Gas- und Ölvorkommen begonnen wurde.
Berlin/Zypern, 9. Februar 2015
Wenn Mauern fallen - nicht immer ein Segen?
Am 9. November 2014 jährt sich der
Fall der Deutschen Mauer zum fünfundzwanzigsten Mal. Ein Jahr später folgte
dann die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands. Dass Wiedervereinigungen
nicht immer eine Lösung sind, stellt Heidemarie Blankenstein im Falle Zyperns
zur Diskussion. Unsere Gastautorin, die jahrelang durch die Welt gereist ist
und noch immer viel unterwegs ist, weiß: Manchmal sind Mauern als Grenzen auch
ein guter Schutz.
Hier im
türkischen Norden der Mittelmeer-Insel Zypern bereitet man sich heute vielmehr auf
Kurban-Bayram vor, auf das Zuckerfest, vergleichbar mit unserem Weihnachtsfest. Vier freie Tage stehen bevor,
viele Besuche bei den Familien, viele Leckereien, viele Picknicks im Grünen. Auch
sonst wird im türkischen Teil der Insel keine Feier ausgelassen: Da sind die
verschiedenen Dorffeste, das Olivenfest in Zeytinlik, das Lapta-Festival, das
Weinfest in Akdeniz, das Tourismus-Fest von Girne, das ökologische Fest in
Büyükkonuk.
Rund ums
Jahr gibt es Anlässe. So ist es nicht verwunderlich, dass Nationaltage gleich
zweimal zelebriert werden. Einmal am 15. November, dem Staatsgründungstag von
1983, und dann noch am 20. Juli. An jenem Tag im Jahre 1974 kam das türkische
Militär als Retter ihrer zyprischen Volksgruppe übers Meer, denn 5 Tage zuvor hatten
griechische Nationalisten gegen Staatspräsident und Kirchenoberhaupt Makarios
geputscht. Der warf seine Soutane ab und konnte durch die Küche auf die britischen
Militärbasen flüchten.
Die Insel
war bis 1960 britisch regiert. Griechische Nationalisten jagten sie von der
Insel – nur einige Militärstützpunkte sind den Briten verblieben. Auf der Insel
einigte man sich ab 1960 auf eine intelligente Verfassung, eine, die allen
Volksgruppen gerecht werden sollte. Aber schon drei Jahre später löste die griechische
Gruppe, die meinte, als Mehrheit das Sagen zu haben, das Verfassungsgericht
einfach auf. Die von Stund an bedrohten Türken zogen sich in Enklaven zurück,
so dass die Insel seit 1963 geteilt ist und de jure als Staat nicht mehr
besteht. Trotzdem wurde Griechisch-Zypern als „Republik Zypern“ 2004
EU-Mitglied, ohne dass geklärt war, auf welches Staatsgebiet sich diese
„Republik“ erstreckt.
Eine Grenze als Schutz. Die Insel ist geteilt, und zwar seit
1974 durch eine richtige Grenze. Mit dieser können die Zypern-Türken – trotz
scharfer Sanktionen – ganz gut leben, denn für sie ist diese Grenze ein Schutz
gegen griechische Extremisten, während Zypern-Griechen in ihr eine Bedrohung
sehen. Sie wünschen sich, nach deutschem Modell, eine Vereinigung. Allerdings
möchten sie dies nicht nach der Devise „Wir sind ein Volk“. Keinesfalls würde
die türkische Volksgruppe anerkannt oder gar respektiert werden, so wie es in
Deutschland der Vereinigung mit den Deutschen der DDR vorausging.
Am liebsten
möchten Griechen die Insel türkenfrei wissen. So sind jahrzehntelange
Friedensgespräche immer wieder gescheitert. Jüngst haben die Griechen wieder
einmal den Verhandlungstisch verlassen, denn zu Kompromissen zeigen sie sich
nicht bereit.
So sitze ich
hier am 3. Oktober oben auf meinem Balkon mit Blick auf das nur 60 km entfernte
Taurus-Gebirge in der Türkei und erfreue mich an unserem friedlichen
Mittelmeerdomizil. Dabei bin ich umringt von den aktuellen Brennpunkten wie
Syrien, Irak, Israel und Palästina.
„So paradox das auch für deutsche Ohren klingen
mag, ich genieße den Inselfrieden, den die Teilung durch eine Grenze 1974
geschaffen hat.“ (Zitat)
Eine neue Westbank? So sehr sich viele die Überwindung
dieser Teilung Zyperns wünschen mögen, die Zeit arbeitet für ihre Zementierung.
Dabei sollte niemand vergessen, dass eine Veränderung des Status Quo neues
Unrecht, wahrscheinlich auch neues Leid
und neue Gräuel hervorbringen wird. Aus einem demokratisch verfassten
Nordzypern könnte dann eine „Westbank“ werden….
Erscheinungsdatum: Montag, 3.11.2014
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Dienstag, 25. Februar 2014
Impressionen von einer Reise durch Mexiko
MEIN FREUND, DER BAUM
Dass Bäume nicht nur schön, sondern auch mythologisch wichtig sind, das steht schon in der Bibel: "Der Gerechte ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und seine Blätter verwelken nicht; und was er macht, das gerät wohl..." Was hat nun dieser Psalm mit den Mayas in Mexiko zu tun? -
Darauf komme ich später zurück. Denn erst einmal bin ich nach 10-stündigem LUFTHANSA-Flug in einer unendlichen Steinwüste auf 2.500 m Höhe, der 20-Millionen-Megalopolis Mexiko-City, angekommen. Ich sehe, wie sich ihre Ränder im Dunst sowie im Rauch des Popocatepetel-Vulkans verlieren und frage mich: Mit welcher Sprache könnte ich diese Stadt beschreiben, die der farbigen Freude oder die Sprache der grauen Trauer?
Zuerst verschlägt es mir die Sprache. Befinde ich mich auf einem anderen Stern? Also beginne ich zu lesen, zum Beispiel die seltsamen Platz- und Straßennamen, die im urbanen Chaos meinen Weg weisen, wie: Avenida de Insurgentes, - sie wurde nach den Aufständischen von 1810 benannt, die bei diesen Kämpfen gegen das spanische Mutterland ihr Leben verloren - oder die Avenidas Chapultepec und Cuauhtémoc, Nueva Atzacoalco, Moctezuma oder Huitzilopochtli - Namen aus dem Großreich der Azteken, die davon überzeugt waren, dass ohne Menschenopfer die Welt unterginge. Viel grimmige Geschichte der vorkolumbianischen Zeit, der Zeit vor dem 16. Jahrhundert - aber auch danach. So erinnert der Platz, an dem sich die großen Straßen im Zentrum kreuzen, an den letzten Aztekenherrscher Cuauhtémoc, der damals von den spanischen Eroberern erdrosselt wurde. Gewalt, Triumph und Tragik nur in Mexiko? In Europas Vergangenheit ging es nicht weniger verwickelt und verwirrend zu. Und waren es nicht die Europäer mit Namen Hernán Cortez oder Francisco Pizarro, die wegen ihrer Gold- und Silbersucht aus Mittelamerika ein Schlachthaus machten?
Man sagt, dass das heutige Mexiko aus drei Schichten zusammengesetzt sei: aus der der indianischen Großreiche, aus dem kolonialen Erbe und aus der wuchernden Moderne des 20. Jahrhunderts. In dieser Wucherung bin ich - mit den Warnungen von zu Hause im Kopf - gelandet: "Die Luft verpestet, der Untergrund tektonisch aktiv, das Leben so gefährlich, dass es an jeder Straßenecke durch Messer oder Kugel jäh enden kann". - Und tatsächlich, dieser Moloch, diese ehemalige Hauptstadt der Azteken, bedeckt meine Sinne wie ein fremdartiger Schleier, der mich schwindlig werden lässt.
Ich flüchte: Von den alten Azteken zu dem anderen indigenen Volk, zu den alten Mayas, und zwar bequem in zwei Stunden mit der jungen mexikanischen Fluglinie VOLARIS.
Vor der Landung in Mérida überfliegt VOLARIS die grünüberwucherte Ebene der Halbinsel Yukatán, wo jeden Morgen der Maya-Sonnengott siegreich gegen Chacmol, den Herrscher der Finsternis, kämpfen soll.
Sonne, tropische Wärme sowie schwere Gewürz- und Blumendüfte empfangen mich, als sich die Airbus-Türen öffnen - so ganz anders als in der chaotischen, kühleren Hauptstadt. Zu dieser Duftmischung gehört das blütenreiche Malvengewächs, der CEIBA-Baum. Und jetzt komme ich endlich zu meinem eingangs erwähnten Baum-Bibel-Psalm.
Dieser Ceiba-Baum mit seinen tiefen Wurzeln, dem mächtigen, astlosen Stamm und seiner Krone bedeutete in der Maya-Mythologie eine Weltachse, die Himmel, Erde und Unterwelt miteinander verbindet.
"...und was er macht, das gerät wohl..." Wohl geraten ist die außergewöhnliche Hommage an die Maya-Kultur, das GRAN MUSEO DEL MUNDO MAYA. Aus dem Centro historico Méridas kommend, ist es als landmark nördlich der Stadt von weitem als grünes, gewaltiges Geflecht auf einem weißen Beton-Stamm zu sehen, als Stilisierung eines Ceiba-Baumes.
Es waren die Mayas, berühmt für Maisanbau, Metallverarbeitung, Malerei, Mathematik und für ihren hochentwickelten Kalender, die die gesamte Welt anno 2012 in Weltuntergangsstimmung versetzten. Ihr Kalender endete am
21.12. 2012. Genau an jenem bedeutungsschweren Endzeit-Datum wurde in Mérida ein Anfang gemacht. Der kühne Museumsbau wurde feierlich eröffnet.
Für mich ein gutes Ziel, hier meinen Yucatán-Ausflug zu starten. Ich wandle zwischen den Überresten einer geheimnisvollen Kultur, betrachte Bilder auf Mauern, in Codices und starre in pupillenlose Augen der Artefakte. Obwohl ich in drei Sprachen - in Spanisch, in Englisch, in Maya - , mit großer Liebe zum Detail und in vielfältigen Perspektiven von der Gegenwart zur Vergangenheit geleitet werde, bleibt diese Welt für mich undurchdringlich. Meine Vorstellungskraft kann nur erahnen, dass es einmal eine ganz andere Art von Menschen gegeben hat, Menschen, die diese gefiederten, geschnäbelten und gezähnten Zeugnisse hinterlassen haben.
Am Abend sitze ich in luftiger Höhe auf dem Dach des Museums, höre, sehe einer bunten, künstlerisch aufbereiteten Sound- & Light-Show zur Geschichte des Maya-Volkes und seiner Ceiba-Baum-Gedankenwelt zu:
Seine Baumkrone trägt den Himmel, den Kosmos; sein Stamm bildet die mittlere, von uns Menschen bewohnte Ebene; und seine Wurzeln führen in die Unterwelt. In diese will ich mich begeben. Das hört sich verwegen an.
Zuerst bin ich einfach nur auf ausgebauter Straße im Urwald unterwegs zu Wasserlöchern, die in Verbindung mit unterirdischen Höhlensystemen stehen, genannt CENOTES. Bekannt bei Höhlenforschern sind die “Dos Ojos” - Wasserlöcher, die wie zwei Augen in der Landschaft funkeln, ganz in der Nähe der Riviera Maya und südlich der Touristenhochburg Cancún. Dort haben einheimische Maya eine Servicehütte für Taucher eingerichtet.
Mein kühner Einstieg zur Unterwelt ist nicht größer als eine Pfütze.
Senor Boti gibt mir eine wasserdichte Lampe, Schnorchel, Flossen. Über eine Leiter steige ich in glasklares Süßwasser, schwimme, von Boti geführt, an dicken Wurzeln vorbei, in einem Unterwasserlabyrinth zu einer domartigen Grotte. “Mind your head”! ruft Senor Boti immer wieder. An manchen Stellen des unterirdischen Labyrinths fallen Sonnenstrahlen von hoch oben wie das Licht eines Bühnenscheinwerfers. Jenseits von diesem wird die Dunkelheit immer stärker, bald ist völlige Finsternis. Ohne meine Unterwasserlampe wäre ich verloren. Ich gleite über bizarre Formenwelten. Von der Decke hängen Zapfen, Spieße. Vom Boden erheben sich grazile Säulen oder Blöcke, ein Formenreichtum, der über Millionen Jahre entstanden ist. Hydrogeologen haben festgestellt, dass das vom Regen gespeiste Cenotes-Süßwasser von Yucatán auf dem Salzwasser der Karibik “schwimmt”, wie ein Fettauge auf einer Suppe. Kalte Strömungen gibt es nicht. Seit jährlich Tausende von Wasserhöhlenfans nach Yucatán kommen, wurden 50 voneinander unabhängige Höhlensysteme erforscht und über 300 Kilometer Wassertunnel vermessen. Dennoch sind das höchstens nur 20 Prozent des gesamten unterirdischen Cenotes-Systems von Yukatán.
So faszinierend diese Unterwelt ist - es war für mich ein fabelhaftes Gefühl wieder auf die mittlere Ebene, auf die von Menschen bewohnte, also zum Ceiba-Stamm, zurückzukehren, zum Beispiel nach Izamal.
In diesem Städtchen sind es die Menschen nicht gewohnt, dass sich Fremde ihr Kaff anschauen und nicht gleich zu der weltberühmten Stufenpyramide von Chichen Itza eilen. Ich selbst möchte Izamal nicht auslassen, denn dort lebte bis 1579 Bischof Diego de Landa, der alle greifbaren Manuskripte in Maya-Schrift als Teufelszeug verbrennen ließ. Auf die Fundamente der P'ap'hol-chaak-Pyramide ließ er als selbstbewusstes Ausrufungszeichen den jetzigen Franziskaner-Konvent errichten.
Wahrscheinlich erschloss sich ihm als Europäer die indigene Welt genau so wenig wie mir. Allerdings versuchte er später - zu seiner Rechtfertigung - einen "Bericht über die Dinge Yucatáns", eine Rekonstruktion der Maya-Schrift, das sogenannte Landa-Alphabet, das ein Hilfsmittel zur Entzifferung der Maya-Schrift wurde.
Der nächste Halt meiner Reise ist der Touristenmagnet Chichen Itza. Über 15 Quadratkilometer muss ich auf Sacbes, gemauerten Straßen, schwitzend erwandern, um alles zu sehen: Süd -und Nordtempel, den Schneckenturm, skulptierte Säulen und Plattformen oder die Hohenpriestergräber. Im Zentrum befindet sich Quetzalcoatl, die gefiederten Schlange, synkretistische Gottheit der Maya. Hier soll sie (als von den Mayas berechneter Lichteffekt) zweimal im Jahr bei Sonnenuntergang an den Stufen der erstaunlichen Pyramide des Kukulcán, der 30 Meter hohen Stufenpyramide, zu sehen sein. Allein auf der Halbinsel Yucatán gibt es etwa zehn wichtige Pyramiden. Viele andere sind noch nicht einmal ausgegraben.
Nördlich dieser gewaltigen Pyramide liegt das Cenote Sagrado, der heilige Brunnen, von dem der Ort seinen Namen hat (Itza heißt Brunnen in Maya).
Der Forscher Edward H. Thomson hatte tief unten tausende wertvolle Stücke gefunden. Jade, Gold, Keramik und auch - - - mehr als 50 Skelette.
In diesem nassen Friedhof ruhten also einige der mexikanischen Vorfahren, Tote einer uralten Stammeswelt. Sie alle erscheinen mir am Ende meiner Reise als eine Umfriedung dessen, was einst eine in sich geschlossene Welt war.
Nur am Allerseelen-Tag, dem 2. November, öffnet sie sich für die heutigen Mexikaner. Sie begehen in indigener Tradition und katholischem Glauben ein gemeinsames Ritual. Sie feiern fröhlich auf den Gräbern die tröstliche Vorstellung, dass die Toten zurückkommen, um ihre Familien zu besuchen. Denn den prähispanischen Völkern mit ihren eigenartigen, janusköpfigen Gottheiten galt das Sterben nur als Zwischenstation im Kreislauf des Seins. Sie kannten keine Hölle, sondern vielmehr die Welt des CEIBA-Baumes mit seinem mythischen Bogen.
Und so spannt sich ein poetischer, imaginärer Bogen zum biblischen "Gerechten, der wie ein Baum ist..."
Heidemarie Blankenstein,
Mexiko / Berlin, 16. Febr. 2014
Dass Bäume nicht nur schön, sondern auch mythologisch wichtig sind, das steht schon in der Bibel: "Der Gerechte ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und seine Blätter verwelken nicht; und was er macht, das gerät wohl..." Was hat nun dieser Psalm mit den Mayas in Mexiko zu tun? -
Darauf komme ich später zurück. Denn erst einmal bin ich nach 10-stündigem LUFTHANSA-Flug in einer unendlichen Steinwüste auf 2.500 m Höhe, der 20-Millionen-Megalopolis Mexiko-City, angekommen. Ich sehe, wie sich ihre Ränder im Dunst sowie im Rauch des Popocatepetel-Vulkans verlieren und frage mich: Mit welcher Sprache könnte ich diese Stadt beschreiben, die der farbigen Freude oder die Sprache der grauen Trauer?
Zuerst verschlägt es mir die Sprache. Befinde ich mich auf einem anderen Stern? Also beginne ich zu lesen, zum Beispiel die seltsamen Platz- und Straßennamen, die im urbanen Chaos meinen Weg weisen, wie: Avenida de Insurgentes, - sie wurde nach den Aufständischen von 1810 benannt, die bei diesen Kämpfen gegen das spanische Mutterland ihr Leben verloren - oder die Avenidas Chapultepec und Cuauhtémoc, Nueva Atzacoalco, Moctezuma oder Huitzilopochtli - Namen aus dem Großreich der Azteken, die davon überzeugt waren, dass ohne Menschenopfer die Welt unterginge. Viel grimmige Geschichte der vorkolumbianischen Zeit, der Zeit vor dem 16. Jahrhundert - aber auch danach. So erinnert der Platz, an dem sich die großen Straßen im Zentrum kreuzen, an den letzten Aztekenherrscher Cuauhtémoc, der damals von den spanischen Eroberern erdrosselt wurde. Gewalt, Triumph und Tragik nur in Mexiko? In Europas Vergangenheit ging es nicht weniger verwickelt und verwirrend zu. Und waren es nicht die Europäer mit Namen Hernán Cortez oder Francisco Pizarro, die wegen ihrer Gold- und Silbersucht aus Mittelamerika ein Schlachthaus machten?
Man sagt, dass das heutige Mexiko aus drei Schichten zusammengesetzt sei: aus der der indianischen Großreiche, aus dem kolonialen Erbe und aus der wuchernden Moderne des 20. Jahrhunderts. In dieser Wucherung bin ich - mit den Warnungen von zu Hause im Kopf - gelandet: "Die Luft verpestet, der Untergrund tektonisch aktiv, das Leben so gefährlich, dass es an jeder Straßenecke durch Messer oder Kugel jäh enden kann". - Und tatsächlich, dieser Moloch, diese ehemalige Hauptstadt der Azteken, bedeckt meine Sinne wie ein fremdartiger Schleier, der mich schwindlig werden lässt.
Ich flüchte: Von den alten Azteken zu dem anderen indigenen Volk, zu den alten Mayas, und zwar bequem in zwei Stunden mit der jungen mexikanischen Fluglinie VOLARIS.
Vor der Landung in Mérida überfliegt VOLARIS die grünüberwucherte Ebene der Halbinsel Yukatán, wo jeden Morgen der Maya-Sonnengott siegreich gegen Chacmol, den Herrscher der Finsternis, kämpfen soll.
Sonne, tropische Wärme sowie schwere Gewürz- und Blumendüfte empfangen mich, als sich die Airbus-Türen öffnen - so ganz anders als in der chaotischen, kühleren Hauptstadt. Zu dieser Duftmischung gehört das blütenreiche Malvengewächs, der CEIBA-Baum. Und jetzt komme ich endlich zu meinem eingangs erwähnten Baum-Bibel-Psalm.
Dieser Ceiba-Baum mit seinen tiefen Wurzeln, dem mächtigen, astlosen Stamm und seiner Krone bedeutete in der Maya-Mythologie eine Weltachse, die Himmel, Erde und Unterwelt miteinander verbindet.
"...und was er macht, das gerät wohl..." Wohl geraten ist die außergewöhnliche Hommage an die Maya-Kultur, das GRAN MUSEO DEL MUNDO MAYA. Aus dem Centro historico Méridas kommend, ist es als landmark nördlich der Stadt von weitem als grünes, gewaltiges Geflecht auf einem weißen Beton-Stamm zu sehen, als Stilisierung eines Ceiba-Baumes.
Es waren die Mayas, berühmt für Maisanbau, Metallverarbeitung, Malerei, Mathematik und für ihren hochentwickelten Kalender, die die gesamte Welt anno 2012 in Weltuntergangsstimmung versetzten. Ihr Kalender endete am
21.12. 2012. Genau an jenem bedeutungsschweren Endzeit-Datum wurde in Mérida ein Anfang gemacht. Der kühne Museumsbau wurde feierlich eröffnet.
Für mich ein gutes Ziel, hier meinen Yucatán-Ausflug zu starten. Ich wandle zwischen den Überresten einer geheimnisvollen Kultur, betrachte Bilder auf Mauern, in Codices und starre in pupillenlose Augen der Artefakte. Obwohl ich in drei Sprachen - in Spanisch, in Englisch, in Maya - , mit großer Liebe zum Detail und in vielfältigen Perspektiven von der Gegenwart zur Vergangenheit geleitet werde, bleibt diese Welt für mich undurchdringlich. Meine Vorstellungskraft kann nur erahnen, dass es einmal eine ganz andere Art von Menschen gegeben hat, Menschen, die diese gefiederten, geschnäbelten und gezähnten Zeugnisse hinterlassen haben.
Am Abend sitze ich in luftiger Höhe auf dem Dach des Museums, höre, sehe einer bunten, künstlerisch aufbereiteten Sound- & Light-Show zur Geschichte des Maya-Volkes und seiner Ceiba-Baum-Gedankenwelt zu:
Seine Baumkrone trägt den Himmel, den Kosmos; sein Stamm bildet die mittlere, von uns Menschen bewohnte Ebene; und seine Wurzeln führen in die Unterwelt. In diese will ich mich begeben. Das hört sich verwegen an.
Zuerst bin ich einfach nur auf ausgebauter Straße im Urwald unterwegs zu Wasserlöchern, die in Verbindung mit unterirdischen Höhlensystemen stehen, genannt CENOTES. Bekannt bei Höhlenforschern sind die “Dos Ojos” - Wasserlöcher, die wie zwei Augen in der Landschaft funkeln, ganz in der Nähe der Riviera Maya und südlich der Touristenhochburg Cancún. Dort haben einheimische Maya eine Servicehütte für Taucher eingerichtet.
Mein kühner Einstieg zur Unterwelt ist nicht größer als eine Pfütze.
Senor Boti gibt mir eine wasserdichte Lampe, Schnorchel, Flossen. Über eine Leiter steige ich in glasklares Süßwasser, schwimme, von Boti geführt, an dicken Wurzeln vorbei, in einem Unterwasserlabyrinth zu einer domartigen Grotte. “Mind your head”! ruft Senor Boti immer wieder. An manchen Stellen des unterirdischen Labyrinths fallen Sonnenstrahlen von hoch oben wie das Licht eines Bühnenscheinwerfers. Jenseits von diesem wird die Dunkelheit immer stärker, bald ist völlige Finsternis. Ohne meine Unterwasserlampe wäre ich verloren. Ich gleite über bizarre Formenwelten. Von der Decke hängen Zapfen, Spieße. Vom Boden erheben sich grazile Säulen oder Blöcke, ein Formenreichtum, der über Millionen Jahre entstanden ist. Hydrogeologen haben festgestellt, dass das vom Regen gespeiste Cenotes-Süßwasser von Yucatán auf dem Salzwasser der Karibik “schwimmt”, wie ein Fettauge auf einer Suppe. Kalte Strömungen gibt es nicht. Seit jährlich Tausende von Wasserhöhlenfans nach Yucatán kommen, wurden 50 voneinander unabhängige Höhlensysteme erforscht und über 300 Kilometer Wassertunnel vermessen. Dennoch sind das höchstens nur 20 Prozent des gesamten unterirdischen Cenotes-Systems von Yukatán.
So faszinierend diese Unterwelt ist - es war für mich ein fabelhaftes Gefühl wieder auf die mittlere Ebene, auf die von Menschen bewohnte, also zum Ceiba-Stamm, zurückzukehren, zum Beispiel nach Izamal.
In diesem Städtchen sind es die Menschen nicht gewohnt, dass sich Fremde ihr Kaff anschauen und nicht gleich zu der weltberühmten Stufenpyramide von Chichen Itza eilen. Ich selbst möchte Izamal nicht auslassen, denn dort lebte bis 1579 Bischof Diego de Landa, der alle greifbaren Manuskripte in Maya-Schrift als Teufelszeug verbrennen ließ. Auf die Fundamente der P'ap'hol-chaak-Pyramide ließ er als selbstbewusstes Ausrufungszeichen den jetzigen Franziskaner-Konvent errichten.
Wahrscheinlich erschloss sich ihm als Europäer die indigene Welt genau so wenig wie mir. Allerdings versuchte er später - zu seiner Rechtfertigung - einen "Bericht über die Dinge Yucatáns", eine Rekonstruktion der Maya-Schrift, das sogenannte Landa-Alphabet, das ein Hilfsmittel zur Entzifferung der Maya-Schrift wurde.
Der nächste Halt meiner Reise ist der Touristenmagnet Chichen Itza. Über 15 Quadratkilometer muss ich auf Sacbes, gemauerten Straßen, schwitzend erwandern, um alles zu sehen: Süd -und Nordtempel, den Schneckenturm, skulptierte Säulen und Plattformen oder die Hohenpriestergräber. Im Zentrum befindet sich Quetzalcoatl, die gefiederten Schlange, synkretistische Gottheit der Maya. Hier soll sie (als von den Mayas berechneter Lichteffekt) zweimal im Jahr bei Sonnenuntergang an den Stufen der erstaunlichen Pyramide des Kukulcán, der 30 Meter hohen Stufenpyramide, zu sehen sein. Allein auf der Halbinsel Yucatán gibt es etwa zehn wichtige Pyramiden. Viele andere sind noch nicht einmal ausgegraben.
Nördlich dieser gewaltigen Pyramide liegt das Cenote Sagrado, der heilige Brunnen, von dem der Ort seinen Namen hat (Itza heißt Brunnen in Maya).
Der Forscher Edward H. Thomson hatte tief unten tausende wertvolle Stücke gefunden. Jade, Gold, Keramik und auch - - - mehr als 50 Skelette.
In diesem nassen Friedhof ruhten also einige der mexikanischen Vorfahren, Tote einer uralten Stammeswelt. Sie alle erscheinen mir am Ende meiner Reise als eine Umfriedung dessen, was einst eine in sich geschlossene Welt war.
Nur am Allerseelen-Tag, dem 2. November, öffnet sie sich für die heutigen Mexikaner. Sie begehen in indigener Tradition und katholischem Glauben ein gemeinsames Ritual. Sie feiern fröhlich auf den Gräbern die tröstliche Vorstellung, dass die Toten zurückkommen, um ihre Familien zu besuchen. Denn den prähispanischen Völkern mit ihren eigenartigen, janusköpfigen Gottheiten galt das Sterben nur als Zwischenstation im Kreislauf des Seins. Sie kannten keine Hölle, sondern vielmehr die Welt des CEIBA-Baumes mit seinem mythischen Bogen.
Und so spannt sich ein poetischer, imaginärer Bogen zum biblischen "Gerechten, der wie ein Baum ist..."
Heidemarie Blankenstein,
Mexiko / Berlin, 16. Febr. 2014
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Freitag, 27. Dezember 2013
Sartorius-Rezension, "Mein Zypern"
Rezension:
MEIN
ZYPERN, Joachim Sartorius,
ISBN
978-3-86648-174-9
Mare-Verlag,
1. Auflage 2013, 18,-- Euro
"Mein Lieblingshaus steht auf
Zypern"....
....schreibt
Joachim Sartorius. Für Mittelmeer-Fans hat er ein handliches Buch mit hohem
Wiedererkennungswert verfasst. Der Autor hat von 1984 bis 1986 drei Sommer in
Türkisch-Zypern verbracht. 2012 kam er für drei Wochen als Tourist zurück und
vollendete seine Aufzeichnungen von damals. "Was ich tue, ist im Grunde
eine neue Abmischung zweier Zeiten".
Joachim
Sartorius war mit 28 Jahren gerade ins Auswärtige Amt eingetreten, als sein
Vater, der Deutsche Botschafter in Nikosia, 1974 den rechtsextremistischen
griechischen Sampson-Putsch mit der anschließenden türkischen Intervention der
halben Insel erlebte. Sohn Joachim nahm während der folgenden 20 Jahre
verschiedene Aufgaben im Bonner Auswärtigen Amt wahr und war bis 1986 in New
York, Istanbul und Nikosia auf Posten. Anschließend übernahm er leitende
Funktionen bei DAAD und Goethe-Institut. Bis 2011 war er Intendant der Berliner Festspiele.
Obwohl
er mehrere Jahre auf Zypern gelebt hat, ist doch sein Blickwinkel von seinem
Arbeitsplatz im griechischen Teil der Insel geprägt. Seine Freunde dort,
meistens Künstler, haben diesen Blick offensichtlich stark beeinflusst. So
sieht er sich selbst als schöngeistiger Außenseiter.
Einfühlsam
und oft voller Poesie sind seine Schilderungen des sommerlichen Zyperns und
seiner historischen Kulturstätten. Auch fast 30 Jahre nach seinen Erlebnissen
in Paphos, Lapithos, Kouklia oder Bellapais fühlt man einen emotionalen Elan in
Sartorius' Sprache.
Als
Reiseführer ist das Buch allerdings unbrauchbar, denn Sartorius benutzt für
alle - seit fast 40 Jahren - türkisch-zyprischen Orte konsequent nur die nicht
mehr gültigen griechischen Bezeichnungen und spricht - wie es der griechischen
Seite gefällt - permanent vom "türkisch besetzten Norden". Kein Wort verliert er zu der Tatsache, dass
im Norden inzwischen ein eigenes funktionierendes Staatswesen existiert und die
dort stationierte türkische Armee für griechische Zyprer möglicherweise eine Bedrohung,
für die türkischen Zyprer aber vor allem einen wichtigen Schutz bedeutet.
Nur ein
einziges Mal scheint in seinem Buch eine erfrischende Einsicht auf: "Ich
wagte nicht, meinen Freunden zuzurufen, dass dieser vehemente Panhellenismus
die türkische Minderheit in die Enge getrieben hatte. Ich wagte auch nicht zu
fragen, ob diese Revolte gegen Großbritannien, angeführt von einem Pistolero
und einem Prälaten, nicht schon den Keim der späteren Vergiftung in sich
trug".
Da
fragt sich der informierte Leser: Warum tat es Sartorius nicht? War es
Diplomatie am falschen Platze?
Das
kommt besonders krass zum Vorschein, als er arglos und anscheinend ohne
Unrechtsempfinden beschreibt, wie er sich in Türkisch-Zypern auf den antiken
Böden von Salamis und Vouni die Taschen mit antiken Scherben vollstopft.
Wenn
sich Sartorius jedoch poetisch seiner Auslandserfahrung nähert, dann sind seine
Textstellen und Gedichte am besten. Dabei versucht er als veritabler
Schöngeist, alles Politische auszublenden. Das kann ihm aber auf dieser Insel
nicht gelingen, wo Weltgeschichte Inselgeschichte bedeutet und das tägliche
Leben der Menschen beider Inselstaaten davon extrem geprägt ist.
Heidemarie Blankenstein,
Berlin, 20. September 2013
Montag, 11. März 2013
TRAVELLING THROUGH TIMES
Searching for Happiness through 8,000 kilometres
Travelling?
What urges us to go far from home? Is it the search for that overwhelmingly
wonderful feeling that we feel when we encounter a beautiful landscape or a
crystal beach of whitewashed sand? Or is it a search for happiness - for that simple
and personal, but transient, feeling - a feeling which does not last, but sometimes
emerges again in memory.
Transient
also was our stay at the Sultanate of Oman, from 2002 to 2006…. Four years went by far too fast. When our tour
in Oman
as an ambassadorial couple came to an end, we considered travelling home by road:
“Travelling back in time, a journey from
Muscat to Munich .” Our friends, our
family too, did warn us: “Eight thousand kilometres with only the two of you!? You
might face dangers which will prevent you from any further journeys for the rest
of your lives!” Dangers? Bad roads? Bad
people? Highwaymen? Corrupt police? Bad shelters?
We
did not care about all these questions.
But
we had to care about papers: A valid passport including visa, a carnet de passage for our small VW Golf (from
the Oman Automobile Association); and we had to care about a Bank Warranty for
the value of our car.
Finally,
after midnight , the Iranian
ferryboat, Hormuz 12 set out from the
port of Sharjah with us and our diesel car. When,
hours later, a shining sun began to illuminate the Strait
of Hormuz , I saw happily jumping dolphins and flying fishes. What a cheerful contrast these creatures made
with my thoughts of the serious history of this globally important waterway!
When
the sun was already giving off an enormous heat, we arrived at the very modern harbour of Bandar Abbas . Here we spent five hours
running after stamps and seals and photocopies. This boarder procedure was
worse than our well-known and detested process of admission for a new car in Germany .
Travelling back through time - It was dark when we came to Shiraz after a journey of
685 km through the heat-saturated ochre landscape, through thirst, desert sand
and desert storm. “We are in Shiraz .” I repeated this
sentence with contentment; indeed, we had turned up in a town of education and
poetry, of roses and nightingales, and of love.
Shiraz
reached a cultural zenith in the Middle Ages when the Poet Aramgah-e Hafez
wrote his famous Divan. Aramgah-e
Hafez is an Iranian folk hero who is both loved and revered. Every Iranian can
quote his work. His marble sarcophagus is a meeting place for young and old
Iranian citizens. And what astonished me
a lot was that young people were not embarrassed to show their true sentiments
to each other.
From
Shiraz , we took
a taxi 40 km to Parsa, the town in Persepolis ,
which until 1935 gave the country its name - Persia . Parsa is one of the marvels
of the classical world.
Travelling
through time… 2,500 years ago, the Achaemenid Empire endured under kings Xerxes
and Darius. During their glorious reigns the world was trembling; but it was also
received in a lavish and extravagant way as diplomats and delegations of
ancient people came to the fabulous Achaemenid court. But then Alexander the
Great arrived with a catastrophic result.
In 330 BC he burned the whole precious place down. All that remains of
four centuries of history are ruins. Many archaeologists have been attracted by
the remnants of sculpture and architecture in this beautiful place. My husband
and I were only passing by, but still the genius of the lost classical city was
apparent.
How
did we manage to get to the centre of Esfahan ?
I do not know. It took us a very long
time to read sign posts in Farsi language while driving. Suddenly there was a huge
highway crossing and too much traffic. Which direction should we take? Iran ’s most
important transportation links are the streets, always noticeable on our
journey. We decided to flow along with the endless stream of cars and lorries.
And oh wonder! We approached the city centre where the river Zayandeh-Rud runs
through with its eleven stone bridges out of a fairytale. It was a glorious
view illuminated by a golden afternoon sun. Not a single European city could
compete with the architectural beauty of Esfahan .
Travelling back though time
- It is unbelievable to think that Esfahan was completely destroyed by the Mongolian Emperor
Timur Leng in the 12th Century and remained empty and desolate for two
hundred years. It was in 1598 that the illustrious and brilliant Shah Abbas I
rescued the city; and, over many years, built Esfahan
once again into a jewel.
We
continued to the city of Taebriz , ignoring
important cities like Qom ,
Teheran and Qazvin .
We felt quite at home in Taebriz because we could hear the Turkish tongue again,
just as we hear it so often in Berlin .
Thanks
to the kind Turkish Consul-General, the boarder crossing into Turkey was
easy. We suddenly became aware of the
colossal mountain, Ararat, an extinct volcano 5,137 metres high. This famous
mountain has many names, an Assyrian name (Urartu); a Turkish name (Büyük Agri
Dag); and an Armenian name (Uurhu Masis). Many different cultural groups jealously
claim this mountain, but it is in fact on Turkish ground.
Next
we stopped at the city of Kayseri ,
the main town of Central Anatolia
in Turkey .
From there we visited Cappadocia with its breathtaking
landscape strewn with stones and its vivid history, including conquest by a
chain of aggressors from 6,500 BC onwards.
We
crossed the 4000 m high Taurus Mountains and stopped
over at Cyprus
on the Turkish side of the island. From
there we journeyed back to the Turkish mainland where we saw Pamukkale, a
fantastic white formation of calcium hydrogen carbonate and took a bath in the
natural hot pools.
Again
Travelling back in time, we visited
the ancient Roman town of Hierapolis .
Via the lovely peninsula
of Bodrum in Turkey (and the
pleasant Hotel Princess) we took a three day ferry trip to Italy from Cesme City .
From there, a highway took us straight to Munich
and on to Berlin ,
where the Ambassador of the Sultanate of Oman to Germany , HE Al Harthy, received the
former Ambassador of Germany to Oman
with these solemn words, “This is the first car with an Omani number plate which
I have the honour of welcoming to Berlin ”.
Our
journey back through time, as I think about it now, was a happy one and much easier
than expected.
Heidemarie Blankenstein/ Berlin,
May 2007
Montag, 23. April 2012
ZYPERN: EU-RATS-PRÄSIDENTSCHAFT AB JULI 2012
Zyperns Präsidentschaft im Rat der EU
von Heidemarie Blankenstein
Ab 1. Juli 2012 wird die Republik Zypern den Vorsitz im Rat der Europäischen Union übernehmen. Da wird dann guter Rat teuer sein, denn erstmalig in der Geschichte der EU wird ein Staat Europa vertreten, den es nicht gibt.
Ein unabhängiger Staat Zypern bestand de jure nur von 1960 bis 1963. Griechische Zyprer maßen sich seit 1963 an, die gesamte Insel als Republik Zypern zu vertreten.
Hier ein kurzer Blick in Zyperns jüngste Geschichte:
Im April 1955 begann der Aufruhr der griechisch-zyprischen Terrororganisation EOKA (Nationale Organisation der zyprischen Befreiung) unter Oberst Grivas gegen die britische Verwaltung und für den Anschluss der Insel an Griechenland.
Die umstrittendste und herausragendste Gestalt im Machtkampf der Zyperngriechen (1950- 1974) war jedoch Erzbischof Makarios III.
Im Februar 1959, acht Monate nach den ersten griechischen Pogromen gegen die türkisch-zyprische Bevölkerung, fanden in Zürich Verhandlungen der Türkei, Griechenlands und Großbritanniens über die Zukunft der Insel statt. Am 19. 2. 1959 stimmten diese drei Mächte in London einer Reihe von Abkommen über Zypern zu:
Verzichterklärung Großbritanniens auf die Souveränität über die Insel - mit Ausnahme zweier Militärbasen im Süden des Landes.
Großbritannien, Griechenland und die Türkei verpflichten sich die Unabhängigkeit und Sicherheit der Insel und seiner Bewohner zu respektieren und im Notfall sichern zu helfen.
An der Spitze der Republik steht ein von den Inselgriechen zu wählender Präsident. Der vom türkischen Teil gewählte Vizepräsident hat ein Vetorecht gegen Entscheidungen des Präsidenten.....
Diese Verfassung, die auch den seit Jahrhunderten in Zypern ansässigen Türken, Rechte gewährte, war dem orthodoxen Kirchenführer und zum Präsidenten gewählten Makarios ein Dorn im Auge. 1963 beseitigte er durch autokratische Verfassungsänderungen alle türkischen Rechte, kündigte also diese Verfassung und löste den störenden Verfassungsgerichtshof auf. Die Zypern-Türken zogen sich - nach blutigen EOKA-Pogromen - in Enklaven zurück, denn ihr Eigentum, ihre Gesundheit und ihr Leben waren nicht mehr geschützt. Eine UNO-Schutztruppe wahrt seither einen labilen Waffenstillstand durch Einrichtung einer Pufferzone zwischen beiden Volksgruppen.
Die griechische Politik war seit 1963 auf die Vereinnahmung der gesamten Insel gerichtet. Das ist ihr auch fast gelungen. Die heutige überwiegende Staatenpraxis erkennt den griechisch-zyprischen Alleinvertretungsanspruch an.
Das impliziert natürlich auch die Anerkennung der autoritären, undemokratischen Beseitigung der Verfassung von 1960 und die Errichtung einer rein zypern-griechischen Staatsgewalt.
Frage: Wenn die Zypern-Griechen als “Republik Zypern” die Alleinvertretung beanspruchen, was hat sie seit 1963 berechtigt, ihre eigene “Minderheit” auf der Insel zu boykottieren, wirtschaftlich auszuhungern und diesen Verstoß gegen die Menschenrechte auch noch als Verschulden der zypern-türkischen Volksgruppe auszugeben?
Nach dem Staatsstreich des berüchtigten Terroristen Sampson und der vollständigen Machtübernahme der griechischen Faschisten 1974 haben türkische Truppen - gemäß der Drei-Mächte-Garantie-Erklärung von Zürich und London - zum Schutz der bedrohten Inseltürken und ihrer verfassungsmäßigen Rechte militärisch interveniert.
Da mit den Inselgriechen, die sich selbst als Staatsvolk und die Türken als Minderheit bzw. als Gäste bezeichnen, kein Kompromiss auf der Basis einer Gleichberechtigung möglich war (und bis heute nicht möglich ist), gründeten die türkischen Zyprer 1983 einen eigenen Staat, die TRNZ, die Türkische Republik Nord-Zypern.
Das heutige Resultat ist die Existenz zweier Staaten auf der Insel. Beide sind demokratisch verfasst und gewährleisten ihren Staatsangehörigen Freiheitsrechte. Es ist lediglich ein Erfolg der griechischen Diplomatie und ein Ergebnis prinzipienloser Interessenpolitik der internationalen Staatengemeinschaft - u.a. auch der EU - dass der griechische Teilstaat seit Jahrzehnten anerkannt wird, der türkische dagegen nicht.
Dass bei der Aufnahme der “Republik Zypern” 2004 in die EU ein großer Fehler begangen wurde, das wird in Brüssel offen zugegeben. Denn eine Aufnahme in die EU sollte nicht möglich sein, ohne dass geklärt wurde, welchen Staat der Antragsteller vertritt, auf welches Territorium sich dessen Hoheitsgewalt erstreckt, welche demokratischen Freiheitsrechte er allen seinen Bürgern gleichermaßen gewährt und welche Verfassungstreue er einhält.
Heidemarie Blankenstein
Berlin und Zypern, 24. April 2012
Montag, 16. April 2012
ZWEIMAL ZYPERN - WARUM DENN NICHT?
Impressionen von der Internationalen Tourismus Börse
(ITB) 2012 in Berlin
von HEIDEMARIE BLANKENSTEIN
Wer in Berlin Anfang März bei der ITB das Reiseziel Zypern suchte, fand es gleich zweimal: In der Europa-Halle gleich neben Griechenland und in der Asien-Halle gleich neben der Türkei. Das ist charakteristisch für die Insel. Alles ist doppelt: Ortsnamen, Religionen, Sprachen, Währung, Regierung, Flug- und Golfplätze.
Sehr weitläufig präsentiert sich der Stand der griechischen Zyprer, die jenen Insel-Teil vertreten, der von sich behauptet die Republik Zypern einschließlich des Türkischen Nordteils zu sein und das seit 1960 der restlichen Welt einhämmert.
Die Einreise über den modernisierten Internationale Airport von Larnaca (übrigens kürzlich auf zyperntürkischem Land errichtet) wird lauthals angepriesen. EU-finanzierte Autobahnen führen von Larnaca nach Limassol, zum Beispiel zum Luxushotel Le Meridien Spa und Resort, wo den Touristen perfekter Service, in den Felsen gehauene Pools und von Palmen umrahmte Wasserfälle erwarten. Eine Broschüre informiert den Reisewilligen über das “kulturelle Erbe” Zyperns, und der staunt nicht schlecht, dass diese Vielvölker-Insel nur von Griechen geprägt sein soll:
"1200 v. Chr. trafen vom Meer her griechisch sprechende Siedler auf der Insel ein. Bald war der Einfluss der griechischen Kultur zum festen Bestandteil des täglichen Lebens der Zyprioten“.
Wie langweilig, ist es doch gerade die Vielfalt der Insel, die den Gast anlockt.
Das haben die zypern-griechischen Messe-Macher (inklusive ihrer Regierung) wohl noch nicht kapiert, denn die Landkarten an den Messe-Ständen zeigen Städte und Straßen nur im griechischen Süd-Teil, während der türkische Nord-Teil ganz weiß ist und als “türkisch besetzt” bezeichnet wird, wo offenbar niemand lebt, wo es keine Wege, keine Straßen gibt, keinen Handel, keine Hotels, wo es leer, öde und tot ist.
Trotzdem werden Ausflüge - nur mit griechischem Reiseführer - in den türkischen Norden angeboten. Ein türkischer Reiseführer wird dann als “Silent Guide” dabei sein, der jedoch nicht widersprechen darf, wenn der Grieche mit weitausholender Geste im Norden behauptet: “Das ist alles unseres - unser Paradies”. Ob griechischer Fremden-Führer oder hier am Messe-Stand - überall scheint sich dieser Teil gern als Insel-Verwalter aufzuspielen.
Und vor Ort? Einmal im griechischen Teil gelandet, spüren die Touristen bald beim schweren Commandaria-Wein, bei Oliven, bei Halloumi-Käse, auf den Gipfeln und Dörfern des Troodos-Gebirges und in der alten Stadt Paphos, beim Felsen der Aphrodite, dass das sonnige Zypern ein Teil von dem ist, was vom Paradies auf Erden übrig blieb. Leider bemühen sich die griechischen Verwalter, es den auf den Abflugtafeln aller Flugplätze aufgelisteten Kapazitätsweltmeistern rund ums Mittelmeer gleichzutun und die Strände mit unansehnlichen Hotelkästen voll zu betonieren.
Deshalb behauptet sich das Paradies vor allem im Nordteil der Insel, also auch bei den Türken, in den Hafenstädten Girne oder im alten Gazi Magusa (Famagusta), in Güzelyurt, in Lapta, in Bellapais, bei den Kreuzritterburgen Sankt Hilarion, Buffavento oder hoch oben auf der Burg Kantara.
Und dieses Paradies behauptet sich trotz des vielen Blutes, das auf der gesamten Insel seit jeher und wieder seit 1963 geflossen ist.
Ein unabhängiger Staat Gesamt-Zypern - sowie die Griechen ihn heute vertreten wollen - bestand de jure nur von 1960 bis 1963. Danach wurden die seit 1571 auf der Insel lebenden Türken von der griechisch-zyprischen Regierung bedrängt, gettoisiert, wirtschaftlich ruiniert und zum Teil vertrieben. Nach dem Staatsstreich des Engländer- und Türkenschlächters Sampson und der vollständigen Machtübernahme der griechischen Faschisten 1974 haben türkische Truppen - gemäß der Drei-Mächte-Garantie für die Sicherheit und Unabhängigkeit der Insel von 1960 - zum Schutz ihrer bedrohten Inseltürken - interveniert. Seit 1974 herrscht Waffenstillstand.
Da mit den Inselgriechen, die sich selbst als Staatsvolk und die Türken als Minderheit, bzw. als Gäste bezeichnen, kein Kompromiss auf der Basis einer Gleichberechtigung möglich war, gründeten die türkischen Zyprer 1983 auf dem nördlichen Inselgebiet einen eigenen Staat, die Türkische Republik Nord Zypern, dieTRNZ. Dieser durfte bis 1999 - auf Drängen des EU-Mitglieds Griechenlands - keinen eigenen Messe-Stand betreiben.
In der TRNZ wird der historisch und kulturell interessierte Fremde ein Zypern finden, das seine Reise wert ist. Er wird eine ländliche, duftende, an Sandstränden gelegene mit sanften Bergen und kühlen Hainen, mit Ruinen, eine ungeschminkte, von Sonne, Mond und Sternen geprägte Insel finden,. Außerdem werden ihn Küchenzauberer verwöhnen.
Am türkisch-zyprischen Messe-Stand geben diese Zauberer Kostproben:
Frische Zitronenlimonade, Mezze, Fladenbrot und Oliven. Ein Töpfer von Design 74 zeigt an einer rotierenden Töpfer-Scheibe seine Kunst. Er hat sie in der Porzellanstadt Selb gelernt und spricht ganz gut Deutsch.
Der türkisch-zyprische Staat wird von der EU und der Welt boykottiert. Zu Unrecht. Nur die Türkei unterstützt diesen Teil der Insel. Flüge von Europa zum Flughafen Ercan (Lefkosia) führen über Istanbul oder Ankara mit allen türkischen Linien (Atlas, Pegasus und Turkish-Airlines (bzw.Türk Hawa Yollarie).
Egal, für welchen Einreiseteil sich der Tourist entscheidet; er darf seit einigen Jahren die Grenze zwischen dem nördlichen und südlichen Teil passieren, und das ist auf jeden Fall spannend. Er wird sich zu recht fragen: “Warum soll es denn nur ein griechisches Zypern geben? Der türkische Teil ist mindestens ebenso erlebenswert und hat bestimmt auch eine gleiche Daseinsberechtigung”.
15. April 2012
Montag, 9. April 2012
OFFENER BRIEF, THEMA: IRAN-POLITIK
HEIDEMARIE BLANKENSTEIN
Bundeskanzleramt
Bundeskanzlerin
Frau Dr. Angela Merkel
Willy-Brandt-Straße 1
Unkalkulierbare Eskalation im Iran-Israel-Konflikt
"Wandel durch Annäherung"?
Sehr geehrter Frau Bundeskanzlerin,
Sie wissen es besser als der Bürger: Beim Iran-Israel-Konflikt sieht es nicht gut aus. Der Westen übt mit Sanktionen Druck aus, ein Druck, der sein Ziel vielleicht verfehlen wird, jedenfalls Israel nicht von einer Bombardierung des Irans abhalten wird. Ein grausamer Krieg ist zu erwarten.
Wo steht Deutschland dann? Sie als Bundeskanzlerin hatten noch am 1. 2. 2011 als Freundin Israels beteuert: “Deutschland ist der Sicherheit Israels zutiefst verpflichtet” Auch der deutsche Außenminister hat es erst wieder am 25. März so betont. Da stellt sich die Frage, ob unsere Politiker von allen guten Geistern verlassen sind? Heißt es, dass Deutschland in diesen zu erwartenden (Atom)-Krieg mit hineingezogen würde? Und alles nur wegen Bündnistreue, die unser Land schon einmal in einen verheerenden Krieg - den 1. Weltkrieg - gezogen hat?
ABER gerade weil Deutschland der Sicherheit Israels verpflichtet ist, sollte unsere Außenpolitik eine Kehrtwendung vollziehen, ein Umdenken und der Regierung Netanjahu mit dem Hinweis auf unsere deutsche Erfahrung WANDEL DURCH ANNÄHERUNG in den Arm fallen. Parallelen zu unserer damaligen deutschen Situation und zum heutigen Israel gibt es durchaus. Auch Deutschland war vom Osten her extrem bedroht. (1958 rief z. B. die damalige SU dem Westen zu: "Wir werden euch alle beerdigen" )
Da hatte Egon Bahr (auch später Außenminister Genscher) die rettende Idee (schon 1963 formulierte er es vor der evangelischen Akademie in Tutzing): Wandel durch Annäherung. Es hat dann bis zum Grundlagenvertrag von 1972 noch neun Jahre gedauert bis diese Politik erste Früchte getragen hat. Weitere 17 Jahre vergingen bis zur friedlichen Vereinigung und Öffnung nach Osten.
Ich stelle mir vor, dass Sie als Bundeskanzlerin nach diesem Modell eine neue Iran-Politik anregen können.
Sie wären nicht allein. Vordenker dieser Idee gibt es:
Zum Beispiel Prof. Simon Kuschut, der an der Uni Erlangen Internationale Beziehungen lehrt und ein Papier für den DGAP ausgearbeitet hat.
Oder Christoph Bertram und Roger de Weck mit ihrem Buch
“Partner nicht Gegner - für eine andere Iran-Politik” April 2008 erschienen.
Also, nur Mut zum Frieden - zum Frieden dem Primat der deutschen Politik!
Mit freundlichen GrüßenHeidemarie Blankenstein
Bundeskanzleramt
Bundeskanzlerin
Frau Dr. Angela Merkel
Willy-Brandt-Straße 1
Berlin, 26. März 2012
Unkalkulierbare Eskalation im Iran-Israel-Konflikt
"Wandel durch Annäherung"?
Sehr geehrter Frau Bundeskanzlerin,
Sie wissen es besser als der Bürger: Beim Iran-Israel-Konflikt sieht es nicht gut aus. Der Westen übt mit Sanktionen Druck aus, ein Druck, der sein Ziel vielleicht verfehlen wird, jedenfalls Israel nicht von einer Bombardierung des Irans abhalten wird. Ein grausamer Krieg ist zu erwarten.
Wo steht Deutschland dann? Sie als Bundeskanzlerin hatten noch am 1. 2. 2011 als Freundin Israels beteuert: “Deutschland ist der Sicherheit Israels zutiefst verpflichtet” Auch der deutsche Außenminister hat es erst wieder am 25. März so betont. Da stellt sich die Frage, ob unsere Politiker von allen guten Geistern verlassen sind? Heißt es, dass Deutschland in diesen zu erwartenden (Atom)-Krieg mit hineingezogen würde? Und alles nur wegen Bündnistreue, die unser Land schon einmal in einen verheerenden Krieg - den 1. Weltkrieg - gezogen hat?
ABER gerade weil Deutschland der Sicherheit Israels verpflichtet ist, sollte unsere Außenpolitik eine Kehrtwendung vollziehen, ein Umdenken und der Regierung Netanjahu mit dem Hinweis auf unsere deutsche Erfahrung WANDEL DURCH ANNÄHERUNG in den Arm fallen. Parallelen zu unserer damaligen deutschen Situation und zum heutigen Israel gibt es durchaus. Auch Deutschland war vom Osten her extrem bedroht. (1958 rief z. B. die damalige SU dem Westen zu: "Wir werden euch alle beerdigen" )
Da hatte Egon Bahr (auch später Außenminister Genscher) die rettende Idee (schon 1963 formulierte er es vor der evangelischen Akademie in Tutzing): Wandel durch Annäherung. Es hat dann bis zum Grundlagenvertrag von 1972 noch neun Jahre gedauert bis diese Politik erste Früchte getragen hat. Weitere 17 Jahre vergingen bis zur friedlichen Vereinigung und Öffnung nach Osten.
Ich stelle mir vor, dass Sie als Bundeskanzlerin nach diesem Modell eine neue Iran-Politik anregen können.
Sie wären nicht allein. Vordenker dieser Idee gibt es:
Zum Beispiel Prof. Simon Kuschut, der an der Uni Erlangen Internationale Beziehungen lehrt und ein Papier für den DGAP ausgearbeitet hat.
Oder Christoph Bertram und Roger de Weck mit ihrem Buch
“Partner nicht Gegner - für eine andere Iran-Politik” April 2008 erschienen.
Also, nur Mut zum Frieden - zum Frieden dem Primat der deutschen Politik!
Mit freundlichen GrüßenHeidemarie Blankenstein
Sonntag, 8. April 2012
IRAN, KOLLEKTIVE VERIRRUNG
KOLLEKTIVE VERIRRUNG -
FÜR EINE ANDERE IRAN-POLITIK
FÜR EINE ANDERE IRAN-POLITIK
Berlin, 8. April 2012
Kollektive
Verirrung?
Buchrezension
zu: „Partner, nicht Gegner – für eine andere Iran-Politik“
Ein
Standpunkt von Christoph Bertram, herausgegeben von Roger de Weck,
Edition:
Körber-Stiftung, 87 Seiten, 10,-- Euro, erschienen am 19. 5. 08
____________________________________________________________________
Manchen Büchern wünscht man
sich, sie mögen die Mächtigen dieser Welt erleuchten, doch wahrscheinlich wird dieser kleine Band
nur eine heftige Kontroverse hervorrufen.
Seit US-Präsident Bush Iran
zur „Achse des Bösen“ zählt, haben sich die westlichen Medien bequem auf der
Verteufelungs-Schiene eingerichtet: „Wenn der Iran nicht einlenkt, gibt es
unweigerlich Krieg“ so war der allgemeine Presse-Tenor, auch vieler westlichen
Politiker Sogar DIE ZEIT stimmte in ihrer Ausgabe 35/2006 ein.
Christoph Bertram, bis 2005 Direktor
der SWP (Stiftung Wissenschaft und Politik), auch bekannt als ZEIT-Autor, überraschte gestern in
der Europäischen Akademie Berlin-Grunewald
durch andere Aspekte, die er in seinem nüchternen Essay zusammenfasste:
Anstelle von
Regime-Verteufelung müsste Anerkennung dieses wichtigen Landes stehen, statt
Konfrontation das Angebot zur Zusammenarbeit, statt Beschuldigung und
Sanktionen der Dialog, statt Vorbedingungen Verhandlungen. Der Westen verfolge zur
Zeit eine Iran-Politik, die keine sei, der offenbar eine kollektive Verirrung
zugrunde liege. Gegnerschaft durch
Partnerschaft zu ersetzen und das riesige Sanktions-Paket von 1979 endlich aufzuschnüren,
hält Bertram für die besseren Ideen.
Die israelischen Freunde,
die sich durch Präsident Achmadinedschads Äusserung vom Verschwinden Israels „aus den Annalen der Geschichte“ besonders
bedroht fühlten, munterte Bertram zu mehr Gelassenheit auf. Er verwies auf das
Jahr 1958, als der UdSSR-Machthaber Chruschtschow mit der „sowjetischen
Weltrevolution“ drohte und dem Westen zurief: „Wir werden Euch alle beerdigen“.
Solchen Übertreibungen – so Bertram –
könne man nur mit de Gaulles „Détente, Entente et Coopération“ erfolgreich
begegnen. Der Verlauf der jüngsten Geschichte hätte de Gaulle recht gegeben.
Für viele im Westen würde
eine derart nüchterne Haltung dem Iran gegenüber einer Kapitulation gleichkommen,
zumindest einer unverdienten einseitigen Vorleistung.
Der Autor erinnert demgegenüber
an die Vorleistungen der damaligen Regierung des Iran, die im Jahr 2003 bereit
war, Israel als Staat anzuerkennen, Hamas und Hisbollah nicht mehr zu
unterstützen, allen IAEA-Inspekteuren Zutritt zu gewähren, und lediglich ihr (ziviles)
Nuklear-Programm fortsetzen wollte. Das militärische Programm sollte
eingestellt werden. Die Bush-Regierung
fegte dieses Schreiben, damals übermittelt durch die Botschaft der Schweiz, vom
Tisch. Obwohl der Iran vor fünf Jahren
zu fast allem bereit gewesen sei, habe er dafür keine Gegenleistung aus dem
Westen erhalten, nicht einmal Respekt.
So habe die gesamte
westliche Iran-Strategie bis heute allseits nur negative Resultate, dagegen sei
der Einfluss des Iran in der Region gewachsen.
Während aus Teheran schallende Selbstbehauptungstöne
zu hören sind und der Westen dröhnendes Kriegsgebaren zeigt, argumentiert Christoph
Bertram nicht mit der Pauke, sondern kommt differenziert der Wahrheit näher als
die meisten anderen Analysten. Bertram
sollte ernst genommen werden.
Heidemarie Blankenstein
BRIEF AN DEN BERLINER TAGESSPIEGEL ZU G. GRASS
An: "redaktion@tagesspiegel.de" <redaktion@tagesspiegel.de>
Gesendet: 11:22 Freitag, 6.April 2012
Betreff: Leserbrief zum Leitartikel vom 5.4.12
An: "redaktion@tagesspiegel.de" <redaktion@tagesspiegel.de>
Gesendet: 11:22 Freitag, 6.April 2012
Betreff: Leserbrief zum Leitartikel vom 5.4.12
zu:
"Irrtum in Versen" von Stephan-Andreas Casdorff vom 5. April 2012
"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch"
Als hätte es Hölderlin geahnt, dass eines Tages ein Schriftsteller als Retter mit einer wichtigen Mahnung daherkommt. Günter Grass - und nicht nur er - hat die Gefahr erkannt. Nun hat er gewagt, sie zu formulieren. Der ängstlichen, entleerten Sprache vieler Politiker wäre das so nicht möglich gewesen. Man hätte sie von seiten der Presse - und natürlich von der extrem rechtsgerichteten Regierung Netanjahu - platt gemacht.
Letzteres versucht auch Ihr Chefredakteur Casdorff in hämischer Weise mit Grass. Klar, Casdorff muss in rasender Geschwindigkeit etwas halbwegs Intelligentes zurechtschustern. Das liest sich zwar ganz flott, hat aber Fehler:
"Nie hat Israel mit einem atomaren Erstschlag gedroht, nicht gegen den Iran, gegen niemanden...." schrieb Casdorff.
Doch Casdorff kann doch nicht entgangen sein, dass die Regierung Netanjahu eine Rhetorik benutzt, die zum Krieg drängt, die in der Welt umhertingelt, um Verbündete ( Waffen und U-Boote) für diesen bevorstehenden Militärschlag zu gewinnen.
"Ein Freund sagt auch Bitteres" sagt ein türkisches Sprichwort. Günter Grass ist bestimmt kein Feind Israels. Als Freund sollte die israelische Regierung nun endlich ihre aggressive Iran-Poltik überdenken und ganz einfach dem erfolgreichen, deutschen Modell: "Wandel durch Annäherung" folgen.
Mit freundlichen Grüßen
Heidemarie Blankenstein
PS: Ihr Beitrag vom 4.4.12, Seite 3 war
ein wenig differentzierter.
Samstag, 1. Januar 2011
Eine historisch-kritische Einordnung des Afghanistankonflikts, Neun Jahre "Krieg" - wo ist der Feind?
Zu dem Beklemmendsten, was die Literatur des vergangenen Jahrhunderts bietet, gehört die Begeisterung, mit der die Gebildeten den Ausbruch des Ersten Weltkrieges begrüßt hatten. Emphatisch beteten Akademiker und Autoren zu Gott, damit der Feind im deutschen Kugelhagel verrecke. Der Feind?
Der war im Osten das rastlos rüstende Russland, und im Westen Frankreich mit seinen Revanchegelüsten. Bis 29. August 1914 lagen 15 Kriegserklärungen vor, und dann wurde losgeschlagen.
"Ehe es zum Schlagen kommt, ist es von höchster Bedeutung, den Gegner, den es niederzuringen gilt, kennen zu lernen"
Wiederholt war die afghanische Bevölkerung feindlichen Kriegsscharen ausgesetzt. Schon 1847, 1879 und 1919 musste sie sich dreimal gegen Großbritannien zur Wehr setzen. Der Sieg bei Maiwand 1880 nahe der südafghanischen Stadt Kandahar avancierte zu ihrem Feiertag. Eine Ironie der Geschichte, dass gegenwärtig britische NATO-Truppen, 130 Jahre später, wieder in Kandahar stationiert sind.
Bei all diesen jahrzehntelangen Kämpfen überrascht es nicht, dass dieses geschundene Land zu den ärmsten Staaten der Erde gehört. Bei genauerem Hinsehen müssten nämlich die Afghanen zornig sein. Um die Sowjetunion aus Afghanistan zu vertreiben, hatte 1987 der CIA-Leiter William J. Casey den pakistanischen Geheimdienst ISI dabei unterstützt, Extremisten nach Afghanistan zu schaffen, die dann als Mujaheddin die Besatzer bekämpften. 1994 wurden die in Flüchtlingslagern Pakistans aufgewachsenen Koranschüler, die Taliban, von den USA an die Macht gebracht. Von dieser fundamentalistischen Steinzeittruppe erhofften sich die USA stabile politische Verhältnisse, um endlich quer durch Afghanistan Leitungen für die Erdgas- und Erdölvorkommen aus Turkmenistan bis zum Indischen Ozean legen zu können. Diese Taliban schufen ihre eigene brutale Gesellschaftsordnung und boten dem saudischen Bin Laden mit seiner Organisation al-Qaida Aufenthalt und Ausbildung.
"Taliban und Al Qaida waren", wie Hamid Karsai feststellt, "Besatzungsmächte, die den Afghanen von außen aufgezwungen wurde". Erschwerend für das Prosperieren Afghanistans ist die historische Tatsache, dass bei der Festlegung seiner Landesgrenzen durch Britisch-Indien und Russland Ende des 19. Jahrhunderts nur strategische Überlegungen im Vordergrund standen. Die traditionellen Lebens- und Wirtschaftsräume der ethnischen Gruppen wurden nicht berücksichtigt. Die Probleme, die derartigen politischen Kunstgebilden eigen sind, traten weltweit spätestens seit Beginn der Dekolonisation auf.
25 Millionen Afghanen teilen sich in 33 verschiedene Volksgruppen auf. Die größte (mit 44 Prozent) ist das Paschtunen-Volk. Ihr Stammesgebiet wurde durch die Durand-Grenzziehung 1893 geteilt und gehört zur Hälfte zu Pakistan. Diese Grenze wird bis heute von der Kabuler Paschtunen-Regierung nicht anerkannt. Paschtunen stellen nicht nur den Großteil der Regierung, sondern auch des Militärs. Sie beherrschen die einträglichen Wirtschafts-bereiche und kontrollieren bis heute den Mohnanbau und damit indirekt auch den Weltopiummarkt.
Ihr Verhalten und Handeln basiert auf einem Ehrenkodex, der Paschtunwali, der drei unverrückbaren Grundwerten folgt:
1) Die Pflicht, Asyl, Schutz und Hilfe jedem - selbst einem Todfeind - zu gewähren.
2) Die Pflicht zur Bewirtung. Selbst Fremde müssen bewirtet und beherbergt werden.
3) Die heilige Pflicht zur Blutrache. Sie rangiert für jeden Paschtunen an erster Stelle. Sie verjährt nicht, setzt sich über Generationen fort, endet erst, wenn die Schuld ausgeglichen ist.
Diese drei Grundwerte, zu denen noch die Verteidigung der Frauen-Ehre und das Recht auf Wasser und Weide gehören, stehen für Mut, Ehre, Überlebenssicherung und Kampfbereitschaft eines ehemals rein nomadischen Volkes. So unterliegt das Handeln der Taliban im wesentlichen Stammestraditionen der Paschtunen.
Da sich all die anderen Ethnien, z. B. die Tadschiken, Usbeken, Hazara, Turkmenen, Baluchen, Nuristani oder die Paschai sprachlich, kulturell und religiös unterscheiden, konnte Staatlichkeit nie Fuß fassen, weil es natürlich stets Spannungen um Ressourcen gab und gibt. Sie spiegeln sich im Warlordverhalten ihrer Anführer. Von der Weltgemeinschaft wurde die Mentalität der Stämme nie ausreichend erkannt und beachtet, sondern allenfalls für ihre eigenen Interessen nutzbar gemacht, indem sie die Stämme gegeneinander ausspielten. Erst durch seine extremen Krisen wurde das Land wahrgenommen: Beim Einmarsch der Sowjetarmee 1979, als die brisante Lage zwischen den afghanischen Völkern zur Explosion gebracht wurde, bei den infamen Anschlägen auf New York am 11.9.2001, die die Terrororganisation al Qaida zu verantworten hat, sowie dem am 07.10.2001 begonnenen NATO-Militärschlag.
Die Bombardierung Afghanistans mit dem Ziel, al Qaida zu besiegen und Osama Bin Laden zu finden - das gesamte heutige Afghanistan-Problem -, hat also weithin extern begründete Ursachen. Deshalb ist es paradox, das afghanische Volk mit militärischen Angriffen für eine Tat zu bestrafen, die es selbst nicht begangen hatte.
"Afghanistan wegen al Qaida anzugreifen ist, als ob man Deutschland wegen der Skinheads bombardieren würde. Und niemand kann ernsthaft glauben, dass Terroristen mit Flugzeugträgern, Raketen, Jagdbombern und Panzern zu besiegen seien." "Nur Dummköpfe bekämpfen eine Läuseplage mit dem Vorschlaghammer. Terrorismus sollte mit dem Skalpell und nicht mit dem Schlachterbeil bekämpft werden. Militärische Strategien stärken ihn, züchten immer neue Generationen von Terroristen heran", schreibt der CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer.
Wo ist also der Feind? Und warum befindet sich die Bundeswehr noch immer am Hindukusch, obwohl den meisten Militärstrategen klar ist, "dass dort kein militärischer Sieg zu erringen ist". (Prof. Dr. Norman Peach, Sicherheitsexperte, auch Ex-Kanzler Helmut Schmidt). Bundeswehrsoldaten sollten die Regierung endlich fragen: "Ist mein Einsatz friedenspolitisch motiviert? Ist er mit dem Grundgesetzt vereinbar? Oder entsteht er nur aus bündnispolitischen Erwägungen?
"Der ganze Balkan ist nicht die gesunden Knochen auch nur eines Pommerschen Grenadiers wert" hat Reichskanzler Otto von Bismarck 1876 erklärt, als die europäischen Nachbarn deutsche Truppen in Krisenregionen schicken wollten. Erst der Bündnisfall mit Österreich-Ungarn, die Großmannssucht Kaiser Wilhelms II und die idealistische Verklärung des guten Krieges haben deutsche Soldaten in den Ersten Weltkrieg gezogen und missbraucht. Ist das für Afghanistan aktuell?
Dschalalabad, Herat, Kabul, Paktika, Urusgan, Kundus - in jeder Stadt und in jeder Provinz wurden von ausländischen Soldaten Zivilisten getötet. Diese Orte stehen für die Wut vieler Afghanen auf ausländische Soldaten.
Diese Ausländer möchte niemand in seinem Tal haben. "Die Zahl der zivilen Toten und die willkürlichen Hausdurch-suchungen haben ein Niveau erreicht, das nicht mehr hinzunehmen ist", sagte Präsident Karsai schon im Herbst 2007. Besonders Hausdurchsuchungen der Amerikaner sind umstritten, weil es als Schande empfunden wird, wenn fremde Männer Frauen-Räume betreten. Wenn nun nach einer Durchsuchung Afghanen wütend zu den Waffen greifen, sind sie dann Taliban? Trägt ein landestypisch Gekleideter ein Maschinengewehr oder eine Panzerfaust ist er dann ein Taliban? Wie sollen ausländische Soldaten Zivilisten von Taliban unterscheiden?
"Die Truppen, die am meisten in Kampf-handlungen verwickelt sind, verursachen die meisten zivilen Opfer", sagt Nikolaus Grubeck, Berater für die afghanische Menschenrechtskommission. "Außerdem können die Afghanen nicht zwischen bösen OEF-Truppen und der guten ISAF unterscheiden. Die Menschen denken, dass jeder ausländische Soldat ein Amerikaner sei".
Werden am Hindukusch mit jedem neuen Angriff alte Sympathien für Deutschland verspielt? Verteidigen vielleicht unsere deutschen Soldaten nicht unsere Sicherheit am Hindukusch, sondern nur den Weltmachtanspruch der USA? Inzwischen stehen auch Deutsche im Verdacht, mit US-amerikanischen "Feste-druff-Methoden" Terroristen zu bekämpfen. Vom Gegenteil will die Bundesregierung vor jeder jährlichen Mandatsverlängerung die kritischen Deutschen überzeugen. Sie sagt, dass Deutschland in eine asymmetrische Bedrohungslage hineingezogen wurde und redet vom Stabilisierungseinsatz, der helfende und schützende Funktion für die Sicherheit der afghanischen Regierung habe. Ein sicheres Umfeld solle den zivilen Kräften für Wiederaufbau und humanitäre Aufgaben zuteil werden, kurz, es handle sich um einen sauberen Einsatz - ohne Blutvergießen.
Das Wort Krieg fürchtet die Regierung. Dazu hat sie Grund. Denn befänden sich die deutschen Streitkräfte im Krieg, müsste geprüft werden, ob der im Grundgesetz vorgesehene Verteidigungsfall vorliege. Notstandsregeln träten in Kraft, und der Verteidigungsminister wäre nicht mehr Inhaber der Befehls- und Kommando-gewalt. Die würde an den Regierungschef übergehen. Wann gilt ein bewaffneter Konflikt als Krieg? Nach einer Definition der schwedischen Universität Uppsala: "..wenn jährlich mehr als tausend Menschen durch Kampfhandlungen umkommen". In Afghanistan waren es allein im Jahr 2008 fünftausend.
Noch einmal: Gegen welchen Feind kämpfen deutsche Soldaten am Hindukusch, wenn die al Qaida-Suche abgeschlossen ist und die Taliban schwer als solche erkennbar sind? Viele, die sich als Taliban ausgeben, sind unbedeutende Kämpfer, vielleicht nur Straßenräuber oder Kabuler Studenten. Wer weiß das schon so genau? Taliban ist eine Bezeichnung, die sich inzwischen allerlei Leute selbst verleihen, um Feinde und Nachbarn einzuschüchtern oder ihren kriminellen Methoden ein Mäntelchen der islamischen Rechtschaffenheit umzuhängen. Das macht es schwierig, das Phänomen des militanten Islamismus in Afghanistan zu fassen.
Anfang Dezember 2009 richteten "Taliban" drei Polizisten regelrecht hin, nur 30 Kilometer von Masar-i-Scharif entfernt. Bei der ISAF taucht der Angriff in keinem Rapport auf. Laut Polizeichef waren die Mörder keine Taliban, sondern Banditen.
"Kenne deinen Feind", schreibt der chinesische Militärstratege Sun Tzu. Der kanadische Journalist Graeme Smith versuchte, dem westlichen Feind in Afghanistan auf die Spur zu kommen. In seinem "Porträt des Feindes" heißt es: "Die Taliban sind wild und furchteinflößend, aber auch stolz und bisweilen poetisch. Sie nutzen die Sprache des radikalen Islams, aber ihre Botschaften sind oft nicht mehr als fremdenfeindlich und getrieben von dem Willen, ihre eigene Lebensart zu schützen. Smith zeigt uns merkwürdige Männer mit Ängsten und Launen, in bisweilen peinlichen Situationen, mit Großmannsgelüsten und gekränktem Ehrgefühl, manche sympathisch, andere weniger, Männer, die mit westlichen Taliban-Phantasien wenig gemein haben".
Sind das die Feinde, für deren Bekämpfung der deutsche Steuerzahler Milliarden verschwendet?
Im Jahr 2009, wenn Afghanistan gewählt habe, würden sich die deutschen Truppen zurückziehen können, hieß es vor einigen Jahren aus dem Auswärtigen Amt. Nun muss die deutsche Öffentlichkeit hören, dass alte Ziele immer wieder neu gesetzt werden: "Regionale Strukturen stärken, Drogenanbau verhindern, Korruption bekämpfen, innerafghanischen Versöhnungsprozess schaffen, den Anforderungen der USA nach mehr Soldaten gerecht werden, Good Government erreichen…" so beschreibt Rüdiger König, Direktor des Afghanistan-Referats im Auswärtigen Amt, die hehren Ziele des deutschen Afghanistan-Einsatzes. Kurz: Wer mit den afghanischen Verhältnissen vertraut ist, sieht darin ein kostspieliges, deutsches Engagement, das am Nimmerleinstag endet.
. So steht es in der Geschichte des Weltkrieges 1914/18. Die Feldherren hatten ihren Clausewitz im Kopf und viel Zorn im Herzen. "…Zorn gegen die verlogenen Franzosen, Zorn gegen die Niedertracht des englischen Volkes, Zorn gegen das ruhelose Russland. Denn Zorn macht stark, erfüllt unsere tapferen Soldaten. Zorn ist etwas Männliches. Er soll uns zum Sieg führen".
Was Zorn, Feindbild und Hass betrafen, erscheinen uns die beiden grausamen Weltkriege als geordnet. Ein festes Reglement trennte Krieg von Frieden, Zivilisten von Soldaten. Und heute? - Hatten sich unsere Politiker ausreichend über den "Gegner" informiert, als sie ab 2001 im Oktober 3.600 deutsche Soldaten zum Hindukusch schickten, um unser Land zu verteidigen? Zur selben Zeit fielen die ersten US-amerikanischen Bomben. Es wurde der NATO-Bündnisfall ausgerufen. Gegen wen richtete sich die Mobil-machung der NATO, die durch den UN-Sicherheitsrat legitimiert wurde? Gegen kriegsmüde Bauern, gegen jene, die seit dem Sturz ihres Königs Muhammad Zahir Shah 1973 durch bürgerkriegsartige Unruhen erschüttert und die seit 1979 im Kriegszustand leben?
Der war im Osten das rastlos rüstende Russland, und im Westen Frankreich mit seinen Revanchegelüsten. Bis 29. August 1914 lagen 15 Kriegserklärungen vor, und dann wurde losgeschlagen.
"Ehe es zum Schlagen kommt, ist es von höchster Bedeutung, den Gegner, den es niederzuringen gilt, kennen zu lernen"
Wiederholt war die afghanische Bevölkerung feindlichen Kriegsscharen ausgesetzt. Schon 1847, 1879 und 1919 musste sie sich dreimal gegen Großbritannien zur Wehr setzen. Der Sieg bei Maiwand 1880 nahe der südafghanischen Stadt Kandahar avancierte zu ihrem Feiertag. Eine Ironie der Geschichte, dass gegenwärtig britische NATO-Truppen, 130 Jahre später, wieder in Kandahar stationiert sind.
Bei all diesen jahrzehntelangen Kämpfen überrascht es nicht, dass dieses geschundene Land zu den ärmsten Staaten der Erde gehört. Bei genauerem Hinsehen müssten nämlich die Afghanen zornig sein. Um die Sowjetunion aus Afghanistan zu vertreiben, hatte 1987 der CIA-Leiter William J. Casey den pakistanischen Geheimdienst ISI dabei unterstützt, Extremisten nach Afghanistan zu schaffen, die dann als Mujaheddin die Besatzer bekämpften. 1994 wurden die in Flüchtlingslagern Pakistans aufgewachsenen Koranschüler, die Taliban, von den USA an die Macht gebracht. Von dieser fundamentalistischen Steinzeittruppe erhofften sich die USA stabile politische Verhältnisse, um endlich quer durch Afghanistan Leitungen für die Erdgas- und Erdölvorkommen aus Turkmenistan bis zum Indischen Ozean legen zu können. Diese Taliban schufen ihre eigene brutale Gesellschaftsordnung und boten dem saudischen Bin Laden mit seiner Organisation al-Qaida Aufenthalt und Ausbildung.
"Taliban und Al Qaida waren", wie Hamid Karsai feststellt, "Besatzungsmächte, die den Afghanen von außen aufgezwungen wurde". Erschwerend für das Prosperieren Afghanistans ist die historische Tatsache, dass bei der Festlegung seiner Landesgrenzen durch Britisch-Indien und Russland Ende des 19. Jahrhunderts nur strategische Überlegungen im Vordergrund standen. Die traditionellen Lebens- und Wirtschaftsräume der ethnischen Gruppen wurden nicht berücksichtigt. Die Probleme, die derartigen politischen Kunstgebilden eigen sind, traten weltweit spätestens seit Beginn der Dekolonisation auf.
25 Millionen Afghanen teilen sich in 33 verschiedene Volksgruppen auf. Die größte (mit 44 Prozent) ist das Paschtunen-Volk. Ihr Stammesgebiet wurde durch die Durand-Grenzziehung 1893 geteilt und gehört zur Hälfte zu Pakistan. Diese Grenze wird bis heute von der Kabuler Paschtunen-Regierung nicht anerkannt. Paschtunen stellen nicht nur den Großteil der Regierung, sondern auch des Militärs. Sie beherrschen die einträglichen Wirtschafts-bereiche und kontrollieren bis heute den Mohnanbau und damit indirekt auch den Weltopiummarkt.
Ihr Verhalten und Handeln basiert auf einem Ehrenkodex, der Paschtunwali, der drei unverrückbaren Grundwerten folgt:
1) Die Pflicht, Asyl, Schutz und Hilfe jedem - selbst einem Todfeind - zu gewähren.
2) Die Pflicht zur Bewirtung. Selbst Fremde müssen bewirtet und beherbergt werden.
3) Die heilige Pflicht zur Blutrache. Sie rangiert für jeden Paschtunen an erster Stelle. Sie verjährt nicht, setzt sich über Generationen fort, endet erst, wenn die Schuld ausgeglichen ist.
Diese drei Grundwerte, zu denen noch die Verteidigung der Frauen-Ehre und das Recht auf Wasser und Weide gehören, stehen für Mut, Ehre, Überlebenssicherung und Kampfbereitschaft eines ehemals rein nomadischen Volkes. So unterliegt das Handeln der Taliban im wesentlichen Stammestraditionen der Paschtunen.
Da sich all die anderen Ethnien, z. B. die Tadschiken, Usbeken, Hazara, Turkmenen, Baluchen, Nuristani oder die Paschai sprachlich, kulturell und religiös unterscheiden, konnte Staatlichkeit nie Fuß fassen, weil es natürlich stets Spannungen um Ressourcen gab und gibt. Sie spiegeln sich im Warlordverhalten ihrer Anführer. Von der Weltgemeinschaft wurde die Mentalität der Stämme nie ausreichend erkannt und beachtet, sondern allenfalls für ihre eigenen Interessen nutzbar gemacht, indem sie die Stämme gegeneinander ausspielten. Erst durch seine extremen Krisen wurde das Land wahrgenommen: Beim Einmarsch der Sowjetarmee 1979, als die brisante Lage zwischen den afghanischen Völkern zur Explosion gebracht wurde, bei den infamen Anschlägen auf New York am 11.9.2001, die die Terrororganisation al Qaida zu verantworten hat, sowie dem am 07.10.2001 begonnenen NATO-Militärschlag.
Die Bombardierung Afghanistans mit dem Ziel, al Qaida zu besiegen und Osama Bin Laden zu finden - das gesamte heutige Afghanistan-Problem -, hat also weithin extern begründete Ursachen. Deshalb ist es paradox, das afghanische Volk mit militärischen Angriffen für eine Tat zu bestrafen, die es selbst nicht begangen hatte.
"Afghanistan wegen al Qaida anzugreifen ist, als ob man Deutschland wegen der Skinheads bombardieren würde. Und niemand kann ernsthaft glauben, dass Terroristen mit Flugzeugträgern, Raketen, Jagdbombern und Panzern zu besiegen seien." "Nur Dummköpfe bekämpfen eine Läuseplage mit dem Vorschlaghammer. Terrorismus sollte mit dem Skalpell und nicht mit dem Schlachterbeil bekämpft werden. Militärische Strategien stärken ihn, züchten immer neue Generationen von Terroristen heran", schreibt der CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer.
Wo ist also der Feind? Und warum befindet sich die Bundeswehr noch immer am Hindukusch, obwohl den meisten Militärstrategen klar ist, "dass dort kein militärischer Sieg zu erringen ist". (Prof. Dr. Norman Peach, Sicherheitsexperte, auch Ex-Kanzler Helmut Schmidt). Bundeswehrsoldaten sollten die Regierung endlich fragen: "Ist mein Einsatz friedenspolitisch motiviert? Ist er mit dem Grundgesetzt vereinbar? Oder entsteht er nur aus bündnispolitischen Erwägungen?
"Der ganze Balkan ist nicht die gesunden Knochen auch nur eines Pommerschen Grenadiers wert" hat Reichskanzler Otto von Bismarck 1876 erklärt, als die europäischen Nachbarn deutsche Truppen in Krisenregionen schicken wollten. Erst der Bündnisfall mit Österreich-Ungarn, die Großmannssucht Kaiser Wilhelms II und die idealistische Verklärung des guten Krieges haben deutsche Soldaten in den Ersten Weltkrieg gezogen und missbraucht. Ist das für Afghanistan aktuell?
Dschalalabad, Herat, Kabul, Paktika, Urusgan, Kundus - in jeder Stadt und in jeder Provinz wurden von ausländischen Soldaten Zivilisten getötet. Diese Orte stehen für die Wut vieler Afghanen auf ausländische Soldaten.
Diese Ausländer möchte niemand in seinem Tal haben. "Die Zahl der zivilen Toten und die willkürlichen Hausdurch-suchungen haben ein Niveau erreicht, das nicht mehr hinzunehmen ist", sagte Präsident Karsai schon im Herbst 2007. Besonders Hausdurchsuchungen der Amerikaner sind umstritten, weil es als Schande empfunden wird, wenn fremde Männer Frauen-Räume betreten. Wenn nun nach einer Durchsuchung Afghanen wütend zu den Waffen greifen, sind sie dann Taliban? Trägt ein landestypisch Gekleideter ein Maschinengewehr oder eine Panzerfaust ist er dann ein Taliban? Wie sollen ausländische Soldaten Zivilisten von Taliban unterscheiden?
"Die Truppen, die am meisten in Kampf-handlungen verwickelt sind, verursachen die meisten zivilen Opfer", sagt Nikolaus Grubeck, Berater für die afghanische Menschenrechtskommission. "Außerdem können die Afghanen nicht zwischen bösen OEF-Truppen und der guten ISAF unterscheiden. Die Menschen denken, dass jeder ausländische Soldat ein Amerikaner sei".
Werden am Hindukusch mit jedem neuen Angriff alte Sympathien für Deutschland verspielt? Verteidigen vielleicht unsere deutschen Soldaten nicht unsere Sicherheit am Hindukusch, sondern nur den Weltmachtanspruch der USA? Inzwischen stehen auch Deutsche im Verdacht, mit US-amerikanischen "Feste-druff-Methoden" Terroristen zu bekämpfen. Vom Gegenteil will die Bundesregierung vor jeder jährlichen Mandatsverlängerung die kritischen Deutschen überzeugen. Sie sagt, dass Deutschland in eine asymmetrische Bedrohungslage hineingezogen wurde und redet vom Stabilisierungseinsatz, der helfende und schützende Funktion für die Sicherheit der afghanischen Regierung habe. Ein sicheres Umfeld solle den zivilen Kräften für Wiederaufbau und humanitäre Aufgaben zuteil werden, kurz, es handle sich um einen sauberen Einsatz - ohne Blutvergießen.
Das Wort Krieg fürchtet die Regierung. Dazu hat sie Grund. Denn befänden sich die deutschen Streitkräfte im Krieg, müsste geprüft werden, ob der im Grundgesetz vorgesehene Verteidigungsfall vorliege. Notstandsregeln träten in Kraft, und der Verteidigungsminister wäre nicht mehr Inhaber der Befehls- und Kommando-gewalt. Die würde an den Regierungschef übergehen. Wann gilt ein bewaffneter Konflikt als Krieg? Nach einer Definition der schwedischen Universität Uppsala: "..wenn jährlich mehr als tausend Menschen durch Kampfhandlungen umkommen". In Afghanistan waren es allein im Jahr 2008 fünftausend.
Noch einmal: Gegen welchen Feind kämpfen deutsche Soldaten am Hindukusch, wenn die al Qaida-Suche abgeschlossen ist und die Taliban schwer als solche erkennbar sind? Viele, die sich als Taliban ausgeben, sind unbedeutende Kämpfer, vielleicht nur Straßenräuber oder Kabuler Studenten. Wer weiß das schon so genau? Taliban ist eine Bezeichnung, die sich inzwischen allerlei Leute selbst verleihen, um Feinde und Nachbarn einzuschüchtern oder ihren kriminellen Methoden ein Mäntelchen der islamischen Rechtschaffenheit umzuhängen. Das macht es schwierig, das Phänomen des militanten Islamismus in Afghanistan zu fassen.
Anfang Dezember 2009 richteten "Taliban" drei Polizisten regelrecht hin, nur 30 Kilometer von Masar-i-Scharif entfernt. Bei der ISAF taucht der Angriff in keinem Rapport auf. Laut Polizeichef waren die Mörder keine Taliban, sondern Banditen.
"Kenne deinen Feind", schreibt der chinesische Militärstratege Sun Tzu. Der kanadische Journalist Graeme Smith versuchte, dem westlichen Feind in Afghanistan auf die Spur zu kommen. In seinem "Porträt des Feindes" heißt es: "Die Taliban sind wild und furchteinflößend, aber auch stolz und bisweilen poetisch. Sie nutzen die Sprache des radikalen Islams, aber ihre Botschaften sind oft nicht mehr als fremdenfeindlich und getrieben von dem Willen, ihre eigene Lebensart zu schützen. Smith zeigt uns merkwürdige Männer mit Ängsten und Launen, in bisweilen peinlichen Situationen, mit Großmannsgelüsten und gekränktem Ehrgefühl, manche sympathisch, andere weniger, Männer, die mit westlichen Taliban-Phantasien wenig gemein haben".
Sind das die Feinde, für deren Bekämpfung der deutsche Steuerzahler Milliarden verschwendet?
Im Jahr 2009, wenn Afghanistan gewählt habe, würden sich die deutschen Truppen zurückziehen können, hieß es vor einigen Jahren aus dem Auswärtigen Amt. Nun muss die deutsche Öffentlichkeit hören, dass alte Ziele immer wieder neu gesetzt werden: "Regionale Strukturen stärken, Drogenanbau verhindern, Korruption bekämpfen, innerafghanischen Versöhnungsprozess schaffen, den Anforderungen der USA nach mehr Soldaten gerecht werden, Good Government erreichen…" so beschreibt Rüdiger König, Direktor des Afghanistan-Referats im Auswärtigen Amt, die hehren Ziele des deutschen Afghanistan-Einsatzes. Kurz: Wer mit den afghanischen Verhältnissen vertraut ist, sieht darin ein kostspieliges, deutsches Engagement, das am Nimmerleinstag endet.
. So steht es in der Geschichte des Weltkrieges 1914/18. Die Feldherren hatten ihren Clausewitz im Kopf und viel Zorn im Herzen. "…Zorn gegen die verlogenen Franzosen, Zorn gegen die Niedertracht des englischen Volkes, Zorn gegen das ruhelose Russland. Denn Zorn macht stark, erfüllt unsere tapferen Soldaten. Zorn ist etwas Männliches. Er soll uns zum Sieg führen".
Was Zorn, Feindbild und Hass betrafen, erscheinen uns die beiden grausamen Weltkriege als geordnet. Ein festes Reglement trennte Krieg von Frieden, Zivilisten von Soldaten. Und heute? - Hatten sich unsere Politiker ausreichend über den "Gegner" informiert, als sie ab 2001 im Oktober 3.600 deutsche Soldaten zum Hindukusch schickten, um unser Land zu verteidigen? Zur selben Zeit fielen die ersten US-amerikanischen Bomben. Es wurde der NATO-Bündnisfall ausgerufen. Gegen wen richtete sich die Mobil-machung der NATO, die durch den UN-Sicherheitsrat legitimiert wurde? Gegen kriegsmüde Bauern, gegen jene, die seit dem Sturz ihres Königs Muhammad Zahir Shah 1973 durch bürgerkriegsartige Unruhen erschüttert und die seit 1979 im Kriegszustand leben?
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