Zwar eine demokratische Wahl in Türkisch-Zypern - aber gern international unter den Teppich gekehrt
Der Mond erscheint als Sichel, nicht nur am Himmel über Nordzypern, sondern auch in der Flagge dieses kleinen Staates.
Weißgrundig, weht sie wie das Foto-Negativ jener knallroten vom 50 km entfernten türkischen Festland. Als politische Demonstration bedeckt sie in einem hunderte Meter großen Rechteck die Gipfel der Fünffinger-Bergkette, gut sichtbar für ihre Nachbarn, die Griechen Südzyperns. “Ich bin jedes Mal schockiert, wenn ich diese Monstrum sehen muss”, ärgerte sich der griechisch-zyprische Präsident Dimitris Christofias vor ausländischen Gästen.
Das nannte Hasan Ercakica, Regierungssprecher der Türkischen Republik Nordzypern (TRNZ) eine Beleidigung für sein ehrbares Staatssymbol. Ein Staat, den es genau genommen nicht gibt, weil er seit seiner Gründung 1983 auf Betreiben Griechenlands international (Ausnahme Türkei) nicht anerkannt wurde. Und doch ist das türkische Nordzypern seit 27 Jahren mit seinen 300.000 Einwohnern und seiner demokratisch gewählten Regierung eine politische Realität. “Unter völkerrechtlichen Gesichtspunkten besteht an der Existenz unseres Staates kein Zweifel. Auch wirtschaftlich hätten wir ohne die jahrzehntelangen Embargos prosperieren können” wurde Ex-Präsident Rauf Denktas nicht müde, die Situation seines Landes zu erklären. Ihm wurde vorgeworfen, bei allen Gesprächen über die politische Zukunft Nordzyperns ein unnachgiebiger Verhandlungspartner gewesen zu sein. Er selbst meinte dazu, dass er die international verbrieften Rechte seines Volkes immer hatte schützen müssen, eine Verantwortung, die ihm demokratisch übertragen wurde.
Auch seinem Nachfolger Mehmet Ali Talat, er gehört der sozialistischen CTP an, wurde diese Verantwortung bei der Wahl 2005 zum Präsidenten übertragen. Seit September 2008 sitzt er mit dem zyperngriechischen Präsidenten Christofias am Verhandlungstisch. Doch derartige interkommunale Gespräche finden schon seit über 40 Jahren statt - erfolglos.
Am 18. April ist nun wieder Präsidenten-Wahl. Sie wird direkte Auswirkungen auf die Frage haben, wie die Verhandlungen zwischen Nord- und Südzypern fortgeführt werden. Ein zyperntürkischer Präsident ist nicht nur moralisches Vorbild und Repräsentationsfigur wie in Deutschland, sondern er hat viele exekutive Vollmachten.
Insgesamt haben sich sieben Kandidaten für das höchste Amt im Staat registrieren lassen. Alle haben bekräftigt, dass es zu weiteren Verhandlungen kommen wird. Ob Talat wieder gewinnen wird, ist fraglich, denn er kämpft gegen den Ruf an, er habe die inseltürkische Eigenständigkeit durch seine großzügige Kompromisshaltung gefährdet. “Sollte Talat am 18. April vom Volk abgewählt werden, wird das von Gazetten und Politikern überall als Rückfall in die Zeit des “Hardliners” Rauf Denktas gegeißelt werden.” schreibt Uli Piller, der ehrenamtliche Repräsentant der TRNZ in München. Aber vor allem sollten sich die Brüsseler Beamten fragen lassen, ob sie nicht in ihrem blinden Philhellenismus mit der Aufnahme der nur griechisch-zyprischen “Republic of Cyprus” in die EU zur Verhärtung der Positionen und zur Isolierung der Zyperntürken beigetragen haben?
Denn trotz der aktuellen Friedensgespräche wird durch Rechthaberei und Bosheiten das Insel-Leben erschwert. Da geht es um Eigentumsrechte, um Rechte auf den Namen eines Käses, um Rechte an Ölvorkommen im Meer, um Fährverbindungen von Nordzypern nach Syrien und Israel, um Überflugrechte, um die Fahne …und vieles mehr. So hat z. B. Griechenland im Januar 2009 gegen den Nato-Partner Türkei für Milliarden in neue Waffensysteme investiert, während der kommunistische zyperngriechische Teil-Präsident Dimitris Christofias zu seinen ehemaligen, jetzt gewendeten Glaubensbrüdern am
21. November 2008 zum 200-Millionen-Euro-Waffeneinkauf nach Moskau reiste.
Nach fast 350 Jahren Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich wurde Zypern 1888 besetzt, 1914 formal von den Briten annektiert und elf Jahre später zur Kronkolonie ernannt, ein Status, der bis zur Unabhängigkeit 1960 galt. Als Staatsgründer gilt Erzbischof Makarios. Aber die Verfassung der Republik, auf die er vereidigt wurde, hat er nicht respektieren wollen, obwohl schon im Staatsgründungsakt von 1960 ein türkisch-zyprisches Mitbestimmungsrecht festgelegt wurde. Seitdem ist Zypern zu einem Krisenherd geworden, weil sich die Griechen als gesamtzyprisches Staatsvolk sehen und die Türken zur Minderheit mit Gastrecht degradiert haben.
Mit dem damaligen Verfassungsbruch und dem militärischen Angriff auf die türkische Zivilbevölkerung 1963/1964 hatten die Griechen schon nach drei Jahren die Republik zerstört. Dennoch gelang es ihnen bis heute sich als Opfer der Türken zu inszenieren und sowohl die internationale Presse als auch Brüssel vom Fortbestand der “Republik Zypern” zu überzeugen. Das war nicht besonders schwierig, denn alle diplomatischen Kontakte wurden seit 1963 von Zyperngriechen wahrgenommen.
Es war 1974, als Griechenland einen Putschversuch auf Zypern wagte, um den Anschluss der Insel, die megali idea, den nationalistischen Traum von Großgriechenland zu verwirklichen. Auf Kreta war es schon gelungen, die Türken zu verjagen, warum sollte es nicht auch auf Zypern gelingen? Jedoch endete dieser Griff nach Zypern mit dem Herbeieilen der Truppen vom türkischen Festland zum Schutz ihrer Volksgruppe, eine Intervention, zu der die Türkei - zusammen mit England und Griechenland - nach dem Genfer Zypern-Schutz-Abkommen berechtigt, ja sogar verpflichtet war.
“Bis Ende 2009 müssen wir eine Zypern-Lösung gefunden haben” meinte Präsident Talat vor einem Jahr. Doch die Zypern-griechische Seite hatte schon im April 2004 mehrheitlich gegen den UN-Annan-Friedens-Plan gestimmt. Sie beharrt immer noch auf ihrem vermeintlichen Anspruch auf die gesamte Insel. Die EU stärkt ihr dabei den Rücken, denn sie hatte bei dem Aufnahmeantrag schlicht übersehen, dass die “Republik Zypern” seit 1963 nicht mehr besteht. Jedenfalls hat sie ohne Not ein Gebilde aufgenommen, ohne zu wissen, auf welches Territorium sich dessen Hoheitsgewalt erstreckt.
Eine pikante Situation mit 300.000 zyperntürkischen Geiseln. Die gehören theoretisch bereits zum EU-Raum, nur können sie in der Praxis ihre Rechte nicht wahrnehmen, ihre demokratisch gewählten Vertreter, die ihnen zustehenden Sitze in Brüssel nicht einnehmen, ihre Stimmen in Rat, Kommission und Parlament nicht erheben. Dafür darf Griechisch-Zypern seine “eigene Minderheit” weiterhin boykottieren, versuchen diese durch strenges Embargo auszutrocknen und ihre Repräsentanten politisch und diplomatisch zu diskriminieren.
Aber die Sichel am Himmel wird weiter über der kleinen “Türkischen Republik Nordzypern”, geschützt durch türkische Truppen, weiter leuchten.
Heidemarie Blankenstein,
Berlin / Zypern, 29. März 2010
Montag, 29. März 2010
Freitag, 17. April 2009
Klang der Poesie
Sehen ist Sünde in der arabischen Welt. Obwohl der
Oman, jenes kleine Sultanat ganz im Osten der Arabischen Halbinsel, keine
gesetzlichen Kleidervorschriften kennt, verhüllen sich die meisten Frauen. Als
Zeichen ihres Anstands und ihrer Frömmigkeit laufen sie herum wie katholische
Nonnen - mit bodenlangem schwarzem Umhang und dem Kopftuch, dem Hijab.
Wenn nun Sehen sündig ist, wie ist es dann mit dem Hören?
Hören ist erlaubt. Diese Lücke nutzte Klaus Geyer,
Deutscher Botschafter in Maskat. Er brachte - im Rahmen von Kultur@Germany - den Klang
der Poesie (Sounds of Poetry) nach Oman, und zwar ins traditionelle Bait
Zubair, ein Museum, das in Alt-Maskat liegt und von dessen Zinnen sich bei
Sonnenuntergang ein frappierender Farbenwechsel von Pink bis Kobaltblau
beobachten lässt. Ein Phänomen, das auf den Lichtreflexen der stark
eisenerzhaltigen kahlen Felsmassive beruht, die Maskat umgeben.
Der Festsaal des Zubair-Museums wurde für diesen
Anlass mit wertvollen Teppichen, Kissen und Polstern gemütlich ausgestattet.
Ein paar Stühle fehlten nicht, aber nur für jene, die wissen, dass nach langem
Lagern das Aufstehen schwer werden kann.
Mitten drin ein schwarzer Konzertflügel sowie ein
Pult. Der ehrwürdige Mohammed Al Zubair, Unternehmer, Fotograf, Sammler,
Museumsgründer und Kunstmäzen war persönlich erschienen.
Und dann hoben Dr. Mohammed Khalifa vom
Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg und der junge omanische Poet
Abdulrahim Al Hinaie an, Gedichte in Arabisch und Deutsch vorzutragen. Ihre
Worte wurden von der Pianistin Laura Feldmann sanft begleitet. Der Klang von
Bach, Schumann, Chopin, Debussy umschmeichelte die Ohren der Zuhörer. Die Sängerin
Stefanie Golisch rundete das Programm mit Liedern von Schubert, Brahms und
Mendelssohn-Bartholdy ab.
Das omanische und europäische Publikum liess sich
freiwillig an zwei Abenden (16. / 17. März 09) ins Paradies von Ton und Wort entführen,
“Sage ihr
Die du liebst
Sie sei schön
Und sie wird
schön
Nach dem Maß
deiner Liebe”
in ein geheimes Paradies, in dem Gefühle ausgedrückt
werden, die in der realen muslimischen Welt nicht gezeigt werden dürfen. Nur in
der Poesie folgt das Leben den Gesetzen des Herzens, dort dürfen sogar Hüllen
von weiblicher - aber auch männlicher -
Schönheit fallen. So ist die Poesie lingua franca der Araber und Perser.
Kein Wunder, dass sich viele europäische Dichter,
besonders jene des 18. und 19. Jahrhunderts, von der arabischen Poesie
inspirieren ließen. Die prominentesten unter ihnen waren Goethe, Schiller und
Heine.
“Zwei Abende” - wie es Botschafter Geyer sagte - “des
Beweises von Menschlichkeit, die genau
ins UNESCO-Programm des jährlichen “World Poetry Day” zum Frühlingsanfang passen“. Oder mit den einfühlsamen Worten der
großen Orientalistin Annemarie Schimmel:
“Poesie allein ist Weltversöhnung”.
Donnerstag, 26. Februar 2009
Buch-Rezension, Gold auf Lapislazuli, Die 100 schoensten Liebesgedichte des Orients
Als
der Beck-Verlag sie bat, seine Reihe “Die 100 schönsten…” durch Liebeslyrik aus
dem Orient zu erweitern, hatte Claudia Ott spontan abgelehnt: “Keiner kann sich
das anmaßen, denn die Fülle der Texte ist enorm. Allein die arabische Sprache
kennt mehr als hundert Wörter für Liebe, und in kaum einer anderen Dichtung ist
die Liebe so zentral, so facettenreich wie in der orientalischen”.
Claudia
Ott, die promovierte Orientalistin muss es wissen, denn sie unterrichtet an der
Universität Erlangen, spricht Arabisch, Hebräisch, Türkisch, Persisch und
Paschtu.
Den
Verlagsauftrag nahm sie erst an, als sie die Idee hatte, die Gedichte nach dem üblichen Schicksal von
Liebespaaren zu ordnen - - von der
ersten Verliebtheit, über ihre Vereinigung bis hin zu Trennung und Abschied.
So
ist es ihr gelungen, einen geordneten Reigen aus drei Jahrtausenden und aus
verschiedenen Kulturen und Sprachen auf eine Art zu versammeln, dass der Leser
erkennt, wie die Lyrik über alle Zeiten hinweg aufeinander Bezug nimmt.
Gedichte
von Goethe und Heine fehlen nicht. Wir erfahren bei ihrer Buchvorstellung im
Auswärtigen Amt im Rahmen des “Dialogs der Kulturen“, dass sich auch Rilke,
Hausmann, Buber und Opitz durch den Orient, seinen Klang der Sprache, seinen
Duft und seine Farben inspirieren ließen.
Das
magische Farbenspiel von “Gold auf Lapislazuli” bildet das Tor, durch das
Claudia Ott den Leser die geheimnisvolle Welt des Orients betreten lässt. “Gold auf Lapislazuli” - auch eine Metapher
für Sterne auf tiefblauem Nachthimmel, die nicht nur die Autorin beim Übersetzen
eines andalusischen Gedichtes bezauberte, sondern schon 2600 vor Christus den
sumerischen König Gilgamesch, der seiner Angebeteten einen Wagen “aus
Lapislazuli und aus Gold” verspricht.
Bei
ihren eigenen Nachdichtungen legt die Übersetzerin Ott großen Wert auf den
Rhythmus der Urfassung. “So kann jeder Leser das orientalische Liebesgedicht
auf seine Lebenswelt beziehen, kann den fernen Freund, den unerreichbaren
Herrscher oder den Allmächtigen als Geliebten auffassen. Diese Vieldeutigkeit,
Offenheit nach allen Seiten, ist in der orientalischen Dichtung Programm,
sicher einer der Gründe für ihre Breitenwirkung”, schreibt die Autorin in ihrem Nachwort.
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Berlin, Deutschland
Donnerstag, 12. Februar 2009
Wenn Wissenschaft Arabisch spricht
Steht Wissenschaft
nicht nur in abendländischer Tradition? Sind deshalb nicht ihre klassischen
Sprachen Latein und Griechisch? Aber Arabisch?
Arabien! Mit diesem
Wort verbinden wir bestimmte Bilder, böse Bilder. Kein Wunder, denn aus jener
Weltgegend werden wir täglich mit Terror- Tod- und-Teufel-Nachrichten
überschwemmt.
Daneben besteht noch
ein zweites Bild, ein heimliches, eins von mysteriösen Märchenerzählern,
betörenden Düften, bauchtanzenden Haremsdamen... ein Gemälde lüsterner
Sinnlichkeit. Kurz: Unser Arabien-Bild wird auf alles Anstößige, alles
Verächtliche reduziert. Als Wiege der Wissenschaften haben wir jenen Teil des
Globus nie eingeordnet.
Konnten wir auch
nicht, denn als solche kam er in unserer Schulbildung nicht vor. Wer jemals die
Möglichkeit hatte, den Blickwinkel zu ändern, der wird erstaunt festgestellt
haben, dass in der arabischen Welt das Vergangene realer als die Gegenwart ist,
so als läge den Menschen ein von Jahrhunderte langer Erfahrung geprägtes Wissen
im Blut, das ihnen besondere Würde und Gelassenheit schenkt. Unser böses
Arabien-Bild erweist sich also bei genauerem Hinsehen als Verzerrung. Sollten
wir einfach nur unsere Optik ändern?
Es ist auch die Lehre
der Optik, die vom IX. bis XV. Jahrhundert vertieft wurde. Damals bewegten
sich die Gelehrten von Bagdad bis Samarkand, von Granada bis Kairo, von
Damaskus bis nach (Indien) Jaipur, – ihre Sprache war Arabisch.
Den Weg der Strahlen
hatte zwar der berühmteste Mathematiker der Antike, Euklid, 300 v. Chr.
geometrisiert, auch Ptolemäus konnte 150 v. Chr. Strahlen präzise messen, aber
das Licht hatte noch nicht ihre Aufmerksamkeit erweckt. Arabische Mathematiker
wie Ibn Al–Banna, Ibn Al-Haim, Al- Karaji oder Umar Al-Khayyam übersetzten die
antiken Thesen der Optik und erweiterten sie. Al-Kindi und Ibn Al-Haytham, oder
Alhazan, vermuteten, dass Licht eine eigene existentielle Grösse sei. Sie
entdeckten 900 n. Chr. den Brennspiegel als Lichtkörper. Reflexionsgesetze
werden in Ibn Al-Haythams Buch der Optik formuliert: „Sehen entsteht,
wenn Strahlen des Objekts auf ein Auge fallen, sich auf der Netzhaut brechen.
Dort entsteht ein Bild, welches dem des Objekts entspricht,“ notierte er
sorgfältig.
Systematisch hatten
alle arabischen Forscher ihre Erkenntnisse aufgezeichnet und als Enzyklopädien
herausgegeben. Europa profitiert heute noch davon. Constantinus Africanus, dem
Arzt aus Karthago gelang es Ende des 11. Jahrhunderts, eine Anzahl dieser Medizin-Wälzer
nach Sizilien zu bringen. Mit diesem Wissen wurde Salerno (neben Palermo) zur
bedeutendsten medizinischen Fakultät Europas. –
Während es noch im
mittelalterlichen Europa aus religiösen Motiven als ehrenrührig galt, einen
menschlichen Körper zu öffnen, versuchten die arabischen Ärzte schon die ersten
schwierigen Luftröhrenschnitte unter kontrollierter Narkose. Ihre
Zahn-Heilkunde, ihre Therapien von Hautkrankheiten waren um Jahrhunderte dem
europäischen Wissen voraus.
Als erster hatte der
1288 geborene Ägypter Ibn Al-Nahfis, Direktor der Hospitäler von Kairo
und Nasri, ebenso Kommentator der Thesen des Hippokrates, den „Kleinen
Blutkreislauf“ oder „Lungen-Kreislauf“ entdeckt, also den mit Sauerstoff
angereicherten Weg des Blutes, bevor es in den grossen Kreislauf (Siehe Graphik
!) zurück fließt. Dasselbe gelang in Europa erst 1628 dem Engländer William
Harvey.
865 n. Chr. wurde in
Persien Abu Bakr Al-Razi geboren. Er leitete das Hospital von Bagdad. In seinen
280 medizinischen Werken finden wir erste Pocken- und Masern-Diagnosen mit
entsprechenden Therapievorschlägen.
Ein Name wie der des
1037 im zentralasiatischen Buchara geborenen Ibn Sina, auch Avicenna genannt,
ist fast vergessen, obwohl er 450 medizinische Werke verfasste, Aristoteles
übersetzt und kommentiert hatte. Auch der in Cordoba 1126 geborene Ibn Ruschd,
Averroes, schrieb das Al-Kulliyad , das Colliget, das aus den 7 Teilen
Anatomie, Pathologie, Diagnose, Therapie, Hygiene, Ernährung und Diät bestand.
Zu nennen sei noch Abu Imran ibn Maymun, Maimonides, 1135 in Cordoba geboren.
Er lebte bis 1204 in Ägypten, war Leibarzt des Sultans Saladin, gilt als
wichtigster Denker des mittelalterlichen Judentums, schrieb seine medizinischen
und philosophischen Hauptwerke in Arabisch: „Mäßigung in allem“ empfiehlt er
und „Medikamente unterstützen lediglich den Körper, damit er sein Gleichgewicht
wieder erlange“.
In Beziehung zur
Medizin stand die Botanik. Alexander von Humboldt erinnerte: „Die
Apothekerkunst ist von den Arabern geschaffen. Die ersten Vorschriften über
Bereitung der Arzneimittel sind von ihnen ausgegangen und wurden durch die
Schule von Salerno in Europa verbreitet“.
Die Arzneikunde war
im 13. Jahrhundert so umfangreich, dass der Botaniker Ibn Al-Baitar aus Malaga
mehr als 1400 pflanzliche Rezepturen und Drogen anzuwenden wusste. Die
Versorgung der gesamten Bevölkerung war von den Apotheken aus gesichert. In
Europa waren arabische Elixiere nur den reichen Patriziern zugänglich.
Jahrhundertelang
waren Tausende von Karawanen durchs Morgenland geschaukelt, Kamele hoch beladen
mit Heilpflanzen, Gewürzen, Mineralien, Weihrauch und Seide, die sowohl für die
orientalischen Basare als auch für die Märkte des Abendlands bestimmt waren. Die
grossen Handelsstrassen verliefen (Weihrauch- und Seidenstrasse) durch Städte,
deren Namen sagenhafte Schönheit und schimmernde Pracht verhießen.
Über den Handel mit
Europa – der religiöse Zwist rückte in den Hintergrund - war Arabien zu
schriftlichem Rechnen, zur Algebra, sowie zum Wiegen und Messen
gezwungen. Abu Al-Wafa und Al-Kashi dachten erstmals über spezifische Gewichte
nach.
Erste
Präzisionswaagen entstanden im 9. Jahrhundert. Zur gleichen Zeit verfasste auch
der in Usbekistan geborene Mathematiker Muhamed Ibn Musa Al Hworithmi
eine Dezimal-Aufgabensammlung zur Anleitung für Händler und Notare. Nach ihm
wurde der Algorithmus benannt. Europa trennte sich von den Römern übernommener
komplizierter Zählweise im 13. Jahrhundert und ersetzte sie durch arabische
Zahlen..
Eng verbunden mit der
Mathematik war die Astronomie. Erkenntnisse der Astronomen Al-Birmi,
Nasir Al-Din Al-Tusi, Thabis Ibn Qurra, Ibn Yunus, Ibn Al-Shatir dienten der
Astrologie, der Bestimmung der Gebetszeit, (mit Hilfe von Sand- und
Sonnenuhren) der Ausrichtung nach Mekka und der Wahrnehmung des Neumondes.
Wichtig, denn in der moslemischen Welt basiert der Kalender auf Mondphasen. All
jene Wissenschaftler fanden die antiken Thesen des Ptolemäus’ widersprüchlich
und behaupteten schon im 11. Jahrhundert, dass die Erde eine Kugel sei. Ihre
Winkelmesser, Quadranten, Sextanten und das Astrolabium zur Bestimmung des
Standes der Gestirne wurden vom späteren Europa gern übernommen. Sehr früh
wurden Arbeiten über Ebbe und Flut, Morgenröte, Dämmerung, den Regenbogen, den
Mondhof und die Bewegungen von Sonne und Mond verfasst. Deutliche Spuren der
arabischen Astronomie finden wir bei den Sternennamen.
Doch erst Kopernikus
und Galilei war es im XV. Jahrhundert vorbehalten, geozentrisches Denken in
heliozentrisches zu korrigieren.
Im frühen Mittelalter
reisten also die arabischen Gelehrten durch ihre Welt. Sie bedienten sich des
Wissens der Karthographen Al-Balki (920 n. Chr), Al-Istakhri und
Al-Muquddas. Ihr Atlas der islamischen Welt bestand aus 21 Landkarten
und 3 Karten der Meere. Nord und Süd war verdreht, nicht wichtig, denn man
glaubte, allein der moslemische Weltteil, der bis nach China reichte, sei
besiedelt.
Bis ins ferne China
war Ibn Battuta im XIII Jahrhundert vom Maghreb aus über Indien gereist. 29
Jahre war er unterwegs. Eine Rekord-Reise. Er hatte genug Zeit Flora, Fauna
sowie Religionen und Sitten der fernen Länder in seinem Werk Aktuelles
meiner Beobachtungen präzise zu beschreiben. Der berühmteste Reisende
des IX. Jahrhunderts war Sindbad der Seefahrer, der Held aus 1001 Nacht, der
900 n. Chr. von Oman aus seine abenteuerlichen Reisen angetreten haben soll.
Aber die damalige
Welt war nicht nur in Bewegung, sie siedelte auch. Exzellente Zeugnisse ihrer Baukunst
finden sich von Alexandria über Basra bis Samarkand. Bagdad, 762 als Hauptstadt
des abbasidischen Kalifats prächtig ausgebaut, gilt architektonisch als die
ideale Stadt, außerdem als Hochburg der Gelehrsamkeit. Palast und Moschee waren
von mehreren Ringen umgeben. Man begab sich durch vier verschiedene Portale ins
Zentrum. 786 öffnete der mächtige Harun Al Rashid das erste Hospital in
Bagdad. Jede islamische Stadt hatte eins. Ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer
Religion, wurden alle behandelt. Neben der reinen Krankenpflege wurden dort
Ärzte ausgebildet. Hospitäler gewährten Verwundeten wie Genesenden Asyl.
Wahrscheinlich
wandelten sie in den Hospital-Gärten. Der Koran verspricht den Gläubigen den
Garten des Paradieses. Daher mag die Stärke der Araber auf dem Gebiet der Bodenkultivierung
und Landschaftsgestaltung, der Bewässerung, der Einführung von Früchten und
Pflanzen wie Zuckerrohr, Granatapfel, Aprikose und Pfirsich – und der
Kultivierung menschlichen Zusammenlebens – herrühren. Wassertechnik
(Hydraulik) beschäftigte den Orient wie den Okzident gleichermaßen. Die
hängenden Gärten von Babylon gehörten zu den sieben Weltwundern. Die dunkle
Welt des Mittelalter bekam durch Araber eine neue Lebensart.
Dazu gehörten Musik
und Poesie. Gitarre, Mandoline und Laute stammen aus dem
mittelalterlichen Kulturexport. Der über Nordafrika und Spanien nach Frankreich
gelangte Troubadour-Gesang beeinflusste die mittelhochdeutsche Minne. Nicht zu
vergessen seien die orientalischen Märchen mit ihren Feen und Zauberern, die
Eingang in die europäische Literatur fanden.
Als die katholischen
Könige Granada 1492 mit Feuer und Schwert eroberten, die Mongolen hundert Jahre
zuvor Bagdad brutal zerstört hatten, wurde so manche wissenschaftliche
Handschrift vernichtet. Trotzdem hat sich ein beachtlicher Wissens- und
Wortschatz arabischer Herkunft erhalten, der heute als organischer Bestandteil
unserer westlichen Sprachen empfunden wird.
„Lange hatte Europa
an einem Unterlegenheitsgefühl gegenüber der islamischen Welt gelitten“,
schreibt heute der britische Orientalist W. Montgomery Watt. „Europa konnte
sich nur davon befreien, indem es das Bild des Islams entstellte und zugleich
den arabischen Umweg verleugnete, auf dem es einen großen Teil seines antiken
Erbes empfangen hatte.... Es gehört zu den aufregendsten neueren Erkenntnissen
der westlichen Orientalistik, dass der Anteil des Islam am westlichen
Selbstverständnis weit größer ist, als bisher angenommen“.
Samstag, 10. Januar 2009
Archäologen mitten in Zyperns Zwietracht
Die Ledrastreet ist nur wenige hundert Meter lang, doch wenn sich Uwe Müller auf seinem Weg zur Mittagszeit bei einem Eis und türkischem Kaffee entspannt, braucht er gut eine Stunde für die kurze Strecke. Gewöhnlich schwellen Autolärm und Marktgeschrei zwischen Büyükhan und Eleftherias Square zu dieser Tageszeit ab. So kann er deutlich das Glöckchen der nahen griechisch-orthodoxen Phaneromeni-Kirche hören, aber auch das Rufen des Muezzins von der großen Selimiye-Moschee. Das ist Zypern. Alles ist hier vielschichtig. Dem Einerseits und Andererseits, das die Insel seit 1963 zerschneidet, kann Müller nicht entkommen. Er arbeitet seit acht Jahren als Archäologe an der Eastern Mediterranean University (EMU) von Magusa (Famagusta) im türkischen Teil der Insel. Manchmal besucht er Freunde im griechischen Süden. Dabei muss er eine Grenze passieren. Dann ist es mit seiner Entspannung vorbei. Frustration und Enttäuschung steigen in ihm hoch.
Nun sollte man meinen, dass Wissenschaft heute eine internationale Angelegenheit ist, die normalerweise keine Grenzen kennt. In Europas südöstlichstem Zipfel ist das freilich anders. Dort lebt die Forschung mit einer Grenze, an der sich die Geister scheiden. Den einen, den Griechen, gilt sie als unerträglich. Die anderen, die Türken, beziehen aus ihr Sicherheit und Orientierung.
Als die Mittelmeerinsel vor vier Jahren Mitglied der Europäischen Union geworden war, glaubten die tapferen Brüsseler EU-Erweiterer, die Grenze zwischen dem griechischen und dem türkischen Teil werde sich automatisch in Luft auflösen.
Die Brisanz der unmittelbaren Konfrontation, die zwischen dem christlich-orthodox-griechischen und dem islamisch-orientalisch- türkischen Kulturkreis herrscht, hatten sie unterschätzt.
Dass aber gerade Archäologen durch einen außergewöhnlichen Fund in Nord-Zypern Opfer dieser Grenze würden, sogar tiefe Gräben durch die Forscherszene ziehen und Politiker in Aufregung versetzen könnten, war schon gar nicht zu erwarten.
Zwei US-amerikanische Professoren von der Eastern Mediterranean University (EMU) in Magusa (Famagusta) wandern durchs nord-zyprische Karpas-Hinterland, dort, wo meistens mehr Esel als Menschen umherstrolchen. Sie stoßen auf eigenartige Metallstücke und informieren den Fachmann, den deutschen Archäologen der EMU, Dr. Uwe Müller.
Was sich ihm darbot, konnte nur durch eine unmittelbar Not-Aktion geschützt und gerettet werden. 26 gut erhaltene Gefäße, Weihrauchbrenner und Werkzeuge - alle offensichtlich aus der späten Bronze-Zeit, seit über 3000 Jahren versteckt unter einem Hügel mit vielen Namen: Königshügel, auch Kaleburnu-Kraltepe oder Galinoporni-Vasili.
Unter Müllers Leitung, der türkisch-zyprischen Museums- und Antiquitäten-Verwaltung, dem Archäologie-Kollegen Bülent Kizilduman sowie Akademikern aus Tübingen und Freiburg begannen Ausgrabungen im August 2005, finanziert von Deutschlands Fritz-Thyssen-Stiftung.
Da in der heutigen Zeit nur noch ganz selten so gut erhaltene Artefakte aus der Späten-Bronze-Zeit (1300 v. Chr) gefunden werden, war Sorgfalt und Behutsamkeit angesagt: Zuerst wurden Räume mit vorhellenistischen Fresken freigelegt, in denen sich eine beachtlicher Reichtum an Luxusartikeln befand: Krüge, Kosmetik-Näpfe, Waagschalen mit ziselierter Gewichtseinteilung, Mörser, Stößel und Stöpsel. “Ihre Anfertigung aus Kupfer-Zinnlegierung erfüllt hohe technische Ansprüche. Vergleichbare Objekte sind bisher nur aus so prominenten Fundorten wie Ugarit, Megiddo oder aus Akko bekannt”, berichtet Müller. Er erzählt weiter und versetzt seine Zuhörer Jahrtausende zurück. Er lässt hoch beladene Schiffe aus der Levante kommend auf der wichtigen Route nach Anatolien und in die Ägäis im geschützten zyprischen Hafen einlaufen. Er beschreibt emsige, um Fracht feilschende Kaufleute, um Kupferbarren, um duftende Öle oder um berauschendes Opium. Wir meinen schließlich, eine prächtige Stadt in einer früh globalisierten, grenzenlosen Welt zu erkennen, deren Reichtum vor allem auf Kupfer-Ausfuhr (daher der Name Zyperns) beruht. Doch ihre Mauern sind eingestürzt, ihr Hafen versandet, ihr Name ging verloren. Ein treffliches Beispiel für Zypern gesamtes Geschick.
Schon immer haben neue Eroberer nach der drittgrößten und kupferreichen Mittelmeerinsel gegriffen. Sie etablierten sich - und wurden vertrieben. Die vielfältigen Einflüsse lassen sich kaum alle aufzählen.
Wer vom Osten her aus den Gebieten der Hochkulturen an Euphrat und Tigris oder vom Nil nach Europa drängte, nahm den Weg über Zypern: das legendäre und kriegerische Reich der Hyksos, die Ägypter, Phönizier, Assyrer, Perser und Ptolemäer, später die Araber und von 1571 die osmanischen Türken. Ihnen gehörte Zypern bis 1878, dem Beginn der britischen Kolonialzeit.
In umgekehrter Stoßrichtung war es nicht anders: die Achäer sowie Alexander der Große, die Römer und Byzantiner, der englische König Richard Löwenherz, die Templer und die Kreuzfahrer, das französische Adelsgeschlecht der Lusignans, Genua und Venedig. Seit Jahrtausenden kreuzen sich hier die Machtinteressen. Auch in Zyperns jüngster Geschichte.
Schon kurz nachdem sich die Briten 1960 auf ihre drei militärischen Insel-Stützpunkte zurückgezogen und die Insel in die Unabhängigkeit entlassen hatten, radikalisierte sich das Misstrauen zwischen Griechen und Türken zum Bürgerkrieg. Erzbischof und Präsident Makarios kündigte die neue Verfassung der Republik Zypern auf und drängte die türkischen Zyprer aus der Regierung. Die Athener nationalistischen Obristen versorgten paramilitärische Verbände der Inselgriechen mit Waffen. Am 15. Juli 1974 putschten diese gegen die eigene griechisch-zyprische Regierung, um die Vereinigung Zyperns mit Griechenland durchzusetzen. Die Türkei sah die Zyperntürken in Gefahr und intervenierte am 20. Juli 1974. Seitdem herrscht zwar Ruhe an der Grenze zwischen den beiden Volksgruppen, doch ohne Friedensabkommen. Der letzte Versuch war der Friedensplan des UN-Generalsekretärs Annan, dem die türkischen Zyprer 2004 mehrheitlich zustimmten. Allerdings waren die griechischen Zyprer dagegen, aus gutem Grund. Sie hatten mit Erfolg auf das historische Vergessen gesetzt. Dadurch war der Zypern-Horizont der Brüsseler Beamten dermaßen eingeschränkt, dass diese vor der EU-Aufnahme der Republik Zypern zu klären versäumten hatten, auf welches Territorium sich das Hoheitsgebiet des Antragstellers eigentlich erstreckte. Man hatte sich einfach der simplen griechischen Sicht angeschlossen:
“Der türkische Nordteil gehört zur “Republik Zypern”, denn er ist seit 1974 vom türkischen Militär besetzt. Alles, was dort passiert, ist illegal”.
Das entspricht zwar der panhellenistischen Staatsdoktrin, aber nicht den historischen Tatsachen: Dass diese Republik schon seit 1963 de jure nicht mehr besteht, also auch illegal ist, das wurde in Europa einfach übersehen, was die griechischen Zyprer in eine komfortable Position hievte. Sie dürfen ungerührt und unkritisch weiter auf strenge Einhaltung des Boykotts gegen die türkisch-zyprische Bevölkerung und die von ihr gewählten und eingerichteten Institutionen drängen. Die gründete 1983 ihren eigenen Staat, die TRNZ, Türkische Republik Nord-Zypern. Aus türkischer Sicht bestehen zwei Inselstaaten. Eine Einigung auf einen einzigen gemeinsamen Staat liegt in weiter Ferne.
“Darauf können wir nicht warten”, sagt Dr. Uwe Müller, “denn ein kulturelles Welterbe ist in größter Gefahr. Plünderer gruben an mehreren Stellen und zerstörten bereits die archäologische Substanz. Der Fundort ist gefährdet, so dass es meine Verantwortung und Pflicht ist, diese einzigartige archäologische Stätte vor Plünderern, vor der Landwirtschaft, vor Erosion hier und jetzt zu schützen”.
Doch vom griechischen Teil aus wurden die Forscher sogleich beschuldigt, durch diese Grabung in “türkisch besetztem Gebiet” internationales Recht zu missachten. Sogar der Botschafter der “Republik Zypern” in Berlin benachrichtigte den Rektor der Universität Tübingen, dass seine Professoren an einer “illegalen Ausgrabung” beteiligt seien. Der prominente zyperngriechische Archäologe Vassos Karageorgis nannte das deutsche Engagement “schockierend…” und “..dies wird ernste Auswirkungen haben”.
Nach dieser erpresserischen Drohung beeilte sich die Fritz-Thyssen-Stiftung, ihre finanzielle Unterstützung zurückzuziehen.
Müller lässt sich nicht erpressen. Zwei ebenso unbeugsame Professoren aus Tübingen helfen ihm, Ernst Pernicka und Martin Bartelheim - außerdem die Regierung der TRNZ. Sie berufen sich auf die Haager Konvention vom 26. März 1999, die von 39 Staaten signiert, in Artikel 9 b ausdrücklich Rettungsgrabungen in besetzten Gebieten erlaubt. Trotzdem werden Einladungen an Müller und seine Kollegen zu internationalen Kongressen - auf Betreiben der eingebildeten Regierung von Griechisch-Zypern - regelmäßig zurückgezogen, von Veranstaltern, die politischen Druck auf wissenschaftliche Arbeit fürchten.
“Die Grabenkämpfe der Politiker dauern nun schon ein halbes Jahrhundert.
Wir Archäologen sind ihre Opfer. Trotzdem versuchen wir so gut es - unter unserer prekären Finanzlage - möglich ist, weiter daran zu arbeiten, das Geheimnis der anscheinend damals globalen, grenzenlosen Welt zu ergründen und bald in einem Museums-Gebäude der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen.”
Und Martin Kobler, Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes, formuliert eine Lösung für den Zwist auf Zypern: “ Wo Politik nicht weiterkommt, muss Kultur ansetzen”.
Heidemarie Blankenstein,
Zypern, Berlin, im Januar 2009
Freitag, 8. Februar 2008
Leserbrief zu „Kreuz des Südens“
Als am 19. März 2003
US-Truppen Bagdad bombardierten, sang Dr. Josef Joffe – unisono mit Präsident
Bush – ein Loblied auf diesen fatalen Kriegsbeginn.
Nun kann sich jeder
einmal irren, schlimm ist es erst, wenn daraus nichts gelernt wird. Heute, fünf
Jahre später, redet Joffe wieder einem fragwürdigen Kriegseinsatz das Wort. Er
spricht von „Blüchers Nachfolgern“ so, als wären diese nie durch Sumpf, Blut
und Tränen zweier Weltkriege marschiert.
„Die Bedrohung kommt
von weit her...und Afghanistan darf nicht zur Erbpacht der Taliban werden“
behauptet Dr. Joffe unheilsschwanger. Er
mahnt NATO-Bündnistreue an. Aber mit welchem Ziel?
Joffe lässt ausser Acht, dass Afghanistan mit seinem ethnischen Chaos eher
einem Entwicklungsland mit entsprechender Kriminalität gleicht, als einer bedrohlichen
Hochburg der Taliban. Mit jedem neuen Tag der Präsenz ausländischer Truppen haben
jene Taliban, die er beschwört und
meint, militärisch „besiegen“ zu können neue Sympathisanten. Denn bereits
50.000 Zivilisten wurden von NATO Truppen (kollateral) getötet. Das Problem Afghanistans ist der Status
eines besetzten Landes.
„We are reluctant to admit that essentially war is the business of
killing”, schrieb 1943 S.L.A. Marshall, United States Army Lieutenant Colonel
“while the soldier himself comes from a civilization in which aggression,
connected with the taking of life, is prohibited” Soll Deutschland auf Gedeih und Verderb seine Jungs in einen
fragwürdigen Krieg schicken, in ein Land, an dem schon so viele Nationen
gescheitert sind? Deutschland ist gut
beraten, nicht auf Kriegstreiber und Scharfmacher wie ZEIT-Herausgeber Dr.
Joffe zu hören, sondern weiterhin seinen Fokus auf tätige Entwicklungshilfe zu
lenken und sich auf diese Weise bei der Bevölkerung wohltuend von Amerika abzugrenzen.
Dienstag, 11. Dezember 2007
Zypern, Ein Zwischenruf
Wie ein Blitz aus dem
heiteren Himmel des Sommers 1974 überraschte die türkische Invasion das
friedliche, fruchtbare, multikulturelle Zypern, das sich unter einem gütigen
Patriarchen nach langer Unterdrückung durch Osmanen und Briten seiner jungen
Unabhängigkeit erfreute.
So stellte Präsident
und Erzbischof Makarios den Fall seines Staates bei seinem ersten Auftreten
nach der türkischen Intervention vom 20. Juli 1974 vor den Vereinten Nationen
in New York dar, und so übernehmen die Medien und auch Teile der offiziellen
Geschichtsschreibung, die Schulbücher – wahrscheinlich nicht nur in
Griechenland – und schließlich sogar die Brüsseler Bürokraten und Europapolitiker
die Perzeption der türkischen Aktivitäten als ungerechtfertigten,
völkerrechtswidrigen Gewaltakt eines auf nationalistische Expansion bedachten
Staates.
Viele der Akteure
handeln dabei wider besseres Wissen, denn die Ereignisse von 1963/64, die zum
Aufbrechen der Verfassung von 1960 und sogar schon zur Stationierung einer der
ersten UN-Friedenstruppen führten, sind in der Presse und bei den Diskussionen
im Rahmen der UN hervorragend dokumentiert. Andere mögen aus Desinteresse oder
müde der „zyprischen Querelen“ ignoriert haben, dass nicht erst die
innergriechischen Auseinandersetzungen des Jahres 1974 zum Auslöser der
türkischen Intervention wurden, sondern das türkische Interventionsrecht schon
1963 und danach immer wieder alle Ereignisse in und um Zypern überschattete und
in politische Überlegungen einbezogen werden musste, dass die Türkei nicht ohne
Grund ihre Interventionsstreitkräfte im Süden in ständiger Alarmbereitschaft
hielt.
Einige Anmerkungen,
die beispielhafte Ereignisse des Jahres 1972 betreffen, können zur Erläuterung
dienen, denn auch sie werden heute kaum mehr erwähnt und sollen wahrscheinlich
dem Vergessen anheim fallen, weil sie der herrschenden, manipulierten
Auffassung vom „türkischen Überfall“ widersprechen. Doch machen sie deutlich,
welchen Provokationen die türkische Garantorstellung in Zypern immer wieder
ausgesetzt war:
Die Insel ist schon
1972 faktisch dreigeteilt: Nur im griechisch-zyprischen Gebiet kann die
griechisch-zyprische Regierung der „Republik Zypern“ ein Machtmonopol ausüben,
die britischen Gebiete Dhekelia und Akrotiri unterstehen der Souveränität
Londons. Viele türkische Enklaven, besonders die große im Norden zwischen
Nikosia und Kyrenia, dürfen und können alleine von keinem Griechisch-Zyprer
betreten werden. Hier kontrollieren die türkisch-zyprische Selbstverwaltung und
die Turkish Fighters rigide ihr
Gebiet. Besondere Straßen werden zur Umgehung des türkisch-zyprischen Sektors im
Norden gebaut, und nur 2 x täglich dürfen Zypern-Griechen per Auto unter
strikter UN-Kontrolle und Begleitung in einem kilometerlangen Konvoi diesen
Sektor direkt durchfahren.
Auf der Fahrt durch
den Konvoi-Korridor kann man die großen Flächen mit einfachen
Flüchtlingsunterkünften beobachten, die von den türkisch-zyprischen Behörden
nach 1964 für die aus ihren bedrohten Wohnorten geflüchteten Zyperntürken
errichtet wurden – mit Mitteln aus Ankara, um eine Abwanderung oder Evakuierung
im großen Stil zu verhüten. Kein Griechisch-Zyprer darf seit 1964 (und später
noch bis 2002 !) den türkischen Sektor betreten; Türkisch-Zyprer können etwa
seit 1968 - als eine Art Gastarbeiter zur Behebung des Arbeitskräftemangels –
wieder in das griechisch-zyprische Gebiet überwechseln.
Offizielle
interkommunale Gespräche zwischen den Volksgruppen finden zwar statt, machen
aber nur sehr zähflüssig Fortschritte; Staatspräsident und Ethnarch
(Volksgruppenführer) Makarios identifiziert sich nicht mit ihnen und lässt
seinen Vertrauten Glavkos Klerides verhandeln.
Da fordern am 2. März
1972 und erneut dringlich am 27. März 1972 die drei Bischöfe der
zyprisch-orthodoxen Kirche – und parallel auch der orthodoxe Erzbischof von Athen und ganz Griechenland Hieronymus –
Erzbischof Makarios ultimativ auf, von seinem Amt als Staatspräsident
zurückzutreten, und drohen, im Falle der Weigerung seine Absetzung als
Erzbischof auszusprechen. Er habe – so u.a. ihre Begründung – sein weltliches
Amt in einer Art ausgefüllt, die gegen die nationalen griechischen Interessen
und gegen die Interessen der Kirche gerichtet gewesen sei, indem er versucht
habe, ein „Cyprus consciousness“ zu schaffen. Er sei außerdem für den
Prestigeverlust der Kirche, die Ausbreitung des Nihilismus und Atheismus, das
Anwachsen des Kommunismus und die Festigung der türkischen Position
verantwortlich (so und in dieser Reihenfolge !).
Hauptargument ist
schließlich, die von Makarios betriebene Politik des „feasible“ verstoße gegen
das Ideal der ENOSIS und führe zur Trennung Zyperns vom Volksganzen („national
trunk“). Am 1. Juli 1972 wiederholen die Metropoliten ihre Aufforderung zum Rücktritt
und setzen dem Erzbischof (und Präsidenten) zur Entscheidung eine Frist von 10
Tagen.
Der Angriff ist nur
aus der politischen Konfrontation Athen – Nikosia heraus verständlich. Makarios
mit seiner Unabhängigkeitspolitik, seiner 30.000 Mann starken Nationalgarde und
seiner ablehnenden Haltung gegenüber den Zyperntürken steht dem Ausgleich Athen
– Ankara und dem panhellenischen Hegemonieanspruch Griechenlands im Wege. Athen
weiß in dieser Lage die Metropoliten für sich zu gewinnen. Die Reaktion auf
diese konzertierte Aktion der Obristen und Metropoliten ist jedoch anders als
erwartet:
Noch innerhalb der
Frist weist Makarios die Angriffe scharf und klar zurück: „With the wolves
swooping down the shepherd does not desert the sheep and flee“. Durch zahllose
Treue- und Unterstützungsbekundungen der zyperngriechischen Bevölkerung geht er
gestärkt aus der Konfrontation hervor.
Außenpolitisch
vertieft sich der Graben zu Athen, doch das übrige Ausland steht fest
geschlossen zu Makarios. Viele Staaten der Dritten Welt, in denen Zypern und
besonders Präsident Makarios hohes Ansehen genießen, übersenden
Sympathieerklärungen.
Wichtiger ist jedoch,
dass auch die westliche Welt diesen Manövern zur Absetzung des
Staatspräsidenten nicht tatenlos zusieht: Die USA, denen ein neuer Unruheherd
im Mittelmeer bei der 1972 stärker werdenden Tendenz zur politischen
Entspannung und zum Abbau überseeischer Verpflichtungen schweres Kopfzerbrechen
bereiten würde, informieren die Athener Regierung umgehend, dass sie an der
Aufrechterhaltung von Ruhe und Sicherheit an der Südostflanke der NATO aufs
äußerste interessiert seien. Ähnlich interveniert Großbritannien, das bei
jeglicher Unruhe auf Zypern um den Fortbestand seiner souveränen Basen fürchten
muß. Und die Türkei? Beobachter und Gesprächspartner der türkischen Diplomatie
im Jahre 1972 sind sich einig, dass militärisch-machtpolitisch nur eine
Kurzschlußhandlung extrem
nationalistischer Kreise dazu führen kann, den Präsidenten abzusetzen. Mit dem
gewaltsamen Sturz eines verfassungsmäßig gewählten Staatsoberhaupts würden die
nationalistisch-klerikalen Putschisten die Prinzipien westlicher Demokratie
gröblich verletzen. Vor allem wäre die Frage nicht gelöst, was nach Makarios
käme. Das Resumée der politischen Gespräche mit türkischen Partnern zu diesem
Punkt habe ich in einer Aufzeichnung vom August 1972 festgehalten: „Sollten
diese Putschisten nach einer Absetzung Makarios’ versuchen, ohne vorhergehende
Wahl eine farblose Marionette an seine Stelle zu setzen, so käme es mit großer
Wahrscheinlichkeit zu chaotischen innenpolitischen Zuständen, wenn nicht zum
Bürgerkrieg. Einer weiterhin zu Makarios stehenden, aufbegehrenden und aus
früheren Zeiten her gut bewaffneten Bevölkerung gegenüber müsste hart
durchgegriffen werden, trotz aller ENOSIS-Parolen würden die Kommunisten und
auch weitere Teile der Bevölkerung der indirekten Herrschaft des Athener
Obristenregimes starken Widerstand entgegensetzen, und nicht zuletzt würden im
Falle von bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen innerhalb des griechischen
Bevölkerungsteiles die Türken unter Berufung auf das Sicherheitsinteresse ihrer
in isolierten oder gemischten Gemeinden wohnenden Volksangehörigen versuchen,
die Teilung der Insel unter Ausdehnung der jetzt schon von ihnen beherrschten
Enklaven zu vollziehen.“
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1972 kam es deshalb
doch nicht zum vollen Ausbruch des Konflikts zwischen den Athener Obristen,
ihren chauvinistischen Partnern in Nikosia und dem Präsidenten Makarios. Erst
zwei Jahre später ließen sich die radikalen Panhellenen in Griechisch-Zypern nicht mehr bremsen und stürzten mit Makarios
endgültig die schon seit 1963 nur noch
auf dem Papier stehende verfassungsmäßige Ordnung Zyperns. Damit kam aber fast automatisch die sich schon Jahre vorher
abzeichnende Entwicklung in Gang, die zu der sich inzwischen
verfestigenden Teilung der Insel führte.
Labels:
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