Samstag, 1. Januar 2011

Eine historisch-kritische Einordnung des Afghanistankonflikts, Neun Jahre "Krieg" - wo ist der Feind?

Zu dem Beklemmendsten, was die Literatur des vergangenen Jahrhunderts bietet, gehört die Begeisterung, mit der die Gebildeten den Ausbruch des Ersten Weltkrieges begrüßt hatten. Emphatisch beteten Akademiker und Autoren zu Gott, damit der Feind im deutschen Kugelhagel verrecke. Der Feind?

Der war im Osten das rastlos rüstende Russland, und im Westen Frankreich mit seinen Revanchegelüsten. Bis 29. August 1914 lagen 15 Kriegserklärungen vor, und dann wurde losgeschlagen.
"Ehe es zum Schlagen kommt, ist es von höchster Bedeutung, den Gegner, den es niederzuringen gilt, kennen zu lernen"

Wiederholt war die afghanische Bevölkerung feindlichen Kriegsscharen ausgesetzt. Schon 1847, 1879 und 1919 musste sie sich dreimal gegen Großbritannien zur Wehr setzen. Der Sieg bei Maiwand 1880 nahe der südafghanischen Stadt Kandahar avancierte zu ihrem Feiertag. Eine Ironie der Geschichte, dass gegenwärtig britische NATO-Truppen, 130 Jahre später, wieder in Kandahar stationiert sind.

Bei all diesen jahrzehntelangen Kämpfen überrascht es nicht, dass dieses geschundene Land zu den ärmsten Staaten der Erde gehört. Bei genauerem Hinsehen müssten nämlich die Afghanen zornig sein. Um die Sowjetunion aus Afghanistan zu vertreiben, hatte 1987 der CIA-Leiter William J. Casey den pakistanischen Geheimdienst ISI dabei unterstützt, Extremisten nach Afghanistan zu schaffen, die dann als Mujaheddin die Besatzer bekämpften. 1994 wurden die in Flüchtlingslagern Pakistans aufgewachsenen Koranschüler, die Taliban, von den USA an die Macht gebracht. Von dieser fundamentalistischen Steinzeittruppe erhofften sich die USA stabile politische Verhältnisse, um endlich quer durch Afghanistan Leitungen für die Erdgas- und Erdölvorkommen aus Turkmenistan bis zum Indischen Ozean legen zu können. Diese Taliban schufen ihre eigene brutale Gesellschaftsordnung und boten dem saudischen Bin Laden mit seiner Organisation al-Qaida Aufenthalt und Ausbildung.

"Taliban und Al Qaida waren", wie Hamid Karsai feststellt, "Besatzungsmächte, die den Afghanen von außen aufgezwungen wurde". Erschwerend für das Prosperieren Afghanistans ist die historische Tatsache, dass bei der Festlegung seiner Landesgrenzen durch Britisch-Indien und Russland Ende des 19. Jahrhunderts nur strategische Überlegungen im Vordergrund standen. Die traditionellen Lebens- und Wirtschaftsräume der ethnischen Gruppen wurden nicht berücksichtigt. Die Probleme, die derartigen politischen Kunstgebilden eigen sind, traten weltweit spätestens seit Beginn der Dekolonisation auf.

25 Millionen Afghanen teilen sich in 33 verschiedene Volksgruppen auf. Die größte (mit 44 Prozent) ist das Paschtunen-Volk. Ihr Stammesgebiet wurde durch die Durand-Grenzziehung 1893 geteilt und gehört zur Hälfte zu Pakistan. Diese Grenze wird bis heute von der Kabuler Paschtunen-Regierung nicht anerkannt. Paschtunen stellen nicht nur den Großteil der Regierung, sondern auch des Militärs. Sie beherrschen die einträglichen Wirtschafts-bereiche und kontrollieren bis heute den Mohnanbau und damit indirekt auch den Weltopiummarkt.

Ihr Verhalten und Handeln basiert auf einem Ehrenkodex, der Paschtunwali, der drei unverrückbaren Grundwerten folgt:

1) Die Pflicht, Asyl, Schutz und Hilfe jedem - selbst einem Todfeind - zu gewähren.
2) Die Pflicht zur Bewirtung. Selbst Fremde müssen bewirtet und beherbergt werden.
3) Die heilige Pflicht zur Blutrache. Sie rangiert für jeden Paschtunen an erster Stelle. Sie verjährt nicht, setzt sich über Generationen fort, endet erst, wenn die Schuld ausgeglichen ist.

Diese drei Grundwerte, zu denen noch die Verteidigung der Frauen-Ehre und das Recht auf Wasser und Weide gehören, stehen für Mut, Ehre, Überlebenssicherung und Kampfbereitschaft eines ehemals rein nomadischen Volkes. So unterliegt das Handeln der Taliban im wesentlichen Stammestraditionen der Paschtunen.

Da sich all die anderen Ethnien, z. B. die Tadschiken, Usbeken, Hazara, Turkmenen, Baluchen, Nuristani oder die Paschai sprachlich, kulturell und religiös unterscheiden, konnte Staatlichkeit nie Fuß fassen, weil es natürlich stets Spannungen um Ressourcen gab und gibt. Sie spiegeln sich im Warlordverhalten ihrer Anführer. Von der Weltgemeinschaft wurde die Mentalität der Stämme nie ausreichend erkannt und beachtet, sondern allenfalls für ihre eigenen Interessen nutzbar gemacht, indem sie die Stämme gegeneinander ausspielten. Erst durch seine extremen Krisen wurde das Land wahrgenommen: Beim Einmarsch der Sowjetarmee 1979, als die brisante Lage zwischen den afghanischen Völkern zur Explosion gebracht wurde, bei den infamen Anschlägen auf New York am 11.9.2001, die die Terrororganisation al Qaida zu verantworten hat, sowie dem am 07.10.2001 begonnenen NATO-Militärschlag.

Die Bombardierung Afghanistans mit dem Ziel, al Qaida zu besiegen und Osama Bin Laden zu finden - das gesamte heutige Afghanistan-Problem -, hat also weithin extern begründete Ursachen. Deshalb ist es paradox, das afghanische Volk mit militärischen Angriffen für eine Tat zu bestrafen, die es selbst nicht begangen hatte.

"Afghanistan wegen al Qaida anzugreifen ist, als ob man Deutschland wegen der Skinheads bombardieren würde. Und niemand kann ernsthaft glauben, dass Terroristen mit Flugzeugträgern, Raketen, Jagdbombern und Panzern zu besiegen seien." "Nur Dummköpfe bekämpfen eine Läuseplage mit dem Vorschlaghammer. Terrorismus sollte mit dem Skalpell und nicht mit dem Schlachterbeil bekämpft werden. Militärische Strategien stärken ihn, züchten immer neue Generationen von Terroristen heran", schreibt der CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer.

Wo ist also der Feind? Und warum befindet sich die Bundeswehr noch immer am Hindukusch, obwohl den meisten Militärstrategen klar ist, "dass dort kein militärischer Sieg zu erringen ist". (Prof. Dr. Norman Peach, Sicherheitsexperte, auch Ex-Kanzler Helmut Schmidt). Bundeswehrsoldaten sollten die Regierung endlich fragen: "Ist mein Einsatz friedenspolitisch motiviert? Ist er mit dem Grundgesetzt vereinbar? Oder entsteht er nur aus bündnispolitischen Erwägungen?

"Der ganze Balkan ist nicht die gesunden Knochen auch nur eines Pommerschen Grenadiers wert" hat Reichskanzler Otto von Bismarck 1876 erklärt, als die europäischen Nachbarn deutsche Truppen in Krisenregionen schicken wollten. Erst der Bündnisfall mit Österreich-Ungarn, die Großmannssucht Kaiser Wilhelms II und die idealistische Verklärung des guten Krieges haben deutsche Soldaten in den Ersten Weltkrieg gezogen und missbraucht. Ist das für Afghanistan aktuell?
Dschalalabad, Herat, Kabul, Paktika, Urusgan, Kundus - in jeder Stadt und in jeder Provinz wurden von ausländischen Soldaten Zivilisten getötet. Diese Orte stehen für die Wut vieler Afghanen auf ausländische Soldaten.

Diese Ausländer möchte niemand in seinem Tal haben. "Die Zahl der zivilen Toten und die willkürlichen Hausdurch-suchungen haben ein Niveau erreicht, das nicht mehr hinzunehmen ist", sagte Präsident Karsai schon im Herbst 2007. Besonders Hausdurchsuchungen der Amerikaner sind umstritten, weil es als Schande empfunden wird, wenn fremde Männer Frauen-Räume betreten. Wenn nun nach einer Durchsuchung Afghanen wütend zu den Waffen greifen, sind sie dann Taliban? Trägt ein landestypisch Gekleideter ein Maschinengewehr oder eine Panzerfaust ist er dann ein Taliban? Wie sollen ausländische Soldaten Zivilisten von Taliban unterscheiden?

"Die Truppen, die am meisten in Kampf-handlungen verwickelt sind, verursachen die meisten zivilen Opfer", sagt Nikolaus Grubeck, Berater für die afghanische Menschenrechtskommission. "Außerdem können die Afghanen nicht zwischen bösen OEF-Truppen und der guten ISAF unterscheiden. Die Menschen denken, dass jeder ausländische Soldat ein Amerikaner sei".

Werden am Hindukusch mit jedem neuen Angriff alte Sympathien für Deutschland verspielt? Verteidigen vielleicht unsere deutschen Soldaten nicht unsere Sicherheit am Hindukusch, sondern nur den Weltmachtanspruch der USA? Inzwischen stehen auch Deutsche im Verdacht, mit US-amerikanischen "Feste-druff-Methoden" Terroristen zu bekämpfen. Vom Gegenteil will die Bundesregierung vor jeder jährlichen Mandatsverlängerung die kritischen Deutschen überzeugen. Sie sagt, dass Deutschland in eine asymmetrische Bedrohungslage hineingezogen wurde und redet vom Stabilisierungseinsatz, der helfende und schützende Funktion für die Sicherheit der afghanischen Regierung habe. Ein sicheres Umfeld solle den zivilen Kräften für Wiederaufbau und humanitäre Aufgaben zuteil werden, kurz, es handle sich um einen sauberen Einsatz - ohne Blutvergießen.

Das Wort Krieg fürchtet die Regierung. Dazu hat sie Grund. Denn befänden sich die deutschen Streitkräfte im Krieg, müsste geprüft werden, ob der im Grundgesetz vorgesehene Verteidigungsfall vorliege. Notstandsregeln träten in Kraft, und der Verteidigungsminister wäre nicht mehr Inhaber der Befehls- und Kommando-gewalt. Die würde an den Regierungschef übergehen. Wann gilt ein bewaffneter Konflikt als Krieg? Nach einer Definition der schwedischen Universität Uppsala: "..wenn jährlich mehr als tausend Menschen durch Kampfhandlungen umkommen". In Afghanistan waren es allein im Jahr 2008 fünftausend.

Noch einmal: Gegen welchen Feind kämpfen deutsche Soldaten am Hindukusch, wenn die al Qaida-Suche abgeschlossen ist und die Taliban schwer als solche erkennbar sind? Viele, die sich als Taliban ausgeben, sind unbedeutende Kämpfer, vielleicht nur Straßenräuber oder Kabuler Studenten. Wer weiß das schon so genau? Taliban ist eine Bezeichnung, die sich inzwischen allerlei Leute selbst verleihen, um Feinde und Nachbarn einzuschüchtern oder ihren kriminellen Methoden ein Mäntelchen der islamischen Rechtschaffenheit umzuhängen. Das macht es schwierig, das Phänomen des militanten Islamismus in Afghanistan zu fassen.
Anfang Dezember 2009 richteten "Taliban" drei Polizisten regelrecht hin, nur 30 Kilometer von Masar-i-Scharif entfernt. Bei der ISAF taucht der Angriff in keinem Rapport auf. Laut Polizeichef waren die Mörder keine Taliban, sondern Banditen.

"Kenne deinen Feind", schreibt der chinesische Militärstratege Sun Tzu. Der kanadische Journalist Graeme Smith versuchte, dem westlichen Feind in Afghanistan auf die Spur zu kommen. In seinem "Porträt des Feindes" heißt es: "Die Taliban sind wild und furchteinflößend, aber auch stolz und bisweilen poetisch. Sie nutzen die Sprache des radikalen Islams, aber ihre Botschaften sind oft nicht mehr als fremdenfeindlich und getrieben von dem Willen, ihre eigene Lebensart zu schützen. Smith zeigt uns merkwürdige Männer mit Ängsten und Launen, in bisweilen peinlichen Situationen, mit Großmannsgelüsten und gekränktem Ehrgefühl, manche sympathisch, andere weniger, Männer, die mit westlichen Taliban-Phantasien wenig gemein haben".

Sind das die Feinde, für deren Bekämpfung der deutsche Steuerzahler Milliarden verschwendet?

Im Jahr 2009, wenn Afghanistan gewählt habe, würden sich die deutschen Truppen zurückziehen können, hieß es vor einigen Jahren aus dem Auswärtigen Amt. Nun muss die deutsche Öffentlichkeit hören, dass alte Ziele immer wieder neu gesetzt werden: "Regionale Strukturen stärken, Drogenanbau verhindern, Korruption bekämpfen, innerafghanischen Versöhnungsprozess schaffen, den Anforderungen der USA nach mehr Soldaten gerecht werden, Good Government erreichen…" so beschreibt Rüdiger König, Direktor des Afghanistan-Referats im Auswärtigen Amt, die hehren Ziele des deutschen Afghanistan-Einsatzes. Kurz: Wer mit den afghanischen Verhältnissen vertraut ist, sieht darin ein kostspieliges, deutsches Engagement, das am Nimmerleinstag endet.

 
. So steht es in der Geschichte des Weltkrieges 1914/18. Die Feldherren hatten ihren Clausewitz im Kopf und viel Zorn im Herzen. "…Zorn gegen die verlogenen Franzosen, Zorn gegen die Niedertracht des englischen Volkes, Zorn gegen das ruhelose Russland. Denn Zorn macht stark, erfüllt unsere tapferen Soldaten. Zorn ist etwas Männliches. Er soll uns zum Sieg führen".

Was Zorn, Feindbild und Hass betrafen, erscheinen uns die beiden grausamen Weltkriege als geordnet. Ein festes Reglement trennte Krieg von Frieden, Zivilisten von Soldaten. Und heute? - Hatten sich unsere Politiker ausreichend über den "Gegner" informiert, als sie ab 2001 im Oktober 3.600 deutsche Soldaten zum Hindukusch schickten, um unser Land zu verteidigen? Zur selben Zeit fielen die ersten US-amerikanischen Bomben. Es wurde der NATO-Bündnisfall ausgerufen. Gegen wen richtete sich die Mobil-machung der NATO, die durch den UN-Sicherheitsrat legitimiert wurde? Gegen kriegsmüde Bauern, gegen jene, die seit dem Sturz ihres Königs Muhammad Zahir Shah 1973 durch bürgerkriegsartige Unruhen erschüttert und die seit 1979 im Kriegszustand leben?

Montag, 29. März 2010

Zypern, wer wird Präsident?

Zwar eine demokratische Wahl in Türkisch-Zypern - aber gern international unter den Teppich gekehrt
Der Mond erscheint als Sichel, nicht nur am Himmel über Nordzypern, sondern auch in der Flagge dieses kleinen Staates.
Weißgrundig, weht sie wie das Foto-Negativ jener knallroten vom 50 km entfernten türkischen Festland. Als politische Demonstration bedeckt sie in einem hunderte Meter großen Rechteck die Gipfel der Fünffinger-Bergkette, gut sichtbar für ihre Nachbarn, die Griechen Südzyperns. “Ich bin jedes Mal schockiert, wenn ich diese Monstrum sehen muss”, ärgerte sich der griechisch-zyprische Präsident Dimitris Christofias vor ausländischen Gästen.
Das nannte Hasan Ercakica, Regierungssprecher der Türkischen Republik Nordzypern (TRNZ) eine Beleidigung für sein ehrbares Staatssymbol. Ein Staat, den es genau genommen nicht gibt, weil er seit seiner Gründung 1983 auf Betreiben Griechenlands international (Ausnahme Türkei) nicht anerkannt wurde. Und doch ist das türkische Nordzypern seit 27 Jahren mit seinen 300.000 Einwohnern und seiner demokratisch gewählten Regierung eine politische Realität. “Unter völkerrechtlichen Gesichtspunkten besteht an der Existenz unseres Staates kein Zweifel. Auch wirtschaftlich hätten wir ohne die jahrzehntelangen Embargos prosperieren können” wurde Ex-Präsident Rauf Denktas nicht müde, die Situation seines Landes zu erklären. Ihm wurde vorgeworfen, bei allen Gesprächen über die politische Zukunft Nordzyperns ein unnachgiebiger Verhandlungspartner gewesen zu sein. Er selbst meinte dazu, dass er die international verbrieften Rechte seines Volkes immer hatte schützen müssen, eine Verantwortung, die ihm demokratisch übertragen wurde.
Auch seinem Nachfolger Mehmet Ali Talat, er gehört der sozialistischen CTP an, wurde diese Verantwortung bei der Wahl 2005 zum Präsidenten übertragen. Seit September 2008 sitzt er mit dem zyperngriechischen Präsidenten Christofias am Verhandlungstisch. Doch derartige interkommunale Gespräche finden schon seit über 40 Jahren statt - erfolglos.
Am 18. April ist nun wieder Präsidenten-Wahl. Sie wird direkte Auswirkungen auf die Frage haben, wie die Verhandlungen zwischen Nord- und Südzypern fortgeführt werden. Ein zyperntürkischer Präsident ist nicht nur moralisches Vorbild und Repräsentationsfigur wie in Deutschland, sondern er hat viele exekutive Vollmachten.


Insgesamt haben sich sieben Kandidaten für das höchste Amt im Staat registrieren lassen. Alle haben bekräftigt, dass es zu weiteren Verhandlungen kommen wird. Ob Talat wieder gewinnen wird, ist fraglich, denn er kämpft gegen den Ruf an, er habe die inseltürkische Eigenständigkeit durch seine großzügige Kompromisshaltung gefährdet. “Sollte Talat am 18. April vom Volk abgewählt werden, wird das von Gazetten und Politikern überall als Rückfall in die Zeit des “Hardliners” Rauf Denktas gegeißelt werden.” schreibt Uli Piller, der ehrenamtliche Repräsentant der TRNZ in München. Aber vor allem sollten sich die Brüsseler Beamten fragen lassen, ob sie nicht in ihrem blinden Philhellenismus mit der Aufnahme der nur griechisch-zyprischen “Republic of Cyprus” in die EU zur Verhärtung der Positionen und zur Isolierung der Zyperntürken beigetragen haben?
Denn trotz der aktuellen Friedensgespräche wird durch Rechthaberei und Bosheiten das Insel-Leben erschwert. Da geht es um Eigentumsrechte, um Rechte auf den Namen eines Käses, um Rechte an Ölvorkommen im Meer, um Fährverbindungen von Nordzypern nach Syrien und Israel, um Überflugrechte, um die Fahne …und vieles mehr. So hat z. B. Griechenland im Januar 2009 gegen den Nato-Partner Türkei für Milliarden in neue Waffensysteme investiert, während der kommunistische zyperngriechische Teil-Präsident Dimitris Christofias zu seinen ehemaligen, jetzt gewendeten Glaubensbrüdern am
21. November 2008 zum 200-Millionen-Euro-Waffeneinkauf nach Moskau reiste.

Nach fast 350 Jahren Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich wurde Zypern 1888 besetzt, 1914 formal von den Briten annektiert und elf Jahre später zur Kronkolonie ernannt, ein Status, der bis zur Unabhängigkeit 1960 galt. Als Staatsgründer gilt Erzbischof Makarios. Aber die Verfassung der Republik, auf die er vereidigt wurde, hat er nicht respektieren wollen, obwohl schon im Staatsgründungsakt von 1960 ein türkisch-zyprisches Mitbestimmungsrecht festgelegt wurde. Seitdem ist Zypern zu einem Krisenherd geworden, weil sich die Griechen als gesamtzyprisches Staatsvolk sehen und die Türken zur Minderheit mit Gastrecht degradiert haben.

Mit dem damaligen Verfassungsbruch und dem militärischen Angriff auf die türkische Zivilbevölkerung 1963/1964 hatten die Griechen schon nach drei Jahren die Republik zerstört. Dennoch gelang es ihnen bis heute sich als Opfer der Türken zu inszenieren und sowohl die internationale Presse als auch Brüssel vom Fortbestand der “Republik Zypern” zu überzeugen. Das war nicht besonders schwierig, denn alle diplomatischen Kontakte wurden seit 1963 von Zyperngriechen wahrgenommen.
Es war 1974, als Griechenland einen Putschversuch auf Zypern wagte, um den Anschluss der Insel, die megali idea, den nationalistischen Traum von Großgriechenland zu verwirklichen. Auf Kreta war es schon gelungen, die Türken zu verjagen, warum sollte es nicht auch auf Zypern gelingen? Jedoch endete dieser Griff nach Zypern mit dem Herbeieilen der Truppen vom türkischen Festland zum Schutz ihrer Volksgruppe, eine Intervention, zu der die Türkei - zusammen mit England und Griechenland - nach dem Genfer Zypern-Schutz-Abkommen berechtigt, ja sogar verpflichtet war.

“Bis Ende 2009 müssen wir eine Zypern-Lösung gefunden haben” meinte Präsident Talat vor einem Jahr. Doch die Zypern-griechische Seite hatte schon im April 2004 mehrheitlich gegen den UN-Annan-Friedens-Plan gestimmt. Sie beharrt immer noch auf ihrem vermeintlichen Anspruch auf die gesamte Insel. Die EU stärkt ihr dabei den Rücken, denn sie hatte bei dem Aufnahmeantrag schlicht übersehen, dass die “Republik Zypern” seit 1963 nicht mehr besteht. Jedenfalls hat sie ohne Not ein Gebilde aufgenommen, ohne zu wissen, auf welches Territorium sich dessen Hoheitsgewalt erstreckt.

Eine pikante Situation mit 300.000 zyperntürkischen Geiseln. Die gehören theoretisch bereits zum EU-Raum, nur können sie in der Praxis ihre Rechte nicht wahrnehmen, ihre demokratisch gewählten Vertreter, die ihnen zustehenden Sitze in Brüssel nicht einnehmen, ihre Stimmen in Rat, Kommission und Parlament nicht erheben. Dafür darf Griechisch-Zypern seine “eigene Minderheit” weiterhin boykottieren, versuchen diese durch strenges Embargo auszutrocknen und ihre Repräsentanten politisch und diplomatisch zu diskriminieren.

Aber die Sichel am Himmel wird weiter über der kleinen “Türkischen Republik Nordzypern”, geschützt durch türkische Truppen, weiter leuchten.

Heidemarie Blankenstein,
Berlin / Zypern, 29. März 2010

Freitag, 17. April 2009

Klang der Poesie


Sehen ist Sünde in der arabischen Welt. Obwohl der Oman, jenes kleine Sultanat ganz im Osten der Arabischen Halbinsel, keine gesetzlichen Kleidervorschriften kennt, verhüllen sich die meisten Frauen. Als Zeichen ihres Anstands und ihrer Frömmigkeit laufen sie herum wie katholische Nonnen - mit bodenlangem schwarzem Umhang und dem Kopftuch, dem Hijab. 

Wenn nun Sehen sündig ist, wie ist es dann mit dem Hören?

Hören ist erlaubt. Diese Lücke nutzte Klaus Geyer, Deutscher Botschafter in Maskat. Er brachte - im Rahmen von Kultur@Germany - den Klang der Poesie (Sounds of Poetry) nach Oman, und zwar ins traditionelle Bait Zubair, ein Museum, das in Alt-Maskat liegt und von dessen Zinnen sich bei Sonnenuntergang ein frappierender Farbenwechsel von Pink bis Kobaltblau beobachten lässt. Ein Phänomen, das auf den Lichtreflexen der stark eisenerzhaltigen kahlen Felsmassive beruht, die Maskat umgeben.

Der Festsaal des Zubair-Museums wurde für diesen Anlass mit wertvollen Teppichen, Kissen und Polstern gemütlich ausgestattet. Ein paar Stühle fehlten nicht, aber nur für jene, die wissen, dass nach langem Lagern das Aufstehen schwer werden kann.

Mitten drin ein schwarzer Konzertflügel sowie ein Pult. Der ehrwürdige Mohammed Al Zubair, Unternehmer, Fotograf, Sammler, Museumsgründer und Kunstmäzen war persönlich erschienen.

Und dann hoben Dr. Mohammed Khalifa vom Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg und der junge omanische Poet Abdulrahim Al Hinaie an, Gedichte in Arabisch und Deutsch vorzutragen. Ihre Worte wurden von der Pianistin Laura Feldmann sanft begleitet. Der Klang von Bach, Schumann, Chopin, Debussy umschmeichelte die Ohren der Zuhörer. Die Sängerin Stefanie Golisch rundete das Programm mit Liedern von Schubert, Brahms und Mendelssohn-Bartholdy ab.

Das omanische und europäische Publikum liess sich freiwillig an zwei Abenden (16. / 17. März 09) ins Paradies von Ton und Wort entführen,

“Sage ihr
Die du liebst
Sie sei schön
Und sie wird schön
Nach dem Maß deiner Liebe”

in ein geheimes Paradies, in dem Gefühle ausgedrückt werden, die in der realen muslimischen Welt nicht gezeigt werden dürfen. Nur in der Poesie folgt das Leben den Gesetzen des Herzens, dort dürfen sogar Hüllen von weiblicher  - aber auch männlicher - Schönheit fallen. So ist die Poesie lingua franca der Araber und Perser.

Kein Wunder, dass sich viele europäische Dichter, besonders jene des 18. und 19. Jahrhunderts, von der arabischen Poesie inspirieren ließen. Die prominentesten unter ihnen waren Goethe, Schiller und Heine.

“Zwei Abende” - wie es Botschafter Geyer sagte - “des Beweises von  Menschlichkeit, die genau ins UNESCO-Programm des jährlichen “World Poetry Day” zum Frühlingsanfang  passen“. Oder mit den einfühlsamen Worten der großen Orientalistin  Annemarie Schimmel:

“Poesie allein ist Weltversöhnung”. 

Donnerstag, 26. Februar 2009

Buch-Rezension, Gold auf Lapislazuli, Die 100 schoensten Liebesgedichte des Orients


Als der Beck-Verlag sie bat, seine Reihe “Die 100 schönsten…” durch Liebeslyrik aus dem Orient zu erweitern, hatte Claudia Ott spontan abgelehnt: “Keiner kann sich das anmaßen, denn die Fülle der Texte ist enorm. Allein die arabische Sprache kennt mehr als hundert Wörter für Liebe, und in kaum einer anderen Dichtung ist die Liebe so zentral, so facettenreich wie in der orientalischen”.

Claudia Ott, die promovierte Orientalistin muss es wissen, denn sie unterrichtet an der Universität Erlangen, spricht Arabisch, Hebräisch, Türkisch, Persisch und Paschtu.

Den Verlagsauftrag nahm sie erst an, als sie die Idee hatte,  die Gedichte nach dem üblichen Schicksal von Liebespaaren zu ordnen - -  von der ersten Verliebtheit, über ihre Vereinigung bis hin zu Trennung und Abschied.
So ist es ihr gelungen, einen geordneten Reigen aus drei Jahrtausenden und aus verschiedenen Kulturen und Sprachen auf eine Art zu versammeln, dass der Leser erkennt, wie die Lyrik über alle Zeiten hinweg aufeinander Bezug nimmt.

Gedichte von Goethe und Heine fehlen nicht. Wir erfahren bei ihrer Buchvorstellung im Auswärtigen Amt im Rahmen des “Dialogs der Kulturen“, dass sich auch Rilke, Hausmann, Buber und Opitz durch den Orient, seinen Klang der Sprache, seinen Duft und seine Farben inspirieren ließen.

Das magische Farbenspiel von “Gold auf Lapislazuli” bildet das Tor, durch das Claudia Ott den Leser die geheimnisvolle Welt des Orients betreten lässt.   “Gold auf Lapislazuli” - auch eine Metapher für Sterne auf tiefblauem Nachthimmel, die nicht nur die Autorin beim Übersetzen eines andalusischen Gedichtes bezauberte, sondern schon 2600 vor Christus den sumerischen König Gilgamesch, der seiner Angebeteten einen Wagen “aus Lapislazuli und aus Gold” verspricht. 

Bei ihren eigenen Nachdichtungen legt die Übersetzerin Ott großen Wert auf den Rhythmus der Urfassung. “So kann jeder Leser das orientalische Liebesgedicht auf seine Lebenswelt beziehen, kann den fernen Freund, den unerreichbaren Herrscher oder den Allmächtigen als Geliebten auffassen. Diese Vieldeutigkeit, Offenheit nach allen Seiten, ist in der orientalischen Dichtung Programm, sicher einer der Gründe für ihre Breitenwirkung”, schreibt  die Autorin in ihrem Nachwort.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Wenn Wissenschaft Arabisch spricht


Steht Wissenschaft nicht nur in abendländischer Tradition? Sind deshalb nicht ihre klassischen Sprachen Latein und Griechisch? Aber Arabisch?
Arabien! Mit diesem Wort verbinden wir bestimmte Bilder, böse Bilder. Kein Wunder, denn aus jener Weltgegend werden wir täglich mit Terror- Tod- und-Teufel-Nachrichten überschwemmt.

Daneben besteht noch ein zweites Bild, ein heimliches, eins von mysteriösen Märchenerzählern, betörenden Düften, bauchtanzenden Haremsdamen... ein Gemälde lüsterner Sinnlichkeit. Kurz: Unser Arabien-Bild wird auf alles Anstößige, alles Verächtliche reduziert. Als Wiege der Wissenschaften haben wir jenen Teil des Globus nie eingeordnet.

Konnten wir auch nicht, denn als solche kam er in unserer Schulbildung nicht vor. Wer jemals die Möglichkeit hatte, den Blickwinkel zu ändern, der wird erstaunt festgestellt haben, dass in der arabischen Welt das Vergangene realer als die Gegenwart ist, so als läge den Menschen ein von Jahrhunderte langer Erfahrung geprägtes Wissen im Blut, das ihnen besondere Würde und Gelassenheit schenkt. Unser böses Arabien-Bild erweist sich also bei genauerem Hinsehen als Verzerrung. Sollten wir einfach nur unsere Optik ändern?

Es ist auch die Lehre der Optik, die vom IX. bis XV. Jahrhundert vertieft wurde. Damals bewegten sich die Gelehrten von Bagdad bis Samarkand, von Granada bis Kairo, von Damaskus bis nach (Indien) Jaipur, – ihre Sprache war Arabisch.

Den Weg der Strahlen hatte zwar der berühmteste Mathematiker der Antike, Euklid, 300 v. Chr. geometrisiert, auch Ptolemäus konnte 150 v. Chr. Strahlen präzise messen, aber das Licht hatte noch nicht ihre Aufmerksamkeit erweckt. Arabische Mathematiker wie Ibn Al–Banna, Ibn Al-Haim, Al- Karaji oder Umar Al-Khayyam übersetzten die antiken Thesen der Optik und erweiterten sie. Al-Kindi und Ibn Al-Haytham, oder Alhazan, vermuteten, dass Licht eine eigene existentielle Grösse sei. Sie entdeckten 900 n. Chr. den Brennspiegel als Lichtkörper. Reflexionsgesetze werden in Ibn Al-Haythams Buch der Optik formuliert: „Sehen entsteht, wenn Strahlen des Objekts auf ein Auge fallen, sich auf der Netzhaut brechen. Dort entsteht ein Bild, welches dem des Objekts entspricht,“ notierte er sorgfältig.
Systematisch hatten alle arabischen Forscher ihre Erkenntnisse aufgezeichnet und als Enzyklopädien herausgegeben. Europa profitiert heute noch davon. Constantinus Africanus, dem Arzt aus Karthago gelang es Ende des 11. Jahrhunderts, eine Anzahl dieser Medizin-Wälzer nach Sizilien zu bringen. Mit diesem Wissen wurde Salerno (neben Palermo) zur bedeutendsten medizinischen Fakultät Europas. –
Während es noch im mittelalterlichen Europa aus religiösen Motiven als ehrenrührig galt, einen menschlichen Körper zu öffnen, versuchten die arabischen Ärzte schon die ersten schwierigen Luftröhrenschnitte unter kontrollierter Narkose. Ihre Zahn-Heilkunde, ihre Therapien von Hautkrankheiten waren um Jahrhunderte dem europäischen Wissen voraus.

Als erster hatte der 1288 geborene Ägypter Ibn Al-Nahfis, Direktor der Hospitäler von Kairo und Nasri, ebenso Kommentator der Thesen des Hippokrates, den „Kleinen Blutkreislauf“ oder „Lungen-Kreislauf“ entdeckt, also den mit Sauerstoff angereicherten Weg des Blutes, bevor es in den grossen Kreislauf (Siehe Graphik !) zurück fließt. Dasselbe gelang in Europa erst 1628 dem Engländer William Harvey.

865 n. Chr. wurde in Persien Abu Bakr Al-Razi geboren. Er leitete das Hospital von Bagdad. In seinen 280 medizinischen Werken finden wir erste Pocken- und Masern-Diagnosen mit entsprechenden Therapievorschlägen.
Ein Name wie der des 1037 im zentralasiatischen Buchara geborenen Ibn Sina, auch Avicenna genannt, ist fast vergessen, obwohl er 450 medizinische Werke verfasste, Aristoteles übersetzt und kommentiert hatte. Auch der in Cordoba 1126 geborene Ibn Ruschd, Averroes, schrieb das Al-Kulliyad , das Colliget, das aus den 7 Teilen Anatomie, Pathologie, Diagnose, Therapie, Hygiene, Ernährung und Diät bestand. Zu nennen sei noch Abu Imran ibn Maymun, Maimonides, 1135 in Cordoba geboren. Er lebte bis 1204 in Ägypten, war Leibarzt des Sultans Saladin, gilt als wichtigster Denker des mittelalterlichen Judentums, schrieb seine medizinischen und philosophischen Hauptwerke in Arabisch: „Mäßigung in allem“ empfiehlt er und „Medikamente unterstützen lediglich den Körper, damit er sein Gleichgewicht wieder erlange“.

In Beziehung zur Medizin stand die Botanik. Alexander von Humboldt erinnerte: „Die Apothekerkunst ist von den Arabern geschaffen. Die ersten Vorschriften über Bereitung der Arzneimittel sind von ihnen ausgegangen und wurden durch die Schule von Salerno in Europa verbreitet“.
Die Arzneikunde war im 13. Jahrhundert so umfangreich, dass der Botaniker Ibn Al-Baitar aus Malaga mehr als 1400 pflanzliche Rezepturen und Drogen anzuwenden wusste. Die Versorgung der gesamten Bevölkerung war von den Apotheken aus gesichert. In Europa waren arabische Elixiere nur den reichen Patriziern zugänglich.
Jahrhundertelang waren Tausende von Karawanen durchs Morgenland geschaukelt, Kamele hoch beladen mit Heilpflanzen, Gewürzen, Mineralien, Weihrauch und Seide, die sowohl für die orientalischen Basare als auch für die Märkte des Abendlands bestimmt waren. Die grossen Handelsstrassen verliefen (Weihrauch- und Seidenstrasse) durch Städte, deren Namen sagenhafte Schönheit und schimmernde Pracht verhießen.
Über den Handel mit Europa – der religiöse Zwist rückte in den Hintergrund - war Arabien zu schriftlichem Rechnen, zur Algebra, sowie zum Wiegen und Messen gezwungen. Abu Al-Wafa und Al-Kashi dachten erstmals über spezifische Gewichte nach.

Erste Präzisionswaagen entstanden im 9. Jahrhundert. Zur gleichen Zeit verfasste auch der in Usbekistan geborene Mathematiker Muhamed Ibn Musa Al Hworithmi eine Dezimal-Aufgabensammlung zur Anleitung für Händler und Notare. Nach ihm wurde der Algorithmus benannt. Europa trennte sich von den Römern übernommener komplizierter Zählweise im 13. Jahrhundert und ersetzte sie durch arabische Zahlen..

Eng verbunden mit der Mathematik war die Astronomie. Erkenntnisse der Astronomen Al-Birmi, Nasir Al-Din Al-Tusi, Thabis Ibn Qurra, Ibn Yunus, Ibn Al-Shatir dienten der Astrologie, der Bestimmung der Gebetszeit, (mit Hilfe von Sand- und Sonnenuhren) der Ausrichtung nach Mekka und der Wahrnehmung des Neumondes. Wichtig, denn in der moslemischen Welt basiert der Kalender auf Mondphasen. All jene Wissenschaftler fanden die antiken Thesen des Ptolemäus’ widersprüchlich und behaupteten schon im 11. Jahrhundert, dass die Erde eine Kugel sei. Ihre Winkelmesser, Quadranten, Sextanten und das Astrolabium zur Bestimmung des Standes der Gestirne wurden vom späteren Europa gern übernommen. Sehr früh wurden Arbeiten über Ebbe und Flut, Morgenröte, Dämmerung, den Regenbogen, den Mondhof und die Bewegungen von Sonne und Mond verfasst. Deutliche Spuren der arabischen Astronomie finden wir bei den Sternennamen.

Doch erst Kopernikus und Galilei war es im XV. Jahrhundert vorbehalten, geozentrisches Denken in heliozentrisches zu korrigieren.
Im frühen Mittelalter reisten also die arabischen Gelehrten durch ihre Welt. Sie bedienten sich des Wissens der Karthographen Al-Balki (920 n. Chr), Al-Istakhri und Al-Muquddas. Ihr Atlas der islamischen Welt bestand aus 21 Landkarten und 3 Karten der Meere. Nord und Süd war verdreht, nicht wichtig, denn man glaubte, allein der moslemische Weltteil, der bis nach China reichte, sei besiedelt.

Bis ins ferne China war Ibn Battuta im XIII Jahrhundert vom Maghreb aus über Indien gereist. 29 Jahre war er unterwegs. Eine Rekord-Reise. Er hatte genug Zeit Flora, Fauna sowie Religionen und Sitten der fernen Länder in seinem Werk Aktuelles meiner Beobachtungen präzise zu beschreiben. Der berühmteste Reisende des IX. Jahrhunderts war Sindbad der Seefahrer, der Held aus 1001 Nacht, der 900 n. Chr. von Oman aus seine abenteuerlichen Reisen angetreten haben soll.

Aber die damalige Welt war nicht nur in Bewegung, sie siedelte auch. Exzellente Zeugnisse ihrer Baukunst finden sich von Alexandria über Basra bis Samarkand. Bagdad, 762 als Hauptstadt des abbasidischen Kalifats prächtig ausgebaut, gilt architektonisch als die ideale Stadt, außerdem als Hochburg der Gelehrsamkeit. Palast und Moschee waren von mehreren Ringen umgeben. Man begab sich durch vier verschiedene Portale ins Zentrum. 786 öffnete der mächtige Harun Al Rashid das erste Hospital in Bagdad. Jede islamische Stadt hatte eins. Ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Religion, wurden alle behandelt. Neben der reinen Krankenpflege wurden dort Ärzte ausgebildet. Hospitäler gewährten Verwundeten wie Genesenden Asyl.
Wahrscheinlich wandelten sie in den Hospital-Gärten. Der Koran verspricht den Gläubigen den Garten des Paradieses. Daher mag die Stärke der Araber auf dem Gebiet der Bodenkultivierung und Landschaftsgestaltung, der Bewässerung, der Einführung von Früchten und Pflanzen wie Zuckerrohr, Granatapfel, Aprikose und Pfirsich – und der Kultivierung menschlichen Zusammenlebens – herrühren. Wassertechnik (Hydraulik) beschäftigte den Orient wie den Okzident gleichermaßen. Die hängenden Gärten von Babylon gehörten zu den sieben Weltwundern. Die dunkle Welt des Mittelalter bekam durch Araber eine neue Lebensart.

Dazu gehörten Musik und Poesie. Gitarre, Mandoline und Laute stammen aus dem mittelalterlichen Kulturexport. Der über Nordafrika und Spanien nach Frankreich gelangte Troubadour-Gesang beeinflusste die mittelhochdeutsche Minne. Nicht zu vergessen seien die orientalischen Märchen mit ihren Feen und Zauberern, die Eingang in die europäische Literatur fanden.
Als die katholischen Könige Granada 1492 mit Feuer und Schwert eroberten, die Mongolen hundert Jahre zuvor Bagdad brutal zerstört hatten, wurde so manche wissenschaftliche Handschrift vernichtet. Trotzdem hat sich ein beachtlicher Wissens- und Wortschatz arabischer Herkunft erhalten, der heute als organischer Bestandteil unserer westlichen Sprachen empfunden wird.

„Lange hatte Europa an einem Unterlegenheitsgefühl gegenüber der islamischen Welt gelitten“, schreibt heute der britische Orientalist W. Montgomery Watt. „Europa konnte sich nur davon befreien, indem es das Bild des Islams entstellte und zugleich den arabischen Umweg verleugnete, auf dem es einen großen Teil seines antiken Erbes empfangen hatte.... Es gehört zu den aufregendsten neueren Erkenntnissen der westlichen Orientalistik, dass der Anteil des Islam am westlichen Selbstverständnis weit größer ist, als bisher angenommen“.

Samstag, 10. Januar 2009

Archäologen mitten in Zyperns Zwietracht


Die Ledrastreet ist nur wenige hundert Meter lang, doch wenn sich Uwe Müller auf seinem Weg zur Mittagszeit bei einem Eis und türkischem Kaffee entspannt, braucht er gut eine Stunde für die kurze Strecke. Gewöhnlich schwellen Autolärm und Marktgeschrei zwischen Büyükhan und Eleftherias Square zu dieser Tageszeit ab. So kann er deutlich das Glöckchen der nahen griechisch-orthodoxen Phaneromeni-Kirche hören, aber auch das Rufen des Muezzins von der großen Selimiye-Moschee. Das ist Zypern. Alles ist hier vielschichtig. Dem Einerseits und Andererseits, das die Insel seit 1963 zerschneidet, kann  Müller nicht entkommen. Er arbeitet seit acht Jahren als Archäologe an der Eastern Mediterranean University (EMU) von Magusa (Famagusta) im türkischen Teil der Insel. Manchmal besucht er Freunde im griechischen Süden.  Dabei muss er eine Grenze passieren. Dann ist es mit seiner Entspannung vorbei. Frustration und Enttäuschung steigen in ihm hoch. 

Nun sollte man meinen, dass Wissenschaft  heute eine internationale Angelegenheit ist, die normalerweise keine Grenzen kennt. In Europas südöstlichstem Zipfel ist das freilich anders. Dort lebt die Forschung mit einer Grenze, an der sich die Geister scheiden. Den einen, den Griechen,  gilt sie als unerträglich. Die anderen, die Türken, beziehen aus ihr Sicherheit und Orientierung.

Als die Mittelmeerinsel vor vier Jahren Mitglied der Europäischen Union geworden war, glaubten die tapferen Brüsseler EU-Erweiterer,  die Grenze zwischen dem  griechischen  und dem türkischen Teil werde sich automatisch in Luft auflösen. 

Die Brisanz der unmittelbaren Konfrontation, die zwischen dem christlich-orthodox-griechischen und dem islamisch-orientalisch- türkischen Kulturkreis herrscht, hatten sie unterschätzt.

Dass aber gerade Archäologen durch einen außergewöhnlichen Fund in Nord-Zypern Opfer dieser Grenze würden, sogar tiefe Gräben durch die Forscherszene ziehen und Politiker in Aufregung versetzen könnten, war schon gar nicht zu erwarten.

Zwei US-amerikanische Professoren von der Eastern Mediterranean University (EMU) in Magusa (Famagusta) wandern durchs nord-zyprische Karpas-Hinterland, dort, wo meistens mehr Esel als Menschen umherstrolchen. Sie stoßen auf eigenartige Metallstücke und  informieren  den Fachmann,  den deutschen Archäologen der EMU, Dr. Uwe Müller.

Was sich ihm darbot, konnte nur durch eine unmittelbar Not-Aktion geschützt und gerettet werden. 26 gut erhaltene Gefäße, Weihrauchbrenner und Werkzeuge - alle offensichtlich aus der späten Bronze-Zeit, seit über 3000 Jahren versteckt unter einem Hügel mit vielen Namen:  Königshügel, auch Kaleburnu-Kraltepe oder Galinoporni-Vasili.


Unter Müllers Leitung, der türkisch-zyprischen Museums- und Antiquitäten-Verwaltung, dem Archäologie-Kollegen Bülent Kizilduman sowie  Akademikern aus Tübingen und Freiburg begannen Ausgrabungen im August 2005, finanziert von Deutschlands Fritz-Thyssen-Stiftung.

Da in der heutigen Zeit nur noch ganz selten so gut erhaltene Artefakte aus der Späten-Bronze-Zeit (1300 v. Chr) gefunden werden, war Sorgfalt und Behutsamkeit angesagt:  Zuerst wurden Räume mit vorhellenistischen Fresken freigelegt, in denen sich eine beachtlicher Reichtum an Luxusartikeln befand: Krüge, Kosmetik-Näpfe, Waagschalen mit ziselierter Gewichtseinteilung, Mörser, Stößel und Stöpsel. “Ihre Anfertigung aus Kupfer-Zinnlegierung erfüllt hohe technische Ansprüche. Vergleichbare Objekte sind bisher nur aus so prominenten Fundorten wie Ugarit, Megiddo oder aus Akko bekannt”, berichtet Müller. Er erzählt weiter und versetzt seine Zuhörer Jahrtausende zurück. Er lässt hoch beladene Schiffe aus der Levante kommend auf der wichtigen Route nach Anatolien und in die Ägäis im geschützten zyprischen Hafen einlaufen. Er beschreibt emsige, um Fracht feilschende Kaufleute,  um  Kupferbarren, um duftende Öle oder um berauschendes Opium. Wir meinen schließlich, eine prächtige Stadt in einer früh globalisierten, grenzenlosen Welt zu erkennen, deren Reichtum vor allem  auf  Kupfer-Ausfuhr (daher der Name Zyperns) beruht. Doch ihre Mauern sind eingestürzt, ihr Hafen versandet, ihr Name ging verloren. Ein treffliches Beispiel für Zypern gesamtes Geschick.

Schon immer haben  neue Eroberer nach der drittgrößten und kupferreichen Mittelmeerinsel gegriffen. Sie etablierten sich - und wurden vertrieben. Die vielfältigen Einflüsse lassen  sich  kaum alle aufzählen.

Wer vom Osten her aus den Gebieten der Hochkulturen an Euphrat und Tigris oder vom Nil nach Europa drängte, nahm den Weg über Zypern: das legendäre und kriegerische Reich der Hyksos, die Ägypter, Phönizier, Assyrer,  Perser und  Ptolemäer, später die Araber und von 1571 die osmanischen Türken. Ihnen gehörte Zypern  bis 1878, dem Beginn der britischen Kolonialzeit.
In umgekehrter Stoßrichtung war es nicht anders: die Achäer sowie Alexander der Große, die Römer und Byzantiner, der englische König Richard Löwenherz, die Templer und  die Kreuzfahrer, das französische Adelsgeschlecht der Lusignans, Genua und Venedig. Seit Jahrtausenden kreuzen sich hier die Machtinteressen. Auch in Zyperns jüngster Geschichte.

Schon kurz nachdem sich die Briten 1960 auf ihre drei militärischen Insel-Stützpunkte zurückgezogen und die Insel in die Unabhängigkeit entlassen hatten, radikalisierte sich das Misstrauen zwischen Griechen und Türken zum Bürgerkrieg. Erzbischof und Präsident Makarios kündigte die neue Verfassung der Republik Zypern  auf und drängte die türkischen Zyprer aus der Regierung.  Die Athener nationalistischen Obristen versorgten paramilitärische Verbände der Inselgriechen mit Waffen. Am 15. Juli 1974 putschten diese gegen die eigene griechisch-zyprische Regierung, um die Vereinigung Zyperns mit Griechenland durchzusetzen. Die Türkei sah die Zyperntürken in Gefahr und intervenierte am 20. Juli 1974. Seitdem herrscht zwar Ruhe an der Grenze zwischen  den beiden Volksgruppen, doch ohne Friedensabkommen.  Der letzte Versuch war der Friedensplan des UN-Generalsekretärs Annan, dem die türkischen Zyprer 2004 mehrheitlich zustimmten. Allerdings waren die griechischen Zyprer dagegen, aus gutem Grund. Sie hatten mit Erfolg auf  das historische Vergessen gesetzt. Dadurch war der Zypern-Horizont der Brüsseler Beamten dermaßen eingeschränkt, dass diese vor der EU-Aufnahme der Republik Zypern zu klären versäumten hatten, auf welches Territorium sich das Hoheitsgebiet des Antragstellers eigentlich erstreckte. Man hatte sich einfach der simplen griechischen Sicht angeschlossen:  
“Der türkische Nordteil gehört zur “Republik Zypern”, denn er ist seit 1974  vom türkischen Militär besetzt. Alles, was dort passiert, ist illegal”.

Das entspricht zwar der panhellenistischen Staatsdoktrin, aber nicht den historischen Tatsachen: Dass diese Republik schon seit 1963 de jure nicht mehr besteht, also auch illegal ist, das wurde in Europa einfach übersehen, was die griechischen Zyprer in eine komfortable Position hievte. Sie dürfen ungerührt und unkritisch weiter auf strenge Einhaltung des Boykotts gegen die türkisch-zyprische Bevölkerung und die von ihr gewählten und eingerichteten Institutionen drängen. Die gründete 1983 ihren eigenen Staat, die TRNZ, Türkische Republik Nord-Zypern. Aus türkischer Sicht bestehen zwei Inselstaaten. Eine Einigung auf einen einzigen gemeinsamen Staat liegt in weiter Ferne.

“Darauf können wir nicht warten”, sagt Dr. Uwe Müller, “denn ein kulturelles Welterbe ist in größter Gefahr. Plünderer gruben an mehreren Stellen und zerstörten bereits die archäologische Substanz. Der Fundort ist gefährdet, so dass es meine Verantwortung und Pflicht ist,  diese einzigartige  archäologische Stätte vor Plünderern, vor der Landwirtschaft, vor Erosion hier und jetzt zu schützen”.

Doch vom griechischen Teil aus wurden die Forscher sogleich beschuldigt, durch diese Grabung in “türkisch besetztem Gebiet” internationales Recht zu missachten. Sogar der Botschafter der “Republik Zypern” in Berlin benachrichtigte den Rektor der Universität Tübingen, dass seine Professoren an einer “illegalen Ausgrabung” beteiligt seien. Der prominente zyperngriechische Archäologe  Vassos Karageorgis nannte das deutsche Engagement “schockierend…” und “..dies wird ernste Auswirkungen haben”.

Nach dieser erpresserischen Drohung beeilte sich die Fritz-Thyssen-Stiftung, ihre finanzielle Unterstützung zurückzuziehen. 

Müller lässt sich nicht erpressen. Zwei ebenso unbeugsame Professoren aus Tübingen helfen ihm, Ernst Pernicka und Martin Bartelheim - außerdem  die Regierung der TRNZ. Sie berufen sich auf die Haager Konvention vom 26. März 1999, die von 39 Staaten signiert, in Artikel 9 b ausdrücklich Rettungsgrabungen in besetzten  Gebieten erlaubt. Trotzdem werden Einladungen an Müller und seine Kollegen zu internationalen Kongressen  -  auf  Betreiben der eingebildeten Regierung von Griechisch-Zypern  - regelmäßig  zurückgezogen, von Veranstaltern, die politischen Druck auf wissenschaftliche Arbeit fürchten. 

“Die Grabenkämpfe der Politiker dauern nun schon ein halbes Jahrhundert.
Wir Archäologen sind ihre Opfer. Trotzdem versuchen wir so gut es  - unter unserer prekären  Finanzlage - möglich ist, weiter daran zu arbeiten, das Geheimnis der anscheinend  damals globalen, grenzenlosen Welt zu ergründen und bald in einem Museums-Gebäude der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen.”

Und Martin Kobler, Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes, formuliert eine Lösung für den Zwist auf Zypern: “ Wo Politik nicht weiterkommt, muss Kultur ansetzen”.

Heidemarie Blankenstein,
Zypern, Berlin, im Januar 2009

Freitag, 8. Februar 2008

Leserbrief zu „Kreuz des Südens“

Als am 19. März 2003 US-Truppen Bagdad bombardierten, sang Dr. Josef Joffe – unisono mit Präsident Bush – ein Loblied auf diesen fatalen Kriegsbeginn.

Nun kann sich jeder einmal irren, schlimm ist es erst, wenn daraus nichts gelernt wird. Heute, fünf Jahre später, redet Joffe wieder einem fragwürdigen Kriegseinsatz das Wort. Er spricht von „Blüchers Nachfolgern“ so, als wären diese nie durch Sumpf, Blut und Tränen zweier Weltkriege marschiert.

„Die Bedrohung kommt von weit her...und Afghanistan darf nicht zur Erbpacht der Taliban werden“ behauptet Dr. Joffe unheilsschwanger.  Er mahnt NATO-Bündnistreue an. Aber mit welchem Ziel?

Joffe lässt  ausser Acht, dass  Afghanistan mit seinem ethnischen Chaos eher einem Entwicklungsland mit entsprechender Kriminalität gleicht, als einer bedrohlichen Hochburg der Taliban. Mit jedem neuen Tag der Präsenz ausländischer Truppen haben jene Taliban, die er beschwört  und meint, militärisch „besiegen“ zu können neue Sympathisanten. Denn bereits 50.000 Zivilisten wurden von NATO Truppen (kollateral) getötet. Das Problem Afghanistans ist der Status eines besetzten Landes.

„We are reluctant to admit that essentially war is the business of killing”, schrieb 1943 S.L.A. Marshall, United States Army Lieutenant Colonel “while the soldier himself comes from a civilization in which aggression, connected with the taking of life, is prohibited” Soll Deutschland  auf Gedeih und Verderb seine Jungs in einen fragwürdigen Krieg schicken, in ein Land, an dem schon so viele Nationen gescheitert sind? Deutschland ist gut beraten, nicht auf Kriegstreiber und Scharfmacher wie ZEIT-Herausgeber Dr. Joffe zu hören, sondern weiterhin seinen Fokus auf tätige Entwicklungshilfe zu lenken und sich auf diese Weise bei der Bevölkerung wohltuend von Amerika abzugrenzen.